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Kultur Sexualaufklärer "Dr. Sommer" gestorben
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19:30 31.08.2012
Der als «Dr. Sommer» bekannt gewordene Sexualaufklärer Martin Goldstein starb in Düsseldorf. Quelle: Roland Weihrauch

Seine eigene Jugend verbrachte er in Todesangst vor den Nazis.

"Mit 15 noch zu unreif?" Fragen wie diese beantwortete Martin Goldstein als "Dr. Sommer" in der Zeitschrift "Bravo" offen und direkt. So wurde er zum Chef-Aufklärer von Millionen Jugendlichen. Nun ist der Mann, der als erster in die Rolle des "Dr. Sommer" schlüpfte und dem sich massenweise Teenager anvertrauten, tot. Goldstein starb mit 85 Jahren in einem Düsseldorfer Hospiz.

Es war 1969, als der damalige "Bravo"-Chefredakteur anrief, weil er Goldsteins Aufklärungsbuch "Anders als bei Schmetterlingen" gelesen hatte. Bis dato war in dem Heft kaltes Duschen gegen Onanie empfohlen worden. Goldstein sollte diese Rubrik übernehmen und modernisieren. Der Psychotherapeut willigte ein: "Ich wollte die Jugendlichen direkt erreichen."

Sexualität war damals noch stark tabuisiert und die Teenager blieben mit ihren ganz konkreten, praktischen Fragen zur Sexualität oft allein. Schnell gingen tausende Briefe wöchentlich in der Redaktion ein und ein ganzes Team musste eingestellt werden, um sie nach Goldsteins Vorgaben "unverklemmt" zu beantworten.

Zweimal stand die "Bravo" 1972 wegen "Dr. Sommer" als jugendgefährdend auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, durfte also nur an Erwachsene verkauft werden. Als Goldstein die Selbstbefriedigung enttabuisierte, befanden die staatlichen Jugendschützer in ihrer unnachahmlichen Art: "Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane."

Dabei hatte der Junge, der später "Dr. Sommer" werden sollte, selbst keine richtige Jugend. Wegen seines jüdischen Vaters wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt. Der Vater wurde ins KZ verschleppt, die evangelische Mutter schaffte es, Martin aus einem Zwangsarbeiterlager in Sachsen zu holen. In einem Versteck im Wald bei Bielefeld überlebte er das "Dritte Reich": "Ich hatte Angst vor der Gestapo, nicht vor dem Geschlechtsverkehr", sagte er viel später. Goldstein brauchte 50 Jahre, um über diese Erlebnisse sprechen zu können.

Er wurde zum Aufklärer der Jugend, ohne selbst je aufgeklärt worden zu sein. "Mit 23 Jahren hatte ich das erste Mal näheren Kontakt zu einer Frau", erzählte er - im Präparierkurs an der Universität. "Sie hatte keinen Kopf und schwamm in einer giftigen Lauge." Goldstein studierte damals Medizin.

Danach wurde Goldstein aber nicht Arzt, sondern Leiter einer evangelischen Anlaufstelle für Jugendliche in Düsseldorf. Die Tabus, die seine eigene Pubertät zur Qual gemacht hatten, waren allgegenwärtig. Goldstein hatte das Thema seines Lebens gefunden. 15 Jahre lang, bis 1984, arbeitete Goldstein als "Dr. Sommer".

Ab 1975 war Goldstein ärztlicher Psychotherapeut in der eigenen Praxis in Düsseldorf. Die letzten 15 Jahre seiner Praxis arbeitete er fast nur noch mit männlichen Klienten. 2000 ging er in den Ruhestand. Goldstein war Mitbegründer des "Männerhauses Hilden". Sein letztes Buch "Teenagerliebe" erschien 2009. Goldstein lebte zuletzt mit seiner Lebensgefährtin in einer Wohngemeinschaft in Kaarst bei Düsseldorf.

Goldstein sei ein "Revolutionär" gewesen, als er "die Ära Dr. Sommer" begründete, sagte "Bravo"-Chefredakteur Alex Gernandt am Freitag. "Mutig und zukunftsorientiert mit Herz und Seele."

dpa

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