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„The Greatest Showman“: Exoten bevorzugt

Kino „The Greatest Showman“: Exoten bevorzugt

Feier des Lebens: Das Musical „The Greatest Showman“ (Kinostart: 4. Januar erzählt die Geschichte des Zirkuspioniers P. T. Barnum

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Lustige Truppe: P.T. Barnum (Hugh Jackman) inmitten seiner Stars.

Quelle: Foto: Fox

Hannover. Ein tolles Kuriositätenkabinett hat der Papa da ganz auf die Schnelle zusammengestellt: ausgestopfte Giraffe, Ritterrüstung, Skelette, sogar eine Guillotine, die - Zack! - auf einen nachgebildeten Menschenkopf niedersaust. All das findet sich in seiner bunt zusammengewürfelten New Yorker Show, die kurz vor der Eröffnung steht. Da müsste doch für jeden neugierigen Besucher etwas dabei sein. Seine beiden kleinen Töchter sind aber immer noch nicht recht zufrieden, als Papa sie abends ins Bett bringt. „Du brauchst etwas Lebendiges“, sagen die beiden jungen Damen, „ein Einhorn oder eine Meerjungfrau wären gut.“ Dann fallen ihnen auch schon die Augen zu.

Andere Väter würden in diesem Moment verzweifeln, dieser nicht. Er hat eben erst seinen Bürojob verloren und entdeckt nun aus der Not heraus bislang verborgene Talente in sich. Der angehende Showbetreiber P. T. Barnum hängt Plakate auf und geht auf die Suche nach exotischen Mitgeschöpfen - Riesenmenschen, Zwergmenschen, tätowierten Menschen, extrem behaarten Menschen, Schlangenmenschen. Und wenn sich partout keine Meerjungfrau bei ihm meldet, dann kreiert er eben eine mit angeklebtem Fischschwanz. Hauptsache, er kann dem geneigten Publikum die nächste Sensation anpreisen.

Eine Truppe von Diskriminierten entdeckt ihren Stolz

Jeder, der von der Norm abweicht, ist bei ihm willkommen. Manche dieser Menschen, die bis eben noch die Öffentlichkeit gescheut haben oder Anlass für Gelächter oder gar Hass waren, werden zu Stars in der Manege. Eine Truppe von Diskriminierten entdeckt im aufbrandenden Applaus ihren Stolz. Ein Hauch der Welt von Charles Dickens liegt über diesem Film, wenn Barnum seine Truppe in elenden New Yorker Ecken zusammentrommelt.

Ausgelassen erzählt Hollywood im Musical „The Greatest Showman“ vom amerikanischen Zirkuspionier P. T. Barnum, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Showbusiness weiterentwickelte und mit Zylinder seine zahlenden Besucher empfing. Ob Barnum wirklich so ein Menschenfreund war und nicht auch Schindluder mit manchem Geschöpf trieb? Ob er nicht auch die Grenze zur Freakshow überschritt, wie sie in seiner Zeit bekannt war? Er schreckte auch vor durchsichtigem Betrug nicht zurück und zerrte sogar eine arme, alte schwarze Frau als angeblich 161 Jahre alte Amme von George Washington ins Rampenlicht. Die Geschichtsbücher berichten davon.

Der australische Regiedebütant Michael Gracey deutet nur in einer Szene ganz vorsichtig an, dass die versammelten Exoten dem Zirkusmann bei seinem radikal vorangetriebenen gesellschaftlichen Aufstieg auch mal hinderlich gewesen sein könnten. Da verschließt er vor der Nase seiner Truppe die Tür zum im Kerzenlicht erleuchteten Salon und plaudert lieber mit der „Schwedischen Nachtigall“ Jenny Lind im Kreis der New Yorker Honoratioren. Die Sängerin hat er aus Europa in die USA geholt und berühmt gemacht. Erstens kann Jenny Lind tatsächlich singen, und zweitens versteht er was von Marketing.

Eine sympathische Version der Lebensgeschichte P. T. Barnums liefert dieses Musical allemal, und man ist beinahe dankbar dafür. Ausgrenzung, Rassismus, Hass auf alles Fremde und Abweichende: Davon haben wir in unserer Gegenwart mehr als genug. Hier aber verwirklicht ein Außenseiter seinen ganz persönlichen amerikanischen Traum, hier wird ausgelassen gefeiert und getanzt. Und weil dieser P. T. Barnum von dem exzellenten Schauspieler, Tänzer und Sänger Hugh Jackman gespielt wird (der für „The Boy from Oz“ schon einen Tony Award gewann), folgt man ihm gern bis hin zur Audienz bei der britischen Queen in den 1840er Jahren. Die Showtruppe ist selbstredend mit von der Partie bei dem Besuch in London.

„Feier der Menschlichkeit“

Altbacken ist dieses schwungvolle Musical keinesfalls. Die Musik ist auf die Hörgewohnheiten des 21. Jahrhunderts zugeschnitten: Poppig geht`s zu unter der Zirkuskuppel. Für die Musik zeichnen John Debney und Joseph Trapanese verantwortlich , die zuvor bereits Lieder für das Oscar-Musical „La La Land“ komponiert haben. Wenn es Anfang März zur Oscar-Gala geht, dürfte dort der der ein oder andere „Showman“-Song wohl gespielt werden.

Letztlich ist „The Greatest Showman“ etwas anderes als ein Zirkusfilm, auch wenn ein paar Elefanten und Pferde über die Leinwand trampeln, nämlich eine „Feier der Menschlichkeit“. So bezeichnet es ein verkniffen dreinblickender New Yorker Zeitungskolumnist. Nur hat der Mann diese schöne Formulierung nie in seinen zahlreichen Verrissen gebraucht. Aber das stört den „Greatest Showman“ nicht, der in diesem Film sein Glück im Zirkusrund und noch mehr mit Frau (Michelle Williams) und Töchtern findet. Mit dem Satz „In der Welt gibt`s eher zu wenig als zu viel Fantasie“ hat er dem Zeitungsschreiber erklärt, warum er tut, was er tut. Und damit hat er zweifellos recht.

Von Stefan Stosch / RND

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