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Kultur Eine schier unglaubliche Odyssee
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20:06 06.10.2018
Von Thomas Richter
"Occident Express": Die Inszenierung von Josua Rösing ist fordernd.  Quelle: Marco Ehrhardt
Kiel

Flucht, Das Ende von Heimat, oft das Ende von Identität, Elend, Hunger, Verzweiflung. Flucht, seit Menschengedenken ein Kosmos so endlos wie undurchdringlich. Dem namenlosen Grauen einen Namen, ein Gesicht zu geben versucht der italienische Dramatiker Stefano Massinis mit seinem Stück „Occident Express“, das in der herausfordernden Inszenierung von Josua Rösing im Studio des Schauspielhauses Premiere feierte.  

Die Wände von Mira Königs spannungsreichen, stark stilisierten Bühnenraum sind schwarz, in er Mitte ein mit gelb-schwarzen Absperrband eingefasstes Podest mit einem ein Steg. Auf dem Podest: Stühle, die an Bahnhofshallen oder U-Bahnstationen erinnern, die das Warten, den Schwebezustand zwischen Abreise und Ankunft symbolisieren.

Flucht mit der vierjährigen Enkelin

Das ganze Arrangement ist eingebettet in Wasser, was man aber erst am Ende richtig wahrnimmt. Vier Personen nehmen auf den kalten, metallenen Sitzgelegenheiten Platz.  „Ich heiße Haifa. Ich habe graue Haare.“ Das sind die ersten Worte des Stücks. Sie werden gesprochen von Felix Zimmer und doch konzentrieren sich unsere Blicke auf Kammerschauspielerin Almuth Schmidt. Ihr fortgeschrittenes Lebensalter, ihre gebeugte Körperhaltung, die gleichzeitig müden und aufmerksam-kämpferischen Augen, der graue Pferdeschwanz repräsentieren das Selbstbildnis, das gerade von jemand anderem beschrieben wird.

Aber dieser jemand ist eben kein anderer. Er ist ein Teil von Haifa. Genauso wie die Schauspielerinnen Ellen Dorn und Anne Rohde. Alle vier bilden verschiedene Ebenen im Charakterbild von Haifa, jener alten Frau, die von einer schier unglaubliche Odyssee erzählt.  Mit ihrer vierjährigen Enkelin flieht sie vor den marodierenden „Kehlendurchschneidern“ ihrer Heimat. 18.000 Kilometer führen sie auf der so genannten Balkanroute vom Irak bis nach Schweden.

Der Zuschauer braucht Identifikationsfiguren

Bewusst bricht Regisseur Rösing die Subjektivität von Haifas Erinnerungen und verteilt das Erlebte auf mehrere Akteure. Aber auch Fluchthelfer, Schleuser Schlepper oder Drogendealer, denen Haifa auf ihrem Weg begegnet,  werden in Dialogszenen von den vier Schauspielern verkörpert.  

Das Ziel ist klar. Um Haifas Einzelschicksal soll der Rahmen einer existentiellen Allgemeingültigkeit gezogen werden. Das kann klappen, birgt aber auch Gefahren. Denn es ist nun einmal ein  Rezeptions-Reflex, dass der Zuschauer für fast alle Geschichten Identifikationsfiguren braucht. Erst so entstehen Emotionen, wird das Mitleiden und -erleben ermöglicht. Und auch Massini wird in Bezug auf das Theater im Programmheft  mit den Worten zitiert: „Ich hasse einfach alles, was reiner Intellekt ist, ohne die Emotionalität des Menschen zu berühren.“ 

Großer Applaus für ein starkes Bild

So ist sein packender Monolog fesselnd und, ja, spannend geschrieben. Die szenische Umsetzung indes wirkt streckenweise allzu akademisch, auch wenn die elektronischen Klangbilder von Felix Stachelhaus viel Rückenwind verleihen. 

Am Schluß verlassen alle bis auf Almuth Schmidt die Bühne, gehen durch das Wasser hinaus, verwischen quasi die Spuren der Erinnerung. Zurück bleibt eine alte Frau. Ins Black hinein wiederholt sie ihr Mantra  „Ich heiße Haifa. Ich habe graue Haare.“ Ein starkes Bild. Großer Applaus.

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