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Kultur Sünder-Trauma und Gaukelspiel
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15:01 23.09.2018
Wein, Weib, Gesang, Religion: Lola (Tatia Jibladze) und Turiddu (Yoonki Baek) mit den Sizilianern (Opern- und Extrachor des Theaters Kiel) in "Cavalleria rusticana". Quelle: Olaf Struck
Kiel

In einem allseits bedrängenden Riesenbeichtgestühl steckt die schwere Last von Jahrhunderten Glaubensmoral. Santuzza (expressiv: Cristina Melis) durchlebt ihre Situation als unehelich Schwangere im erzkatholischen italienischen Süden als symbolistisch überzeichnetes Sündertrauma. Aus den Türen quillt der Chor der ironischen Verächter, klappen bibelschwerer Sakralkitsch und Kunstgeschichtszitate, in denen Bezugspersonen mit Passionsfiguren gleichgesetzt werden. Was immer bloß opernkonventionell wirkte, wird in der österlichen Abendmahls- und Kreuzigungsrhetorik zwischen Brot und Wein, Blutschuld und Vergebung relevant.

Stefano Meos Bariton bietet den nötigen finsteren Gegendruck auch als Tonio im ungleichen Schwesterwerk "I Pagliacci" von Ruggero Leoncavallo. Schon sein imposanter Prolog über die Wahrheiten auf und hinter der Bühne zeigt, wie stark die Inszenierung Ceresas hier umsteuert. Nun ist alles freie Imagination, verwandeln sich die zuvor aufwändig symbolbeladenen Kostüme in clowneske Commedia dell’arte-Träume.

Ceresa doppelt die Figuren des Eifersuchtsvielecks durch Akrobaten, die aus der Zauberkiste der Versenkung heraus all die hochfliegende Pläne der Theaterwelt vorführen. Ein wenig kommt ihm diese fluffige Poesie der Gaukelbilder im Bajazzo aber in die Quere. Der harte Schnitt zurück ins Fleisch desillusionierter Hinterbühnen-Realität, mit der der Affektmörder Canio (überzeugend: Dario Prola) der Komödie den Garaus macht, wirkt hier nicht so verstörend wie er sollte.

Während man unter Leitung von Georg Fritzsch in der "Cavalleria" die unaufhaltsam drängende sizilianische Lavaglut (noch) vermisst, begeistert die vital und differenziert aufgefasste "Bajazzo"-Partitur.

www.theater-kiel.de

Von Christian Strehk

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