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Kultur Opulent und brillant: "Wilhelm Tell"
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15:51 16.10.2017
Celli als Zeichen heimatlicher kultureller Identität: Jemmy, der von amusischen Unterdrückern schwer verletzte Sohn (Katerina von Bennigsen, li.) von Wilhelm Tell (Stefano Meo), gibt die Hoffnung auf Kunstfreiheit nicht auf.  Quelle: Olaf Struck
Kiel

Das Cello wird zum Zeichen: Freie heimatliche Identität entsteht im kulturellen Gedächtnis einer gleichgestimmten Gemeinschaft – vor allem durch Sprache, Bräuche, Musik, Dichtung und Malkunst. Dafür steht hier Jemmy, der junge Schwärmer, dessen Hoffnungsschreie die Sopranistin Katerina von Bennigsen immer wieder wie SOS-Raketen über allem leuchten lässt. Dieser Sohn des großen Mahners Guillaume, dem der italienische Kavalierbariton Stefano Meo über knapp dreieinhalb Stunden baumstark vokale Präsenz verschafft, träumt sich schon während der Ouvertüre in ein von jeglicher Zensur befreites Kunst-Welt-Ideal hinein. Doch solche Gedanken werden sogleich von barbarischen Schergen mit Füßen getreten und nachhaltig verletzt: Kunst ist für sie Anarchie.

Der italienische Regisseur Fabio Ceresa versteht Gioacchino Rossinis letzte und vielleicht bedeutendste Oper, die Bearbeitung von Schillers Wilhelm Tell, als großes Gleichnis. Das historisch-politische Grand-Opéra-Tableau eines Befreiungskrieges der Schweizer von der Besetzung durch die Habsburger zu Beginn des 14. Jahrhunderts tritt zugunsten einer allgemeingültigen Warnung vor kultureller Unterdrückung zurück. In den opulenten, an historische Ölgemälde erinnernden Kostümen von Giuseppe Palella klammern sich die Unterdrückten an ihre vielen Musikinstrumente. Deren Klänge sind verbotene Waffen.

Die amusischen Unterdrücker, böse deutsche Bilderstürmer und Bücherverbrenner in farblos-düsteren Restaurationsuniformen, werden angepeitscht vom ewig gestrigen Metternich-Monster Gesler, dem Jörg Sabrowski in Stimme und Statur fies knurrenden Hass einverleibt. Den berühmten Apfel stilisiert er zum zentralen Symbol seiner Macht: Nur wer von den Saiten der Freiheit ablässt, bekommt zu Essen.

Besonders differenziert und immer auffällig nah an den einkomponierten Gesten der Musik zeichnet Ceresas Personenregie das gefährdete Liebespaar. Der Schweizer Verschwörer Arnold ist ein sensibler Zweifler an sich selbst und seiner Kunst. Er weiß offensichtlich nicht, ob der „fremde“ kulturelle Einfluss seiner Muse Mathilde Fluch oder Segen ist. Ihre beiden extrem schwierigen erweisen sich zudem als besonders brillant gesungen von Anton Rositskiy und Agnieszka Hauzer.

Der Chor glänzt mit Klangsinnlichkeit und Schlagkraft.  Kiels Stellvertretender Generalmusikdirektor Daniel Carlberg animiert die Philharmoniker zu dramatisch fiebrigem Spiel.

www.theater-kiel.de

Von Strehk

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