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Kultur Joachim Meyerhoff spielt Shylock
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15:13 28.01.2018
Von Ruth Bender
Schauspieler Joachim Meyerhoff (l) in der Rolle des "Shylock" in der Komödie "Der Kaufmann von Venedig". Quelle: Matthias Horn/Deutsches Schauspielhaus/dpa
Hamburg

Es ist ein vertracktes Stück mit seinem unverhohlenen Antisemitismus, dem bedingungslosen Materialismus und den unklaren Identitäten. Da ist der Edelmann, der über die Hochzeit mit der schönen und reichen Portia seinen Schuldenberg abbauen will. Und Antonio, der Kaufmann, will diesem Bassanio die Hochzeit finanzieren, weil dies der einzige Weg ist, den Freund an sich zu binden. Und weil Antonio gerade selbst nicht flüssig is, geht er auf einen bizarren Handel ein mit Shylock, dem Geldverleiher aus dem jüdischen Ghetto. Der will bei Nichtbegleichung des Kredits ein Pfund Fleisch vom Körper des Geschäftspartners.

Womöglich geht es gar nicht anders, als dieses ganze ungute Konglomerat zu zersprengen, so wie es Karin Beier in ihrer Inszenierung des „Kaufmanns von Venedig“ in Hamburg gnadenlos tut. Hier spielt sich alles zwischen Geld und Körper ab - also dem, was bleibt zwischen erfundenen und angenommenen Identitäten. Und bald tanzen alle auf den Trümmern von Shylocks Besitz und von Shakespeares Theater. Beides lässt sich herauslesen aus dem Bühnenbau von Johannes Schütz, der die hell geschlämmte Architekturen des Nahen Ostens aufnimmt und in seinem zweistöckigen Aufbau auch an die elisabethanische Bühne erinnert.

Männer in Frauenkleidern

Hier posen und modeln die Männer spielerisch in Frauenkleidern und Perücken. Die Frauen sind später dran und nehmen ihre Rollen als spitzfindiger Richter (Angelika Richter), der Antonio das Leben rettet, und als Doge (Gala Othero Winter) ernst. „Es kann doch nicht sein, dass ich mir meine Identität nicht selbst aussuchen kann“, motzt Lorenzo, der Christ, der nichts dagegen hätte, mit Shylocks Tochter Jessica im Heiligen Land zum Juden zu werden. Aber so einfach ist es nicht, wenn Gesellschaft und Geschichte die Klischees schon vorgebaut und etikettiert haben.

Es geht Karin Beier um das verwirrende wie unlautere Spiel mit Zuschreibungen, Vorurteilen und Projektionen, das nicht erst durchscheint, wenn man Shakespeares Geschichte an der Gegenwart spiegelt. Die Schauspielhaus-Intendantin lässt ihr gut getuntes Ensemble Maske spielen, biegt von Shakespeares Text ab in die unmittelbare Gegenwart und lässt die Figuren immer wieder auch das Original befragen. Portia zum Beispiel, die sich wundert, warum sie das vom toten Vater verordnete Glücksspiel um ihren Zukünftigen überhaupt mitmacht. Shylock, der kurz zweifelt, ob Kumpel Tubal recht hat mit dem Postulat, der beste Weg, sich Respekt zu verschaffen, sei zurück zu schlagen.

Authentisch im Moment

Aber was ist schon echt in diesem Drama, das die Begriffe Handel und Händel zur Deckungsgleiche bringt? Shylock bestimmt nicht. Den spielt Schauspielstar Joachim Meyerhoff als aalglatten Zyniker - und, als er später dem tatsächlich zahlungsunfähigen Antonio (lässig: Carlo Ljubek) ans Herz will, so ferngesteuert, als habe der sich die Rolle des rachsüchtigen jüdischen Wucherers eigens angelernt. Oder per Gehirnwäsche eingetrichtert bekommen. Authentisch, das ist er allein in dem Moment, in dem die Trauer um die verlorene Tochter mit der um das verlorene Geld verfließt. 

Aber so etwas wie Gefühle vorzutäuschen, macht sich hier ohnehin keiner die Mühe. Weder Angelika Richters schlaue Portia, noch Gala Othero Winters kiebig kluge Jessica.

Karin Beier will alles an diesem Abend, setzt an der Gender-Frage an, schraubt am religiösen Gegensatz, verbandelt Familienstress und Turbo-Kapitalismus. Das pfropft diesem Abend viel auf und bleibt dabei nicht immer durchsichtig. Aber es bringt ins Grübeln. Vor allem in der starken Gerichtsszene, in der die Tochter in der Maske des Dogen über Shylock zu Gericht sitzt. Und wenn sie am Ende allein und zerstört zurückbleibt, dann ist das ein starkes Bild für die sich fortschreitende Last der Projektionen.

Schauspielhaus Hamburg. 31. Januar. 3., 23., 25., 28. Februar. Kartentel. 040/24713, www.schauspielhaus.de

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