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01:03 15.11.2014
Minako Seki in Aktion. Quelle: Axel Nickolaus

Als traditionelle Geschichtenerzählerin präsentierte die Japanerin europäische und asiatische Märchen und Legenden in prägnanter Kurzform. Leider fehlten im Werftparktheater die Hauptadressaten des im Rahmen von „Thespis Junior“ teils in deutscher Sprache aufgeführten Bilderreigens. Der humorvolle Auftritt mit Pantomime und Schattenspiel-Elementen fand jedoch auch bei den Erwachsenen Anklang, die sich über den blubbernd raumgreifenden Brei aus dem überkochenden Zaubertöpfchen genauso freuten, wie über das markante „Hei-Ho“ von Schneewittchens Zwergen, die bei Hagiwara durch minimale Gesten lebendig wurden.

 Auch das nachfolgende Stück der Reihe „Thespis Junior“ musste ohne jugendliche Zuschauer auskommen – für Schauspieler Alon Nashman sicher nur ein kleiner Wermutstropfen, wurde sein eindringliches Solo Kafka and Son doch mit begeistertem Applaus und Bravo-Rufen bedacht. Anknüpfend an Kafkas Brief an den Vater spürt der Kanadier in fein getaktetem Spiel der gestörten Beziehung des Dichters zu seinem herrschsüchtigen Vater nach. Metallene Käfige bilden das krude Mobiliar auf der punktuell mit Schwarzlicht gleißend ausgeleuchteten Bühne. Einer dieser Käfige ist mit schwarzen Federn bedeckt. Hier beginnt der Schreiber seinen Brief, und während er eine Feder in ein imaginäres Tintenfass taucht, schweben andere lautlos zu Boden und durchdringen die Gitter. Der krasse Gegensatz zwischen der schimmernden Härte des Metalls und den zarten Federn und ist ein gelungenes Bild für die Kluft zwischen Sohn und Vater, dessen raue, ordinäre Sprache mit schnarrendem Gelächter durchsetzt ist. Im Handumdrehen wechselt Nashman in seinem pointierten, körperbetonten Spiel die Rollen, triumphiert mit raumgreifenden Gesten als Vater und duckt sich als Sohn – buchstäblich eingesperrt im Käfig seiner Ängste.

 Ein Glanzlicht zum Abschluss des vierten Festivaltages setzte Minako Seki mit Human Form 1 im Studio des Schauspielhauses. Elemente des Butoh-Tanztheaters verschmelzen in der Performance der Deutsch-Japanerin mit Versatzstücken aus Breakdance und Bewegungssprachen des europäischen Ausdruckstanzes. In ihrem verstörenden Stück ohne Worte geht es um Puppen als Zerrbilder des Menschen. Zu kreischenden, an monotone Mechanik erinnernden Tönen bewegt sich die Tänzerin ruckelnd wie eine Marionette in einem Anzug, aus dem Schläuche und Kabel ragen. Als würden die lenkenden Fäden immer wieder beiseite gelegt, verliert sie für Sekunden die Körperspannung. Dann sinkt der Kopf mit dem ausdruckslosen Gesicht, in dem Mund und Augenlider mechanisch auf- und zuklappen, auf die Brust.

 Im nächsten Moment nimmt sie das schleppende Schreiten wieder auf, um schließlich an einer Wand zu enden, gegen die die Puppe vergeblich anrennt. Mit flatternden Händen und zuckenden Fingern versucht sie, das dunkle Hindernis zu überwinden, auf dem ihr weiß eingefärbter Körper flirrende Spuren der Vergeblichkeit hinterlässt. Das Scheitern bringt Veränderung. Der eben noch stumpfe Blick fokussiert das Publikum, das Gesicht wird zur Fratze. Am Boden liegende Stäbe, eben den starren Händen noch kraftlos entglitten, werden im festen Griff des erwachten Körpers zur Peitsche, deren Hiebe mit hellem Sirren die Luft zerschneiden. Der bedrohlichen Wandlung folgt eine Häutung, zart und kraftvoll zugleich. Melodische Klänge begleiten die scheinbar schmerzhafte Befreiung von der Hülle, der sich ein Körper entwindet, dem seiner schutzlosen Nacktheit zum Trotz ein neues, lebendiges Bewegungsrepertoire zur Verfügung steht. Ein grandioser Auftritt.

Von Sabine Tholund

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