Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur "Schwarze Romantik": Alptraum und Abgrund
Nachrichten Kultur "Schwarze Romantik": Alptraum und Abgrund
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:56 25.09.2012
«Satan flieht, von Ithuriels Speer berührt» von Johann Heinrich Füssli. Quelle: Boris Roessler

Das Bild aus dem Jahr 1790 führt hinein in eine Welt voller Alpträume und Abgründe. Die Ausstellung ist vom 26. September bis zum 20. Januar in Frankfurt zu sehen. Im Anschluss wird sie im Pariser Musée d'Orsay gezeigt.

Sie verfolgt die Fäden, die in der Romantik beginnen, hinein bis tief ins 20. Jahrhundert. Gleich auf der Rückseite des "Nachtmahrs" laufen Ausschnitte aus dem Film "Frankenstein" von 1931. Auf der Flucht vor dem Monster wirft sich Elisabeth in der gleichen Pose aufs Bett wie die blasse Ohnmächtige auf Füsslis Bild. Den Quadratschädel Frankensteins findet man im nächsten Raum wieder - in einem der "Caprichos" von Francisco de Goya.

Nicht als Epoche oder Stilrichtung versteht Kurator Felix Krämer Romantik, sondern als Geisteshaltung. Das verbindende Element der mehr als 200 Arbeiten ist das Interesse an "der Kehrseite der Vernunft", am Unbewussten und Unheimlichen. Historischer Auslöser, so Krämer, war die Enttäuschung vieler Künstler, dass die Französische Revolution in blutigen Terror umschlug, dass auch nach Kants "Kritik der reinen Vernunft" weiter Hexen verbrannt wurden. "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" betitelt Goya eines seiner Bilder.

Natürlich darf in dieser Schau der Inbegriff der Romantik nicht fehlen: Caspar David Friedrich. Zeitgenossen wie Heinrich von Kleist empfanden seine Bilder als radikal. Dass das heute keinem Betrachter mehr zu vermitteln ist, weiß auch das Städel - und greift zu einem Trick: Schräg hinter Friedrichs "Mond hinter Wolken über dem Meeresufer" hängt Antoine Wiertz' "Hunger, Wahnsinn und Verbrechen". Eine verzweifelte Mutter schlachtet ihr Kind, aus dem Kochtopf ragt ein Beinchen.

Offene Gräber und nächtliche Ruinen, von Geisterhand gelenkte Schiffe und Mönche im Nebel - in der Grusel-Stimmung der Ausstellung verlieren diese Motive ein wenig von ihrem süßlichen Beigeschmack. Eine Entdeckung am Rande sind die Bilder von Victor Hugo. Der Schriftsteller hinterließ 3500 teils winzige Zeichnungen von verblüffender Modernität.

Im oberen Stockwerk wird die "Schwarze Romantik" in die Moderne überführt. Symbolisten wie Odilon Redon arbeiten sich an Ängsten und Leidenschaften ab. Die Surrealisten um André Breton kämpfen für einen Sieg den Fantasie über die Macht des Faktischen. Im unteren Stockwerk kippt die Romantik am Ende ins Dekorative; im oberen Stockwerk schreitet das Genre Richtung Fantasy-Poster.

Am Ende der Ausstellung liegt wieder eine Frau in tiefem Schlaf. Salvador Dalí lässt 1944 Tiger auf sie losgehen, das Bild nennt er "Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Erwachen".

dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Geschichte der Menschheit nachgebaut mit 1,5 Millionen Legosteinen: Vom Neandertaler-Lager über das antike Rom bis zur Raumstation haben Modellbauer im Hamburger Helms-Museum die Weltgeschichte nachgebildet.

25.09.2012

"Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa", pflegt Angela Merkel zu sagen. Sie meint damit: Wenn die Währungsunion zurückgedreht würde, wäre dies ein so schwerer Rückschlag für den europäischen Einigungsprozess, dass das gesamte Projekt diskreditiert wäre.

25.09.2012

Schreiben, Sport und Sex: John Irving enttäuscht die Erwartungen seiner Leserschaft nicht. Der amerikanische Autor, der im März seinen 70. Geburtstag feierte, hat auch in seinem neuen Roman "In einer Person" wieder jene Seiten des Lebens zum Thema gemacht, von denen er zweifellos etwas versteht.

25.09.2012
Anzeige