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Kultur Sommerliche Musiktage Hitzacker
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18:00 30.07.2013
Die große Flut, die noch vor wenigen Wochen so bedrohlich war, ist in diesen hochsommerlichen Tagen fast vergessen. Quelle: Gahre

Die große Flut, die noch vor wenigen Wochen so bedrohlich war, ist in diesen hochsommerlichen Tagen fast vergessen.

Einige Schritte vom Weinberg entfernt, in dem an der Elbe gelegenen Konzertsaal Verdo, wird weiter geträumt, denn Carolin Widmann, die Künstlerische Leiterin der ‚Sommerlichen Musiktage Hitzacker’, hat für das neuntägige Festival ein wundervolles Programm mit dem Titel „Träume“ zusammengestellt. Gefragt nach einem besonderen Tipp in dem vielfältigen Angebot an Konzerten, Pantomimen, Lesungen, Vorträgen und Diskussionsrunden empfahl sie einfach nur: „Ohren auf, Neugierde zulassen, alles, was neu ist, aufsaugen“.

Gleich zu Beginn, im Eröffnungskonzert, erklang mit Olivier Messiaens „Appel interstellaire“ ein „Sternenruf“ für Horn solo, der die Phantasie herausforderte und die Tür weit öffnete für Träume. Die Hornistin Marie-Luise Neunecker konnte dann in dem Horntrio Es-Dur von Johannes Brahms zeigen, dass sie auch als Kammermusikerin neben Carolin Widmann und Konstantin Lifschitz punkten kann: Ihr Spiel war innig und harmonierte auf wunderbare Weise mit der Violine und dem Klavier.

Bei den ‚Sommerlichen Musiktagen’, dem 1946 gegründeten, ältesten Kammermusik-festival Deutschlands, stand schon immer Altbewährtes neben Neuem und Herausforderndem – eine altbewährte Tradition, der sich Carolin Widmann ebenfalls verpflichtet fühlt. Die sattsam bekannte „Kleine Nachtmusik“ von Mozart klingt, gespielt von der ‚Akademie für Alte Musik Berlin’, ganz anders als gewohnt. Auch hier ist ihr Tipp „Ohren auf!“ ebenso Gewinn bringend wie bei „Fremde Szene für Klaviertrio’ von Wolfgang Rihm, das in seiner die Romantik reflektierenden Gebrochenheit vom Trio Rafale brillant vorgetragen wurde.

Aber auch Philosophen und Politiker haben geträumt – sie einzubinden in das Programm der ‚Sommerlichen’ war Widmann ein wichtiges Anliegen. Heikko Deutschmann las aus „Utopia“, der noch immer aktuellen Schrift von Thomas Morus, und konnte auch Martin Luther Kings vor fünfzig Jahren gehaltene, bewegende Rede „I Have a Dream“ höchst lebendig gestalten.

Bemerkenswert, dass Widmann als Solistin ebenfalls ungewohnte Wege ging. Dem selten gespielten Violinkonzert in A-Dur von Franz Benda, dem Hofmusiker des ‚Alten Fritz’, ließ sie Mozarts herrliches G-Dur Konzert (KV 216) folgen und wurde von der im Stehen musizierenden ‚Akademie für Alte Musik’ stilsicher begleitet. In keinem der sehr schlank, aber ungemein lebendig interpretierten Konzerte spielte sie sich als Solistin in den Vordergrund, sondern überzeugte eher durch Flexibilität und feine und feinste Nuancen.

Geträumt wurde in Hitzacker auch mit den ‚Visions fugitives’ von Prokofjew, dem Klaviertrio ‚Élégiaque’ von Rachmaninow, dem mondsüchtig machenden, von Salome Kammer gestenreich und brillant rezitierten ‚Pierrot lunaire’ von Schönberg und sogar mit Joseph Haydns Streichquartett F-Dur op. 50 Nr. 5, das wegen des schwebenden Adagio „Der Traum“ heißt. Dass auch die Pantomime mit einbezogen wurde, gehörte zu den großen Überraschungen der diesjährigen Festspiele. Das Team Ménard, Neander & von Bodecker faszinierte mit seinem Programm silence und präsentierte in sechs verschiedenen Sketchen höchst Virtuoses, vom Liebeskummer bis zum überforderten Zauberlehrling. Das Publikum hat Widmanns Tipp beherzigt, hat „die Neugierde zugelassen“ und dabei einen Heidenspaß gehabt. [Jürgen Gahre]

Die Sommerlichen Musiktage dauern noch bis zum 4. August. Infos und Karten: www.musiktage-hitzacker.de und Telefon 058 62 – 94 14 30

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