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Gewichtiger Beitrag zum Monteverdi-Jahr

Staatsoper Hamburg Gewichtiger Beitrag zum Monteverdi-Jahr

Ganz echt ist die vom Publikum uneingeschränkt gefeierte Premiere von „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“ in der Staatsoper Hamburg ein weiteres Mal nicht, denn die Produktion von Claudio Monteverdi war 2014 bereits identisch in Zürich zu sehen. Ein gewichtiger Beitrag zum Gedenkjahr ist sie trotzdem.

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Der Musiktheater-Durchdenker Willy Decker hat seine asketische Inszenierung von Claudio Monteverdis "Il Ritorno d’Ulisse in Patria" in einer sehr heutigen Business- und Bussi-Gesellschaft angesiedelt

Quelle: Staatsoper Hamburg

Hamburg. Die Welt ist wohl doch nur eine flache Scheibe, der sterbliche Mensch darauf Spielball von Götterlust und -frust. Odysseus kehrt aus der langen Nacht des Trojanischen Kriegsgemetzels zurück, um seinen bislang mühsamsten Kampf zu bestehen: Die schrittweise Rückeroberung seiner in treuer Trauer erstarrten Ehefrau Penelope. Und auf der Champagner-Ebene feixen Juno, Jupiter, Neptun und die verknallte Minerva um die Wette ihrer Marionetten.

Der Musiktheater-Durchdenker Willy Decker hat seine asketische Inszenierung von Claudio Monteverdis Il Ritorno d’Ulisse in Patria in einer sehr heutigen Business- und Bussi-Gesellschaft angesiedelt (Ausstattung: Wolfgang Gussmann). Mit shakespearscher Schärfe werden hier Lebenslehrsätze nach Homer in fein abgestuften Grauwerten, gefrorenen und bewegten Gesten zwischen Ironie und Mitgefühl aufgespießt. Das vermeintlich „olle“, gegenüber dem Orfeo und der Poppea oft zurückgesetzte Baby aus der venezianischen Wiege der Operngattung wird im Gedenkjahr zum 450. Geburtstag des Komponisten so zum sehenswert angestoßenen Mobile zwischen Komik und Tragik, zwischen Cocktail-Party und Versuchsanordnung – trotz der oft lange weilenden monodischen Gesangsketten.

Perfekt geführt, aber durchwachsen besetzt

Der Tenor Kurt Streit, weltweit Tamino vom Dienst, ist ein viriler Odysseus, stimmlich gewandt und präsent; als König Ohneschuh schält er sich überzeugend aus der Deckung des Bettler-Kartons. Sara Mingardo bringt für die Jackie-O.-Penelope die tragisch gedeckten Farben einer echten Alt-Stimme mit. Um sie herum schleicht ein von der Personenregie perfekt geführtes, aber etwas durchwachsen besetztes Ensemble.

Trickserei bedarf es bei der risikolosen Übernahme im Orchestergraben. Während das intime, für Barockproduktionen optimal geeignete Haus in der Schweizer Bankenmetropole sich Monteverdi stilrein „light“ leisten konnte, müssen die spezialisierten Gast-Instrumentalisten vom Collegium 1704 in Hamburgs gnadenlos weiträumiger Staatsoper aufrüsten, um sich Gehör zu verschaffen: Gleich drei Cembali und eine Regal-Orgel sorgen mit Streichern, Gitarren, Basslauten, Zinken, Trombonen, einem Dulzian und dem Perkussionsfeuerwerk des Berliners Michael Metzler für ein buntes, letztlich aber doch leicht verloren wirkendes Frühbarockspektakel. Am Pult hat Vaclav Luks dennoch genügend Ideen und Energie, die fragmentarisch und nur im Grundgerüst überlieferte Partitur von 1640 lebendig aufzufrischen.

www.staatsoper-hamburg.de

Von Christian Strehk

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