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Reicht auch die halbe Kunst?

„Der Kulturinfarkt“: Vier Autoren wollen den Kulturbetrieb in ihrer Polemik um- und zurückbauen Reicht auch die halbe Kunst?

Mit Schlagzeilen wie „Deutschlands Kulturbetrieb steht vor dem Infarkt“ oder „Zuviel Geld für Kultur schadet nur“ macht seit gestern ein Autorenteam Furore. Die vier Experten, zu denen aus Schleswig-Holstein Stephan Opitz, Leiter des Referats für Kulturelle Grundsatzfragen im Kieler Fachministerium, gehört, veröffentlichen ihre provozierenden Behauptungen im Buch Der Kulturinfarkt, das am 20. März in den Handel kommt und von dem Der Spiegel in der aktuellen Ausgabe einen Voreindruck gibt.

Kiel. Auf die Hälfte der subventionierten Theater, Museen und Bibliotheken könne verzichtet werden, lautet eine der zentralen Thesen der Autoren, die ihre Untersuchung bewusst als Polemik, als geschärften Beitrag im Meinungsstreit also, verstehen. Die etablierte Subventionskultur müsse ein Ende finden, die Kulturpolitik sei in eine Lähmung verfallen, weil bei schrumpfenden öffentlichen Haushalten eine wachsende Zahl von Kultureinrichtungen erhalten werden müsse. Gleichzeitig sinke die Nachfrage, weil sich die Zahl der Nutzer nicht vermehrt habe.

Die aus den 70er Jahren stammende Forderung „Kultur für alle“ habe sich als bürgerliche Bildungsutopie herausgestellt und sei gescheitert, stellen die Autoren fest. Es habe sich erweisen, dass Kunst und Kultur „weder das individuelle noch das kollektive Glücksversprechen“ erfüllen könnten. Ein großer Teil der in den öffentlichen Haushalten bereitgestellten Mittel für Kultur würden von institutionellen Strukturen, von großen Theatern oder Museen etwa, verbraucht, die allein wegen ihres Gewichts Innovationen verhinderten. Sie müssten zurückgebaut werden, „nicht wegen der wirtschaftlichen Krise, sondern wegen der Immobilität des Systems“.

Die vier Autoren – neben Opitz der Soziologe Dieter Haselbach, und die Kulturmanager und –wissenschaftler Pius Knüsel und Armin Klein – beabsichtigen mit ihrem Buch mehr als eine Polemik. „Wir möchten den Patienten therapieren“, formulieren sie in ihrem Vorwort. „Wir machen uns Gedanken über eine Zukunft, über neue Ansätze und neue Paradigmen“. Und über eine andere Verteilung der Mittel auf die verbleibenden Einrichtungen, etwa auf neue Formen und Medien kultureller Produktion, auf die Laienkultur und die Kunstausbildung, bis hin zu der Forderung „jedem Kind ein Tablet“.

Mit Irritation haben die kritisierten Institutionen auf die Polemik reagiert. Die von den Autoren geforderte Reduzierung der Kulturetats um 50 Prozent bringe keine nennenswerte Entlastung der öffentlichen Haushalte, stellt der Deutsche Kulturrat fest. „Wenn die Lösungen so einfach wären“, formuliert dessen Geschäftsführer Olaf Zimmermann, „dann könnte Kulturpolitik am Küchentisch gemacht werden“. Ähnlich argumentiert der einheimische Landeskulturverband. Bei einem Anteil der Kulturausgaben von 0,3 Prozent an den Haushalten, könne kein Etat saniert werden. „Schade um die Arbeit, die sich die Autoren gemacht haben“, schreibt der Vorsitzende Rolf Teucher. „Sie retten nichts und niemanden. Sie erhalten nichts und niemanden.“ Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler hätte sich mehr konstruktive Auseinandersetzung als „pure Provokation“ gewünscht und bemerkt, dass Kultur längst kein menschenfremder Tempel mehr für die bürgerlichen Eliten sei: „Kulturelle Einrichtungen erbringen heute gesellschaftliche Basisleistungen und sind viel stärker sozial vernetzt als die Autoren das behaupten.“

Das Recht auf freie Meinungsäußerung gelte für jeden, so kommentiert Schleswig-Holsteins Kulturminister Ekkehard Klug die Mitwirkung seines Referatsleiters Stephan Opitz an der polemischen Schrift. Es sei allerdings nie falsch über neue Strukturen nachzudenken, der Diskussionsbeitrag fordere eben, dass Geld anders ausgegeben werde. Im Übrigen verweist der Minister auf das Schiller-Wort: Kunst ist eine Tochter der Freiheit.

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