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Kultur Betörende Madame Butterfly
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15:59 15.12.2013
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
 Timo Riihonen (Onkel Bonze), Agnieszka Hauzer (Cio Cio San) und Ensemble in der neuen "Madame Butterfly" am Opernhaus Kiel. Quelle: Struck
Kiel

Um "Madame Butterfly" scheint es (vergleichsweise) stiller geworden zu sein, nachdem sie bis ins spätere 20. Jahrhundert hinein zu Puccinis größten Erfolgen zählte. Grausamkeit & Gewalt (Tosca), Geschlechterkampf & Märchen (Turandot), Leben, Lieben & Leiden am Rand der Gesellschaft (La Bohème) geben fürs Regietheater wohl mehr her als die Geschichte der Cio-Cio-San, die in ihrer perspektivlosen Liebe zum gefühlsstieseligen US-Offizier F. B. Pinkerton erst ihre japanischen Wurzeln kappt, um sich nach Verlust von Mann und Kind nach japanischem Brauch zu entleiben. Obwohl die Handlung in Nagasaki spielt, lässt sich da weder mit Atombombenabwurf noch aus der Emanzipationsperspektive brauchbar hantieren.

Der aus japanisch-deutschem Elternhaus stammende Regisseur Matthias von Stegmann hat quasi von Natur aus ein Gespür für inszenatorische Chancen und Grenzen des Stoffes. Zusammen mit Ausstatter Walter Schütze gibt er der Oper eine apart-sinnreiche Grundlage. Die Origami-Papierfaltkunst der Blumen, Schmetterlinge und Vögel sowie der (Größe und Enge zugleich verkörpernden) Bühnenelemente sind psychologisch ergiebig: Sie bezaubern optisch und zeigen ebenso das Künstliche, Scheinhafte von Butterflys Liebe zu Pinkerton, der sich von vornherein als Kurzzeit-Partner sieht. Wenn zum berühmten Summchor große Papiervögel aus Riesen-Dollarscheinen über die nächtliche Bühne bewegt werden, ist die Bildpoesie bildhaft-tragisch gebrochen.

Kiel. Nach zwanzig Jahren kehrt am Sonnabend Giacomo Puccinis berühmte Japan-Oper Madame Butterfly auf die Bühne des Kieler Opernhauses zurück. In dem experimentell „gefalteten“ Origami-Bühnenbild von Walter Schütze wollen der Gastregisseur Matthias von Stegmann und Kiels Stellvertretender GMD Leo Siberski die Motivationen der Figuren sicht- und hörbar machen.

Bezeichnend für die verhaltene, rituell gebändigte Brisanz der Inszenierung ist die eher beobachtende und reagierende, doch nicht bruchlos sich in ihre Lebensstruktur fügende Suzuki (Rosanne van Sandwyk, stimmlich zu schöner Klarheit fähig, mitunter etwas verhalten). Im 3. Akt gleitet Butterfly – auf eigene dezente Art – immer mehr in den Wahn ab. Kein Wunder, dass Butterflys und Pinkertons Kind im Bermudadreieck von Hoffnung, Enttäuschung und Armut wie ein Psycho-Indikator reagiert: Es wird zum Autisten und findet erst unmittelbar vor Butterflys Tod zum Kontakt mit ihr. Dass die Regie den Knaben Mamas Selbstmord miterleben und am Ende dem spätreuigen Pinkerton gleichsam Aug’ in Aug’ gegenüberstehen lässt, ist konsequent gedacht: Da steht ein Vater-Sohn-Konflikt an.

Große Oper wird der kammerspielartige Plot natürlich vor allem durch Puccinis Musik. Die hat es weit faustdicker hinter den Ohren, als es Tucholskys Spott vom „Verdi des kleinen Mannes“ suggeriert. Klar, manches muss bei schwülstiger Anrichtung operettig schmecken. Doch das Exotische ist bis hin zum tragischen Ende dramaturgisch begründet und stößt keineswegs auf platte Italianità. Vielmehr entwickelt Puccini eine eigentümlich globale Legierung aus Italienischem, Französischem, Wagnerismen und Ironie (amerikanische Nationalhymne!) und denkt diese bis zu Ganzton-Modi und tonal offenen Aktschlüssen weiter.

Dirigent Leo Siberski sorgt mit dem hochkonzentrierten Orchester dafür, dass die Musik vorwärtsstrebt, auch bei den Hits nicht gefühlig auf der Stelle tritt, doch Leidenschaft und Wärme wahrt. Der Opernchor (Einstudierung: Barbara Kler) ist mit Spielfreude und erfreulich viel Präzision bei der Sache. Agnieszka Hauzer, zu Recht stark gefeiert, trägt Cio-Cio-Sans inneren und äußeren Zwiespalt darstellerisch und gesanglich überzeugend aus. Selbst ihr Spott über Zweitehen-Bewerber Yamadori wirkt melancholisch getönt. Dem unbedarft-unbedachten Pinkerton verleiht Yoonki Baek kraftvolle Intensität: Er ist eher gedankenloser Naturbursche als Lebemann. Tomohiro Takadas warnend-mitfühlender Sharpless wird mit mühelos-wandlungsfähigem Baritongesang und intelligentem Spiel zu einem Glanzpunkt des Abends. Während Goro und Yamadori (Michael Müller, Fred Hoffman) vokal eher verschattet bleiben, fügten sich die kleineren Partien (Kristina Fehrs als Kate Pinkerton, Timo Riijohnens intonatorisch rauer Onkel Bonze sowie Slaw Koroliuk, Andrzej Bernagiewicz, Ho-Il Kim, Anka Perfanova, Cornelia Möhler und Elisabeth Raßbach-Külz als Verwandte und Amtspersonen) charakteristisch ins Geschehen ein.

So ist Kiels neue "Butterfly" unbedingt einen Besuch wert: als musikalisch und optisch schlüssig umgesetzte Parabel vom Konflikt der Kulturen und Charaktere.

Weitere Aufführungen: 4. und 11. Januar (jeweils 20 Uhr), 28. Januar (19.30 Uhr), 31. Januar und 24. Februar (jeweils 20 Uhr), 19. Februar (19.30 Uhr), 2. März (18 Uhr)

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