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Kultur Der Revolutionär in neuem Licht
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12:00 14.08.2013
Eine Szene aus der Neuproduktion „Wilhelm Tell“. Quelle: Rossinifestspiele Pesaro

Wer das jährlich im August stattfindende Rossini Opera Festival in Pesaro, der Geburtsstadt des Komponisten, besucht, kann Musikgenuss mit ausgiebigen Badefreuden in der Adria und echt italienischem ‚dolce vita’ verbinden – eine unwiderstehliche Attraktion, die ein internationales Publikum jedes Jahr aufs Neue anlockt!

 Der englische Regisseur Graham Vick, der vor zwei Jahren die Gemüter in Pesaro mit einem höchst aktuellen, provokativen „Mosè in Egitto“ erhitzt hatte, erregte mit seiner Inszenierung von „Guillaume Tell“, Rossinis letzter Oper, nochmals Aufsehen und erntete beim Publikum ebenso begeisterten Zuspruch wie auch vehemente Ablehnung, die in dem Zuruf gipfelte: „Quel Vick è un vetero stalinista!“ – Dieser Vick ist ein alter Stalinist!

 Schon der Vorhang mit einer riesigen, geballten Faust auf rotem Hintergrund lässt keinen Zweifel aufkommen über das Anliegen des Regisseurs: Er fasst Tells Kampf mit Geßler und den habsburgischen Besatzern als einen Aufstand von Unterdrückten gegen eine ausbeuterische Herrscherclique auf und zeigt das mit derart spannenden, aussagekräftigen, bis ins kleinste Detail durchdachten Bildern, dass die fünfeinhalbstündige Vorstellung wie im Fluge vergeht. Selbst die harmlos-lustigen Tänze, die Geßler und seinen Gefolgsleuten (im dritten Akt) von den Dörflern vorgeführt werden müssen, werden von den Besatzern zu einer immer perverser ausartenden Orgie umfunktioniert: Frauen werden in Nebenzimmer gezerrt und vergewaltigt, Männer werden auf die schikanöseste Art erniedrigt, um dann brutal zusammengeschlagen zu werden. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn Geßler Tell befiehlt, mit dem Pfeil einen Apfel vom Haupt seines Sohnes zu schießen – dass der Knabe vorher noch von einem Offizier sexuell belästigt wird, zeigt einmal mehr, mit welch einer schamlosen Perfidie sich die Mächtigen aufführen. Am Schluss der Oper wird die Freiheit mit den Worten „Liberté, redescends des cieux!“ herbeigesehnt, eine gewaltige rote (!) Treppe senkt sich zu den Menschen herab und Geßlers Sohn Jemmy wagt als erster den steilen Aufstieg – eine großartige, einprägsame Metapher dafür, dass Freiheit nicht umsonst zu haben ist, dass für sie immer wieder gekämpft werden muss.

 Der Peruaner Juan Diego Flórez, der seit seinem ersten Auftritt 1996 in Pesaro unbestrittener Publikumsliebling ist, begeistert auch in der ungemein schwierigen Rolle des Arnold Melchtal mit seinem schlanken, äußerst flexiblen Tenor. Mühelos nimmt er die halsbrecherischsten Höhen und kann selbst in Spitzentönen noch mit purem Stimmgold punkten. Der aus Palermo stammende Nicola Alaimo kann seinen kernigen Bariton optimal in der Titelrolle einsetzen und gestaltet sie mit hinreißend revolutionärem Schwung. Mit Bart und rotem Halstuch sieht er Che Guevara ähnlich, was natürlich von der Regie gewollt ist. Mit herzerweichendem Belcanto singt er die an seinen Sohn gerichtete Arie „Sois immobile“ kurz vor dem Apfelschuss, um sich dann mit hasserfülltem Furor gegen Geßler zu wenden – eine Szene von großer Eindringlichkeit! Marina Rebeka kann in der Rolle der Mathilde mit ihrem herrlich reinen Sopran begeistern, Luca Tittoto hat den profunden Bass für die Partie des tyrannischen Geßler, dessen Brutalität und perversen Sadismus er grandios gestaltet. Auch Amanda Forsythe (Sopran) hat einen rührenden, zu Herzen gehenden Auftritt als Jemmy, Tells Sohn.

 Das Orchestra del Teatro di Bologna wird von dem aus Pesaro gebürtigen Michele Mariotti umsichtig und sicher durch die Partitur geführt. Schon gleich in der Ouvertüre wird deutlich, wie herrlich die Streicher schwelgen können, wie präzise die Bläser sind und wie harmonisch das Zusammenspiel ist. Bewundernswert auch, wie Mariotti den Spannungsbogen in den vier langen Akten kunstvoll aufbaut und die dramatischen Höhepunkte effektvoll ansteuert. Da seit einigen Jahren alle in Pesaro gemachten Produktionen schon nach kurzer Zeit auf DVD herauskommen, kann man sich schon jetzt darauf freuen, den „Guillaume Tell“ bald nochmals zu Hause genießen zu können. [Jürgen Gahre]

 Das Rossini Festival dauert noch bis zum 23. August. Außer „Guillaume Tell“ werden auch „L’Italiana in Algeri“, „La Donna del Lago“ und „L’occasione fa il ladro“ gegeben. www.rossinioperafestival.it Tel.: 0039 0721 38001

Von Jürgen Gahre

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