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17:21 22.10.2017
Von Jürgen Gahre
Dafür gab es Standing ovations: Anne Sophie Duprels in "Risurrezione". Quelle: Clive Barda
Wexford

Inzwischen ist das alte provisorische Theater längst einem ausnehmend schönen, kleinen Opernhaus mit fantastischer Akustik gewichen. Opernfans wissen dieses ungewöhnliche Festival zu schätzen und kommen aus aller Welt angereist – selbst das notorisch schlechte irische Oktober-Wetter hält sie nicht von diesem Opernabenteuer ab.

Medea: Konnte hohe Erwartungen nicht erfüllen

Als Eröffnungspremiere des 66. Wexforder Festivals wurde allerdings in diesem Jahr dem Publikum keine völlig unbekannte Oper präsentiert – der eine oder andere dürfte Luigi Cherubinis Meisterwerk „Medea“ schon einmal begegnet sein; ein Livemitschnitt mit Maria Callas ist gerade erst von Warner veröffentlicht worden.

Die in Wexford gespielte, auf der neuen kritischen Edition basierende italienische Fassung der ursprünglich auf Französisch komponierten Oper aber konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen, obwohl für die Titelpartie die phänomenale norwegische Sopranistin Lise Davidsen zur Verfügung stand. Fiona Shaws ungeschickte, teilweise befremdlich wirkende Inszenierung hat die meist hervorragenden Leistungen der Sänger und des Orchestra of the Wexford Opera unter der Leitung von Stephen Barlow nicht deutlich genug zur Geltung kommen lassen.

Margherita: Eine kleine Opernsensation

Wer vor vier Jahren die außerordentlich erfolgreiche Aufführung von Jacopo Foronis Oper „Cristina, regina di Svezia“ in Wexfold gesehen hatte, der erwartete von der Neuinszenierung der „Margherita“ wiederum eine kleine Opernsensation. Und genau so ist es dann auch gekommen. Denn was der 1824 in Verona geborene Foroni bereits in seinem mit 23 Jahren geschriebenen Opernerstling zu bieten hat, ist mehr als bewundernswert. Es ist eine perfekt gemachte Semiseria, die zu gleichen Teilen humorvoll und ernst, fast tragisch ist. Das auf einem Drama von Eugène Scribe basierende Libretto von Giorgio Giachetti zeigt wahrlich keinen Mangel an ebenso lustigen wie komplizierten Verwicklungen, Intrigen und rustikalem Frohsinn einerseits und dramatischen Zuspitzungen bis hin zur Hinrichtung eines Soldaten andererseits. Dem jungen Jacomo Foroni ist zu diesem Libretto eine Musik eingefallen, die ihre Verwandtschaft mit Donizetti, speziell mit dessen „L'elisir d'amore“ nicht leugnen kann. Zum anderen macht sich aber durchaus bereits hier ein eigener Stil bemerkbar, der Esprit mit Ausgelassenheit und zielgerichteter Dramatik zu verbinden weiß.

Wie nur, fragt man sich, ist es möglich, dass ein so vielversprechender, höchst talentierter Komponist fast keine Spuren in der Musikgeschichte hinterlassen hat?  Kurz nach der Uraufführung seiner „Margherita“ am 4. März 1848 in Mailand geriet er wegen revolutionärer Aktionen – er hatte ein patriotisches Lied gegen die habsburgische Fremdherrschaft geschrieben – ins Visier der österreichischen Polizei und zog es vor, ins Exil nach Schweden zu gehen, als Hofkapellmeister der Königlichen Stockholmer Oper. Foronis früher Tod – er starb bereits mit 34 Jahren an der Cholera in seiner Wahlheimat – und seine häufige Abwesenheit von Italien führten dazu, dass seine Opern schon nach kurzer Zeit in Vergessenheit gerieten.

Der Regisseur Michael Sturm und sein Bühnenbildner Stefan Rieckhoff lassen die Handlung im Italien der späten 1940er Jahre, also kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs, spielen. Ser Matteo, der selbstgefällige, faule Bürgermeister eines kleinen Dorfes, findet in Matteo d'Apolito (Bariton) einen Darsteller, der dem schmierigen Charakter des aufgeblasenen Podestà nichts schuldig bleibt. Von seinem Dorf hat der Krieg nur einige Ruinen übrig gelassen, und die Soldaten kehren meist als Verwundete und Krüppel heim. In einer solchen Notsituation muss halt jeder seinen Vorteil suchen, was Roberto, der Neffe des Podestà, dann auch mit sehr krummen Touren versucht. Diesen Halunken porträtiert Filippo Fontana (Bariton) auf eindrucksvolle Weise. Als dessen Machenschaften von Conte Rodolfo (stimmgewaltig: der Bariton des Yuriy Yurchuk) aufgedeckt worden sind, kann Margherita ihren Ernesto endlich in die Arme schließen. Die Titelpartie ist bei Alessandra Volpe in besten Händen. Sie vermag ihrem runden schönen Mezzosopran eine beachtliche Palette an Gefühlsregungen abzugewinnen. Andrew Stenson als Ernesto kann seinen großen Auftritten tenoralen Glanz verleihen, zunächst als betrogener Bräutigam und später als vor Glück strahlender Geliebter und zukünftiger Ehemann der Margherita.

Timothy Myers führt das Orchester der Wexford Festival Opera mit leichter Hand durch die quirlige und manchmal auch gefühlige Partitur. Die vor Lebenslust und schalkhaftem Humor nur so strotzenden Chöre sind von Errol Girdlestone vorzüglich einstudiert. Viel herzlicher Applaus für alle!

Risurrezione: Eindrucksvoll in atmosphärisch dichten Bildern erzählt

Standing Ovations aber gab es bei „Risurrezione“ von Franco Alfano, bei einem Komponisten, den selbst Opernfans nur als Fußnote wahrgenommen haben, als denjenigen nämlich, der Puccinis „Turandot“ vollendet hat. Dass er selbst ein hervorragender und zu seiner Zeit erfolgreicher Komponist war, wurde in Wexford eindrucksvoll bewiesen.

 Es geht in dieser veristischen, 1904 uraufgeführten Oper um Katiusha, ein junges Mädchen, das von Dimitri, dem jungen Herrn eines russischen Landsitzes, verführt wird. Ihr wird gekündigt, sie muss sich als Prostituierte durchschlagen, landet in einem Moskauer Gefängnis und wird nach Sibirien verbannt. Diese auf  Tolstois Roman „Auferstehung“ zurückgehende Geschichte wird von der Regisseurin Rosetta Cucchi in eindrucksvollen, atmosphärisch dichten Bildern erzählt. Die französische Sopranistin Anne Sophie Duprels durchlebt und durchleidet die Rolle der Katiusha mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Gerard Schneider, ein Tenor von beachtlicher Ausstrahlung, macht aus Dimitri einerseits den unwiderstehlichen Verführer und andererseits den ehrlich bereuenden Mann, der Erlösung in der Religion findet. Die von Francesco Cilluffo passioniert dirigierte Partitur, die ein Füllhorn von herrlichen Melodien bereit hält, ist von außerordentlicher Sinnlichkeit und Schönheit und lässt immer wieder an Puccinis Meisterwerke denken. Man sollte „Risurrezione“ unbedingt häufiger spielen!

Das diesjährige Festival endet am 5. November. Das Wexford Festival 2018 findet vom 19. Oktober bis 4. November statt. Es gibt „La Princesse jaune“ von Camille Saint-Saëns, „L'oracolo“ von Franco Leoni, „Dinner at Eight“ von William Bolcom und „Faust“ (Originalversion) von Charles Gounod. Kartenvorverkauf ab 14. April 2018 Tel. +353 53 912 2400 / Wexfordopera.com

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