Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Und laß dir’s wohl gefallen!
Nachrichten Kultur Und laß dir’s wohl gefallen!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 22.12.2014
Von Dr. Christian Strehk
Ich steh’ an Deiner Krippen hier: KMD Volkmar Zehner beflügelt seine himmlischen Heerscharen. Quelle: Nickolaus
Kiel

Kirchenmusikdirektor Volkmar Zehner ruft ab und scheint dabei selber zu genießen: Sein erarbeitetes Hörbild vom Meisterwerk des späten Leipziger Thomaskantors ist auffällig rund, die Barockmusik pulsiert organisch, ohne sich jemals in zickigen Klangrede-Übertreibungen zu verhakeln. Der Chorsopran kuppelt die Klänge mild und rein. Die Choräle sprechen in ganzen Sätzen und Sinneinheiten, ohne dabei Konsonanten zu spucken. Und selbst ein so heikler Chorsatz wie das Ehre sei Gott wirkt im allemal hochvirtuosen Tempo wie das perfekte Gewebe einer Tapisserie mit ewig gültiger biblischer Botschaft.

 Allenfalls in fugierten Passagen, etwa im Chorsatz Herrscher des Himmels, fällt auf, dass Zehner nicht in allen Stimmen aus dem Vollen schöpfen kann und so nicht überall die höchste Stufe der Homogenität erreicht. Auch sind die Frauenstimmen teilweise in Ketten gemischt verzahnt aufgestellt, um ihre klangliche Übermacht zu kaschieren – was überwiegend gut funktioniert. In der sechsten Kantate gelingt ohnehin ein grandioser Schlusspunkt im Brustton der Überzeugung: „Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht.“ Punkt.

 Der Bass Konstantin Heintel passt unter den Solisten am allerbesten in dieses Konzept. Balsamisch schön und sonor singt er seine Partien. Solche Momente genießt man auch beim Tenor Michael Connaire, etwa wenn er die frohen Hirten herrlich entspannt eilen lässt. Aber seine eindrucksvolle Erzähler-Perspektive steckt auch voller dramatischer Kontraste. Vom Flüstern bis zum Herausposaunen ist alles dabei.

 Solche musik- und worttextgesteuerte Ausdrucksenergie vermisst man dann bei Heide-Rose Bauer. Die tonlich wenig präsente Altistin deutet nicht genügend an, dass gerade in ihren wunderbaren Arien auch schon Anklänge an die am Horizont drohende Passion Christi mitschwingen kann. Untertöne dieser Art, die auf die Tugendlehre der Parodie-Vorlage verweisen (Bachs Kantate zum Thema Herkules am Scheidewege) machen ja gerade den Abstand zwischen dem „Fünften Evangelisten“ Bach und seinen Zeitgenossen aus. Die Sopranistin Olivia Stahn, zunächst ähnlich spröde gestimmt, entwickelt in der sechsten Kantate sendungsbewusste Leuchtkräfte.

 Das im Generationswechsel befindliche Hamburger Barockorchester fügt sich gut ein in den unaufhaltsamen Fluss der Bachtöne. Es gerät dabei am Ende der Adventszeit noch nicht in den gefürchtet langweiligen „WO“-Modus „Autopilot“. Die viel seltener gegebene Kantate VI lässt das ja ohnehin nicht zu. Und selbst wenn die Trompeten vor Wochen vielleicht noch unbeschwerter gespielt haben – Weihnachtsglanz verbreiten sie hier allemal.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!