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Kultur „Raritäten der Klaviermusik“
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15:00 22.08.2013
Wie schon bei ihrem Debüt im Vorjahr wird die in Lübeck und Paris lebende Sofja Gülbadamova am Dienstag schwärmerisch bejubelt. Quelle: Heinemann

Tatsächlich haben die Raritäten-Konzerte ja einen Dreifacheffekt: Hörenswerte Klaviermusik wird wiederentdeckt, man begegnet Pianistinnen und Pianisten, die sonst nie nach (Nord‑)Deutschland kämen. Und acht Abende lang kann man hautnah erleben, wie vielfältig die Kunst des Klavierspiels ist. Hatte Sonntagabend der Portugiese Artur Pizarro unter anderem mit hauchfeinem, doch raumgreifend „offensivem“ Pianissimo begeistert, so erlebt man Montag beim Finnen Henri Sigfridsson – neben einer Menge Klangentladungen – leise Töne, die eher als gebremst-„defensives“ Pianissimo zu bezeichnen wären. Tags darauf holt die in Moskau geborene Sofja Gülbadamova dann ein „natürliches“, ganz in ihre eigene Klavier-Klangwelt integriertes Pianissimo aus dem fabelhaften Steinway. Wie diese Charaktere des Leisen als Produkt aus Anschlag, Pedalgebrauch, Stimmen-Differenzierung, Klaviersatz und optischem Spiel-Eindruck zustande kommen, bleibt wohl vorerst ein künstlerisches Geheimnis.

Die erste Hälfte von Sigfridssons Konzert bietet den Hörern interessante, wenngleich herbe Kost: Philipp Jarnachs Sonatina op. 18 liebt es, Ausgangsgedanken erst linear-„atonal“ zu präsentieren, um später durch akkordische Einbindung und Liegetöne freitonale Zusammenhänge freizuschaufeln. Mehr als Krzysztof Meyers recht amorphes Stück Quasi una fantasia fesselt die 2. Sonate (1953) von Grażyna Bacewicz. Deren Tonsprache ist trotz aller frei- oder atonalen Knorrigkeit motivisch konkreter und fasslicher. Das Largo bildet den eindringlichen ariosen Mittelsatz, während der abschließenden Toccata die übliche Dauerbewegung verweigert wird: Sie besteht aus immer wieder unterbrochenen Toccata-Segmenten. All dies macht Sigfridsson mit großem Einsatz und unbeirrbarem Überblick deutlich. Pianistische Schönheitspreise kann man mit diesen Werken freilich kaum gewinnen. Eingängiger und zudem rein finnisch geht es nach der Pause zu: Sibelius’ Klavierbearbeitung von vier Stücken seiner Schauspielmusik Belsazars Gastmahl entwickelt in klangschöner Kargheit einen eigenartigen nordischen „Orient“-Ton. Selim Palmgrens 24 Préludes op. 17 (1907) nötigen zu Vergleichen mit den tags zuvor von Pizarro gehörten Préludes Felix Blumenfelds (1892), die sicherlich mehr spätromantische Klavier-Wellness ausstrahlen. Doch Palmgrens Stücke wirken knapper und konzentrierter im Verlauf, reicher in den Formungen, reizvoll auf ihrem Weg von traditioneller zu „finnpressionistischer“ Harmonik. Da wird denn auch Sigfridssons Klangpalette größer und kulinarischer. Es gibt verdient starken Beifall.

Wie schon bei ihrem Debüt im Vorjahr wird die in Lübeck und Paris lebende Sofja Gülbadamova am Dienstag schwärmerisch bejubelt. Ihr sensibles, scheinbar ganz natürliches, intuitives Spiel ist aber auch enorm wandlungsfähig: Fauré (Nocturnes op. 33 Nr. 3 und 1, Barcarolle op. 42, Impromptu op. 34) leuchtet sie feinfühlig-edel aus, rehabilitiert den Klavierkomponisten Glasunow und führt dabei Thema mit Variationen op. 72, die ihr zunächst siebentaktiges Thema zunehmend erweitern, zu imponierender Größe (minimale Widerhaken nicht gerechnet). Während Mischa Levitzkis Arabesque valsante op. 6 erst allmählich interpretatorisch Farbe gewinnt, gelingt der Pianistin in Ignaz Friedmans Passacaglia op. 44 die Quadratur des Kreises: Mit seinem spröden Bassthema sowie dessen Umkehrungen und Gegenbewegungen mutet das Stück zunächst ziemlich konstruiert, ja abstrakt an. Doch unter Gülbadamovas Händen mutiert es zu einer packenden Tondichtung. Griegs Humoresken op. 6 tänzeln charmant dahin, wobei die Pianistin hier wie schon bei Fauré mit der Dynamik „ein wenig frei“ verfährt (wie einst Wagners Stolzing „mit der Melodei“). In ihrer Interpretation von Prokofjews 5. Sonate lugt aus den Knopflöchern des Neoklassizismus eine Menge Zartheit, ja Kryptoromantik hervor, wobei unterschiedliche Klangschichten eine faszinierende, geradezu körperhafte Koexistenz führen. Da es Gülbadamova auch nicht an Kraft und Kaltblütigkeit für die Steigerungsphasen mangelt, ist dies ein idealer, heftig gefeierter Abschluss eines auf Kopf und Herz zielenden Konzertes.

Nicht weniger heftigen Beifall findet am Mittwoch die seit Jahrzehnten international konzertierende Cecile Licad. Ihr Programm reicht von Edward MacDowells pianistisch eher zurückhaltenden (musikalisch nicht ganz mit den am Sonntag gehörten Fireside Tales op. 61 mithaltenden) Woodland Sketches bis zum pianistisch wohl schwersten Stück der bisherigen Konzertwoche – der 1924 komponierten 4. Sonate von Leo Ornstein (1893–2002!). War der 1906 nach Amerika emigrierte Künstler als „Ultra-Modernist“ gestartet, so bewegt sich diese Sonate dem Höreindruck nach wieder ganz in den Gefilden sattvirtuoser Spätromantik, leicht legiert mit populären US-Idiomen, wie wir sie aus amerikanischen Schwarzweißfilmen kennen. Die Lyrismen und pianistischen Zumutungen meistert Licad souverän. In ihrem vorwiegend US-amerikanisch geprägten Programm hat sie sich zuvor mit dem sentimentsatt, aber nicht sentimental glitzernden Salonstück Silver Spring des Liszt-Schülers William Mason klanglich stärker freigespielt als zuvor. Sicher, auch bei MacDowell und in Busonis eigenartig modern-folkloristischem Indianischem Tagebuch (Teil I) ist ihre interpretatorische Erfahrung, ihr klug kalkuliertes Setzen von Schwerpunkten unverkennbar. Aber Cécile Chaminades Sonata c-Moll op. 21 – die so traditionsbewusst daherkommt und doch im 1. Satz mit ihrem unvermutet frühen Fugato samt süffigem Seitenthema ebenso überrascht wie mit dem effektvollen, unerwartet kurzen Finale – könnte man sich klanglich und agogisch stärker ausgespielt, mit direkterem Pathos gestaltet vorstellen. In fünf Stücken Louis Moreau Gottschalks (des „ersten modernen Virtuosen der neuen Welt“) demonstriert sie eindrucksvoll die Bandbreite zwischen Chopin-Nachfolge und folkloristisch getöntem Salonvirtuosentum, hat Temperament, Risikofreude und Rhythmusfinessen parat. Doch auch hier zeigt ihr Spiel bis hin zu den Figurationen mitunter eine gewisse Sprödigkeit, die sich zum Glück bis zur Ornstein-Sonate und zwei Gottschalk-Zugaben immer mehr verliert.

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