Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Ostermaier-Uraufführung "Ein Pfund Fleisch": Liebe wird zur Ware
Nachrichten Kultur Ostermaier-Uraufführung "Ein Pfund Fleisch": Liebe wird zur Ware
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:51 15.09.2012
Shylock (Dominique Horwitz) boxt auf eine Schweinehälfte ein. Quelle: Daniel Bockwoldt

Das ist wohl immer gut gemeint, aber nicht immer gut - nicht immer darf der Zuschauer sich geistig bereichert fühlen. Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg etwa hatte jüngst Szenestar René Pollesch bei durchwachsener Besucherresonanz mit seinem sarkastischen Schinken "Neues vom Dauerzustand" die Saison eröffnet.

Dort hat am Freitagabend Albert Ostermaiers "Ein Pfund Fleisch" Uraufführung gefeiert, die zweite Auftragsarbeit des Hauses. Nur freundlichen Beifall spendete das Publikum dem knapp anderthalbstündigen Stück, das den Kapitalismus und seine virtuellen Geldgeschäfte mit Motiven aus William Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" von 1596 geißelt. Kleist-Preisträger Ostermaier (44) gilt als einer der angesehensten Dramatiker, Lyriker und Romanciers, lange war er Hausautor am Wiener Burg-Theater. Was er diesmal zu sagen hatte, erschien so reduziert wie die Inszenierung des jungen Dominique Schnizer.

Auf kahler, weißer Bühne (Ausstattung: Christin Treunert) hängt am Fleischerhaken eine blutige Schweinehälfte. Hinten, halb verdeckt, stehen ein paar Anzugträger und eine junge Frau, die aussieht wie ein Model. Verbissen schlägt in der Mitte ein Mann im Business-Outfit mit Boxhandschuhen auf das Schwein ein. "Am besten kauft man dann, wenn das Blut auf den Straßen klebt", schreit er, "dann fallen die Preise". Es ist Shylock (Dominique Horwitz), der jüdische Banker von Venedig, den Shakespeare in seinem vielschichtigen Drama dem christlichen Kaufmann Antonio (Michael Prelle) Geld leihen lässt um den Preis, dass er im Fall des Nichtzurückzahlens ein Stück Fleisch aus dem Körper Antonios schneiden darf.

Gibt es beim britischen Renaissance-Dichter bei aller Bitterkeit noch einen versöhnlichen Ausklang, so kennt Ostermaier keine Gnade. Er verkürzt den Stoff auf sechs Personen und allgemeine Thesen. Sätze wie "Wir sind alle Spieler im System. Aber im Grunde spielt das System mit uns und spielt uns alle zugrunde" knallen dem Besucher wie Kugeln um die Ohren. Natürlich wird hier auch die Liebe zur Ware. Hoffnung keimt nur auf in einer Portia (Maria Magdalena Wardzinska), die sich zur Occupy-Aktivistin wandelt. Videobilder von wütenden Jugendprotesten wirken denn auch wie das einzig Lebendige im cool-brutalen Geschehen. Ein Lob den Schauspielern, die bei alledem ihr Herzblut einbringen.

dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Zur neunten Nacht der Kirchen in Hamburg öffnen heute 130 Gemeinden in der Hansestadt ihre Räume. Unter dem Motto "A und O" laden die Kirchen von 19.00 bis 24.00 Uhr gemeinsam ein zu Literatur, Musik, Kunst und Tanz.

15.09.2012
Kultur Literatur - Sachbuch-Charts

Quelle: Spiegel

18.09.2012

Quelle: Spiegel

18.09.2012
Anzeige