Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Orwells "1984" im Kurzformat
Nachrichten Kultur Orwells "1984" im Kurzformat
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:01 05.03.2018
Von Ruth Bender
Ungleiches Trio: (v.l.) Winston (Christian Kämpfer), O'Brien (Zacharias Preen) und Julia (Claudia Friebel). Quelle: Olaf Struck
Kiel

In eine hochstilisierte Künstlichkeit hat Regisseur Jochen Strauch die Bühnenfassung des englischen Theatermachers Alan Lyddiards (2001) der Romandystopie versetzt. Und in der kühlen Neonwelt von Ausstatter Frank Albert legen erstmal drei android anmutende Damen einen ausdauernden Wortstrom darüber. Macht ist Staatsraison im Land des Big Brother, die Unterdrückung Selbstzweck – und zwei und zwei sind fünf.

Hier liegt immer alles offen, sind die Protagonisten Winston und Julia jederzeit ausgesetzt, das verbotene Liebespaar, an dessen Geschichte die Folgen der Überwachung sichtbar werden. Kontrolliert von den drei Frauen, die Agnes Richter, Fenja Schneider und Iris Tovar in strenger Einförmigkeit als mechanische Handlanger des Großen Bruders geben.

Davor agiert ein ungleiches Trio: Christian Kämpfer als graumäusig vergrübelter Winston, der keine Lust mehr hat, die Vergangenheit parteikonform zu „korrigieren“. Claudia Friebels zupackende Julia, die sich in der Anti-Sex-Liga engagiert – aber nur, um sich hinter der offiziellen Fassade ihre Liebhaber selbst auszusuchen. Und Zacharias Preen als cooler, undurchdringlicher Parteikader O'Brien.

Dass die Vision des Überwachungsstaates auf der Bühne zuweilen bis aufs Schlagwort zusammenschnurrt, lässt sich verschmerzen. Problematisch erscheint die Überpräsenz der aufgeräumten Künstlichkeit an diesem Abend, weil sie Orwells im Zeitalter von Big Data, Fake News und Populismus so aktuelle Geschichte in seltsame Weltferne rückt. Erst in der Folterszene gewinnt das Stück wieder an Brisanz. Für deren Darstellung reichen Strauch ein paar Stupser und Schubser; und Kämpfer lässt spüren, wie es ist, wenn ein Mensch gebrochen wird.

Studio im Schauspielhaus. Die Vorstellungen am 7. und 14. März sowie am 6. und 17. April sind ausverkauft. www.theater-kiel.de

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Strauss' "Salome" bleibt immer für einen Skandal gut. Jetzt schlugen die Wellen um die Neuproduktion an der renovierten Staatsoper Unter den Linden in Berlin hoch.

Jürgen Gahre 05.03.2018

Die Gleichstellungsbeauftragte Kristin Rose-Möhring schlägt kleine Veränderung im Text der deutschen Nationalhymne vor.  Warum eigentlich nicht – fragt Kulturredakteur Ronald Meyer-Arlt.

08.03.2018
Kultur Blitz-Kritik: Santiano - Im rauen Rausch der Stürme

„Im Auge des Sturms“, Titel des jüngsten Albums von Santiano, herrscht alles andere als Ruhe. Die Flensburger gehen auf ihrer aktuellen Tour in der ausverkauften Sparkassen-Arena meistens auf „Volle Fahrt voraus“.

Jörg Meyer 05.03.2018