Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Weiß ist Macht – The Analogues feiern die Beatles in Amsterdam
Nachrichten Kultur Weiß ist Macht – The Analogues feiern die Beatles in Amsterdam
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:25 23.11.2018
Nach seinem Ausstieg als CEO bei Hilfiger gründete Schlagzeuger Fred Gehring die Beatles-Tributeband The Analogues. Im Amsterdamer Theater Carré feierten sie gestern den 50. Geburtstag des Weißen Albums. Quelle: Moritz-Kuenster-Monsterpics.de
Amsterdam

Ein Düsenjet landet und aus dem Gekreisch der Maschine schält sich ein Song, der eigentlich nach Chuck Berry in der Bearbeitung der Beach Boys klingt. Die Beatles begannen ihr 1968er-Doppelalbum mit einer Verneigung vor dem Weltschrecken Sowjetunion. Ein provokativer Jux zum Revolutionsjahr, ein druckvolles Stück Surfsound obendrein. Im Amsterdamer Theater Carré leitet es einen denkwürdigen Abend ein. Die Köpfe im ausverkauften Haus nicken, die Knie wippen, Rock’n’Roll-Geruckel auf den Stühlen. Auf den Tag genau 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung spielen die niederländischen Analogues das Beatleswerk am Abend des 22. November komplett live. Was die Beatles selbst nie taten. 1966 hatten die Liverpooler Goodbye zum Tourstress und Hello zum Studio gesagt.

Lesen Sie auch:
Die Lieder der anderen

Wie ein Reggae mit Clownsnase

Psychedelische Ausläufer wie „Dear Prudence“ und „Glass Onion“ folgen, und bei „Ob-La-Di, Ob-La-Da“, das klingt, wie ein Reggae mit Clownsnase, ist das Publikum schon fast auf den Stühlen. Beziehungsweise will man im Carré zugleich ausgelassen feiern, noch die letzte Klangnuance genießen und genau schauen, welche Instrumente hier alles aufgefahren werden. Die von dem ehemaligen Hilfiger-CEO und Schlagzeuger Fred Gehring gegründete Band hat sich Originalequipment besorgt, manches davon so zerbrechlich, dass es auf der Bühne qualmt, stinkt, durchbrennt und man bei den gefordertenTastensounds später mit der die Hammond vorlieb nehmen muss. Der musikalische Direktor (Bassist, Gitarrist, Sänger vieler George-Harrison-Parts) Bart van Poppel hat die von den Beatles verwendeten Instrumente und Sounds erlauscht.

Anders als beim vorherigen Analogues-Programm mit den psychedelischen Albumkolossen „Sergeant Pepper“ und „Magical Mystery Tour“ bietet das songwriterhafte „Weiße Album“ den Analogues deutlich mehr gestalterische Freiheiten. Man hatte dieses Werk jedenfalls beileibe nicht so rockig in Erinnerung. Vor allem „Everybody’s Got Something To Hide Except Me And My Monkey“, das der Gastsänger Merijn van der Hade von der aufstrebenden Band Navarone singt, kracht heavy in die Saalnacht. „Das alles soll so klingen, wie die Beatles geklungen hätten, hätten sie die Songs dieses Albums live gespielt“, erklärt Van Poppel das rauere Gepräge mancher Lieder. Auch „Birthday“ rockt und natürlich „Helter Skelter“ - der Proto-Metal-Überwältigungssong.

Ein Fest der Petitessen

Für die perfekt authentische Wiedergabe werden in filigraneren Liedern keine Kosten gescheut – vier Bläser, vier Streicher und eine Harfenistin stehen den niederländischen Fab Five zur Seite. Für zehn Sekunden gesellen sich bei „Glass Onion“ zwei Querflötisten zu den Analogues, bei „Blackbird“ zwitschert einer der Klarinettisten zu Diederik Nomdens Akustikgitarre plötzlich ins Mikro wie eine Amsel. Es ist ein Fest der Petitessen, des Pittoresken, des Zirkus Pop in seiner Sternstunde: Hereinspaziert und schwer gestaunt!

Nein, „Revolution 9“, diese Geräuschfetzenkomposition, diese sperrige, je nach Offenheit des Hörers strapaziöse oder intensive Stockhausen-Hommage, konnte man nicht weglassen, sagt Van Poppel. Das Stück wurde von ihm neu collagiert, ein neunminütiger Film eigens dazu gedreht. Kurz nach der Glamrock-Blaupause „Revolution 1“ und dem quirligen Swing von „Honey Pie“ wirkt es wie ein düsterer Spiegel unserer Zeiten. Das Stück kommt aus der Konserve, kein Musiker ist auf der Bühne. Auf der Platte hat man „No. 9“ immer geskippt, auf der Bühne ist man erstmals gefesselt. Der süßlich-orchestrale Rauswerfer ist hinterher das genaue Gegenteil. „Good Night“ versammelt das ganze Rockorchester auf der Bühne, und Analogues-Neuzugang Felix Maginn croont, als wäre er ein Barde aus dem Hollywood der Bing-Crosby-Ära.

Der ganze Saal erhebt sich zu Stehenden Ovationen. Drei Zugaben aus der Frühzeit der Pilzköpfe plus „Hey Jude“. Viele Twist-&-Shouter der ersten Stunde gehen glücklich zur Garderobe. Und ihre Kinder und Enkel sehen mal zufrieden aus statt mitgenommen wie sonst bei verordneten Besuchen der Lieblingsbands ihrer Vorfahren.

Album: The Analogues – The White Album Live in Liverpool (Decca/Universal)

Konzerte: 20. März 2019 – Berlin, Huxleys Neue Welt; 21. März – Hamburg, Mehr! Theater; 22. März – Bremen, Metropol Theater; 26. März – Hannover, Theater am Aegí; 27. März – Köln, E-Werk, 28. März – Essen, Colosseum Theater, 29. März – Stuttgart, Theaterhaus T1; 10. April – Offenbach, Capitol; 11. April – Freiburg, Konzerthaus; 12. April – München, Circus Krone.

Von Matthias Halbig / RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Lübecker Intendanz des SHMF gibt ab 24. November für das Weihnachtsgeschäft wieder ein paar Highlights zum Vorverkauf frei. Dass mit Schwerpunkt-Komponist Bach gerne auch unkonventionell umgegangen werden soll, dürfen etwa die Breakdance-Weltmeister Flying Steps in Kiel unter Beweis stellen.

23.11.2018

Der Intendant des Berliner Friedrichstadt-Palasts findet, dass sich das Klima in Deutschland in Zeiten der AfD deutlich verändert hat. Im RND-Interview berichtet Berndt Schmidt von traurigen Beobachtungen.

23.11.2018

Der Intendant des Friedrichstadt-Palastes Berlin spricht im Interview über Angriffe von rechts und die Gegenwehr von Kulturinstitutionen in der „Erklärung der Vielen“.

22.11.2018