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Kultur „Schachnovelle“ als Oper:
Nachrichten Kultur „Schachnovelle“ als Oper:
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17:00 16.05.2013
Von Dr. Christian Strehk
Cristobál Halffter Quelle: bos: Björn Schaller
Kiel

Herr Halffter: Wie sind Sie überhaupt auf die „Schachnovelle“ gestoßen?

 Halffter: Ich habe mindestens ein halbes Jahr nach einem Stoff gesucht. Weihnachten 2008 waren meine Kinder zu Hause. Und Pedro hatte die Lösung: ’Kennst Du die Schachnovelle von Stefan Zweig? Die musst Du nehmen!’ Ich kannte sie tatsächlich nicht. Da wir auf dem Land wohnen, musste ich warten, bis Pedro in Madrid zwei Tage später das Buch besorgen und mir schicken konnte. Als ich die Post bekam, so um zwei Uhr, habe ich begonnen zu lesen. Um sieben Uhr war die Oper fertig! Der Kern der Sache stand mir vollkommen klar vor Augen. Nur die Details kamen naturgemäß später.

 Haben Sie denn vom ersten Moment fest daran geglaubt, aus einer Prosa-Vorlage ein bühnenwirksames Stück machen zu können?

 Halffter: Mir war sofort klar, dass man die Novelle nicht direkt auf die Opernbühne übertragen kann, sondern dass man sie „übersetzen“ muss. Ich kann auf der Bühne keinen Erzähler gebrauchen, der eine Geschichte vorträgt. Auch die Zeitsprünge mit Rückblenden mussten zu einer Linie geordnet werden. Das alles geschah, gemeinsam mit dem Librettisten Wolfgang Haendeler, in vollem Respekt vor Stefan Zweig. Aber es ist ohne Frage eine andere Sprache notwendig gewesen, ein neuer Raum, in dem Dasselbe in einer anderen Form erzählt wird.

 Haben Sie beim Lesen schon eine bestimmte Musiksprache vor dem inneren Ohr gehabt, beispielsweise um die Figuren unterschiedlich zu charakterisieren?

 Halffter: Nein, das nicht. Das kam später mit der Arbeit im Detail. Aber der Klang des Ganzen, der durchgängig fließt wie es die Zeit tut, der war schon da.

 Mir ist bei Sichtung der Partitur aufgefallen, dass in den vielen Instrumentalsstimmen des sehr groß besetzten Orchesters immer wieder entweder engschrittige chromatische Fortschreitungen oder sogar das Hinauf- und Hinabgleiten der Töne in Glissando-Effekten eine Rolle spielt. Prägt das diesen Klang?

 Halffter: Ja, aber man spürt diese Effekte nicht vordergründig. Der Verlauf erscheint eher wie ein einziger Pinselstrich, der eine ständige Umfärbung erfährt. Es geht mir um einen Gesamtklangstrom des Orchesters - und das macht Georg Fritzsch phantastisch. Das ist dann wie eine Wasserfläche, aus der ab und an etwas herausragt. Alle Instrumente werden wie individuelle Personen behandelt. Sie agieren deshalb häufig nicht gemeinsam. Dadurch entsteht eine Nervosität vergleichbar dem Gewimmel von Menschen auf der Straße.

 Ist das für Sie als Uraufführungsdirigent auch die zentrale Herausforderung?

 Georg Fritzsch: Rein handwerklich ist das Problem, dass hier mit den vielen Solisten und dem unheimlich großen Orchester ein riesiger Apparat bewegt wird. Was aber eben auch viele Farbmöglichkeiten bietet, die von Halffter auch faszinierend genutzt werden: von ganz brachial mit einem Schiffshorn darüber bis hin zu einer ganz einsamen Szene, die thematisch von einer Solo-Bratsche getragen ist. Diese Vielgestaltigkeit herauszuarbeiten ist neben den technischen Anforderungen der erwähnten unterschiedlichen musikalischen Ebenen, die sich manchmal nach einigen Minuten an einem bestimmten Punkt wieder finden müssen, die größte Herausforderung.

 Halffter: Der größte Kontrast besteht zwischen den turbulenten Szenen auf dem Schiff und der bedrückend absoluten Ruhe im Hotelzimmer, wo Dr. Berger in Isolationshaft sitzt. Da gibt es nur die Stimme als Hauptinstrument im Dialog mit der Solo-Bratsche plus einen tiefen Klang im Klavier.

 Herr Halffter, was ist für Sie persönlich die zentrale Aussage der Schachnovelle?

 Halffter: Der Geist. Der Mensch kann vier Monate in strengster Isolationshaft nur überleben, wenn er irgendetwas hat, mit dem er sich geistig beschäftigen kann. Das ist hier das Schachspiel. Und das wird dann so übermächtig stark, dass er daran beinahe stirbt.

 In ihrer Oper beschwert sich der Schachweltmeister mit den Worten „Sie haben gestört!“ und die Hauptfigur antwortet: „Manchmal ist das ein Verdienst“. Das Verdienst eines Einzelnen, Störfaktor für das Ganze zu sein. Entspricht das Ihrem Selbstverständnis als Künstler, der mit seiner Kunst die Gesellschaft in Spanien oder auch hierzulande „stört“, hellhörig macht, umlenkt?

 Halffter (lächelnd): Ja, das kann wohl so sein. Manche Menschen in Spanien waren vollkommen selbstsicher. Meine Kompositionen haben diese Sicherheit „gestört“, sie endlich zu neuen Gedanken angeregt. Das Wichtigste in der Schachnovelle ist mir jedoch die Zeit, die unaufhaltsam verrinnt, das aber eigentlich ja nie regelmäßig tut. Das ist auch in meiner unablässig bewegten Musik so, wie der Dirigent Georg Fritzsch nur zu gut weiß ... Das Leben springt nie zurück, sondern geht immer vorwärts, verändert sich. Man kann vielleicht versuchen, eine Schachpartie nachzuspielen. Aber man kann sie nicht wirklich völlig gleich wiederholen.

 Herr Karasek, was bedeutet das für Sie bei der szenischen Umsetzung des Werks?

 Dabiel Karasek: Die Figuren bei Halffter agieren musiktheatralisch mit einem perfekt erfassten psychologischen Subtext. Das hat filmrealistische Züge, evoziert gewaltige Bilder, die wir bewusst im historischen Kontext belassen, und kann sich zugleich auf die Einsamkeit eines Gedankens reduzieren. Cristóbal Halffter erzeugt auch Stille, aber es ist selbst dann immer eine aktive Stille. Ich liebe diese Unruhe.

 Fritzsch: Gerade die Schachpartien sind toll komponiert. Man spürt das Schizophrene, den Druck, der sich aufbaut, die Zwanghaftigkeit unmittelbar in der Musik.

 Und dann scheint das in der Partitur in eine geradezu kühl kalkulierte Klarheit umzuschlagen. Ist der Eindruck richtig?

 Halffter: Wir befinden uns seit Menschengedenken immer im selben Krieg um Macht, Geld und Religion. Keiner hat ihn jemals gewonnen. Immer hat die Menschheit verloren. Die Hauptfigur Dr. Berger weiß plötzlich, und das ist mir besonders wichtig, dass er mithelfen muss, eine neue, bessere Welt aufzubauen, damit Geist und Würde nie wieder derart in Frage gestellt werden. Das geht über Zweig hinaus, ist aber, glaube ich, in seinem Sinne.

 Uraufführung am 18. Mai 2013, 20.30 Uhr, Oper Kiel. Einführung: 19.45 Uhr. Karten: 0431 / 901 901 www.theater-kiel.de

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