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Kultur Geranie unter Verdacht
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07:00 09.11.2018
Von Konrad Bockemühl
Verdachtsfall im Visier: Museumsdirektorin Kirsten Baumann und Melanie Jacobi, Gottorfer Provenienz-Forscherin, mit dem Bild „Mädchen mit Geranie“ von Karl Hofer (entstanden um 1923). Der Blick auf die Rückseite gab wichtige Hinweise. Quelle: Carsten Rehder/dpa
Schleswig

Zwar stand schnell fest, dass es sich um das Gemälde "Mädchen mit Geranie" von Karl Hofer handelt, einem deutschen Expressionisten, dessen gesamtes Werk die Nazis ab 1933 als „entartet“ verfemten. Nicht restlos geklärt werden konnte dagegen die Herkunfts- und Eigentumsfrage. Eine Herausforderung für Provenienzforscherin Melanie Jacobi, die in der dritten Projektphase seit 2013 am Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf mit kriminalistischem Spürsinn dem Verdacht auf „NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut“ nachgeht. Lässt sich so ein Verdacht erhärten, stellt sich die Frage der Restitution, der Rückgabe an die Erben der damals rechtmäßigen Eigentümer.

Provenienz-Ampel auf orange-rot

Bei Hofers Mädchen mit Geranie steht die „Provenienz-Ampel“ auf orange (bedenklich) bis rot (belastet): Nummern, Buchstaben und Etiketten auf der Rückseite des Bildes sprechen dafür, dass das Gemälde aus dem Besitz zunächst des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim (1878-1937) und dann, ab 1929, des jüdischen Sammlers Max Selig stammt. Der wurde in der Reichspogromnacht komplett ausgeplündert. Ein Kontakt mit Erben Seligs, der 1938 nach Australien flüchtete, ist hergestellt. Ein Enkel aus Kopenhagen war bereits auf Gottorf. Und man wird sich einigen, sagt Melanie Jacobi. Dieses Bild sei ja nie angekauft, sondern hier nur treuhänderisch verwaltet worden. Museumsdirektorin Kirsten Baumann: „Unsere Hoffnung ist, dass das Bild bei uns bleiben darf. Aber wenn die Erben es zurück haben möchten, stehen wir dem nicht im Wege.“

Der Fall Gurlitt rückte die Raubkunst-Thematik in den Fokus

Bevor es im Jahr 2000 Teil der Dauerausstellung im Landesmuseum wurde, war es 35 Jahre lang als Dauerleihgabe im Bestand der Kunsthalle zu Kiel. Aus der problematisch lückenhaften Herkunft wird auf Gottorf kein Geheimnis gemacht: Ein Schild neben dem großformatigen Ölgemälde zeigt, dass man sensibilisiert ist. Der Schwabinger Kunstfund in der Wohnung Cornelius Gurlitts hat die brisante Raubkunst-Thematik 2012 ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. In der Konsequenz finanziert das neu gegründete Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste allein in Schleswig-Holstein vier Stellen für Provenienzforschung: in Kiel (wir berichteten), Schleswig, Flensburg und Lübeck. Museumsdirektorin Baumann: „Provenienzforschung ist eine moralische, aber auch eine wissenschaftliche Verpflichtung.“

Der Blick auf die Grafische Sammlung

Dass in Schleswig seit Juli 2017 Melanie Jacobi Herkunftsforschung betreibt und sich dabei mittlerweile auf Exponate der Grafischen Sammlung konzentriert, die nach 1945 ans Landesmuseum kamen, kommt nicht ganz von ungefähr. Denn bereits in ihrer Masterarbeit hatte die 26-jährige Kunsthistorikerin sich mit den seit 2010 laufenden Restitutionen aus der Sammlung der Hamburgerin Emma Budge beschäftigt – und in diesem Zusammenhang Kontakt auch mit den Gottorfern aufgenommen.

Ein belasteter "Fächer mit Vogelnest"

Einen eindeutig belasteten "Fächer mit Vogelnest" (um 1750) aus dieser Sammlung hat das Landesmuseum mittlerweile nach gütlicher Einigung mit der Erbengemeinschaft erneut erworben. Denn nach dem Tode von Emma Budge fand der Verkauf ihrer Kunstsammlung „unter Zwang“ statt: Ohne die Verfolgung ihrer jüdischen Familie durch die Nationalsozialisten wäre es nicht zu der Versteigerung in einem Berliner Auktionshaus gekommen, das, so die Recherche, den Erlös auf ein Sperrkonto überwies und damit den Erben vorenthielt. Für 103,50 Reichsmark wurde der Fächer seinerzeit vom damaligen Direktor des Kieler Thaulow-Museums, Ernst Sauermann, ersteigert. Damit befindet er sich seit 1937 im Landesmuseumsbesitz – rechtmäßig erst seit 21. September 2018.

Es geht um faire und gerechte Lösung

Ein klarer Fall, eine „gerechte und faire Lösung“, wie es die Washingtoner Prinzipien von 1998 vorsehen – während manch andere, in der internationalen Lost-Art-Datenbank beschriebene Fälle noch empfindliche Herkunftslücken aufweisen. Weshalb Melanie Jacobi weiter recherchiert.

Wo ist die "entartete Kunst" gelandet?

Museumsdirektorin Kirsten Baumann verweist derweil auf eine Liste mit zwölf verschollenen Objekten aus dem Landesmuseum, die von den Nazis als „entartete Kunst“ aus dem Kieler Vorläufer Thaulow-Museum beschlagnahmt wurden. Hier geht es um „Restitution“ in die andere Richtung. Und in zwei Werkbiografien taucht auch der Name des bekannten Nazi-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt auf. Es gibt noch viel aufzuarbeiten.

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