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Kultur Endspiel in einem Rausch
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07:00 18.11.2016
Von Ruth Bender
Trunken vor Gold: Philipp Hochmair als Jedermann in seinem klotzig auftrumpfenden Monolog. Quelle: Foto: Erik Nielsen
Kiel

Dazu rauscht, dröhnt und wabert es über die Bühne wie in dunkelster Friedhofsnacht, befunkelt von einem Meer flackernder Grablichter. Es wird geklotzt in Jedermann reloaded beim Thespis Festival im ausverkauften und am Ende sturzbegeisterten Schauspielhaus. Drei Musiker sind neben dem Extremschauspieler am Werk, an Schlagzeug, Bass, Gitarre, Theremin. Sie füllen als „Elektrohand Gottes“ die Bühne mit noisig düsterem Elektro-Sound, klingen nach Doors, Nick Cave und Pere Ubu, tragen und treiben Spiel und Text – und decken die Worte auch manchmal zu.

 Hochmair schwirrt, tappt, bockspringt dazu an diversen Mikros durch sämtliche Rollen, ohne sie allzu scharf gegeneinander abzugrenzen. Armer Nachbar, Schuldknecht und guter Gesell – die abgewiesenen Bittsteller sind alle da, auch die alte Mutter und natürlich die Buhlschaft, von der hier nur ein Totenschädel übrig geblieben ist.

 Er schmeckt und zelebriert den verknappten, dabei ganz dem Originalton verpflichteten Text, loopt Sätze zu Beschwörungsformeln, kaut sie leer – und die Stimmen verfließen dabei zum inneren Monolog, in dem Jedermann sich selbst begegnet. Hochmair tanzt den Totentanz der Übersättigung, ein Zombie mit dunkel brennenden Augenhöhlen, gefangen in der Endlosschleife von Gefühlsleere und Glaubensfrage: „Ich glaube, dass ich gerettet werde, wenn ich fest daran glaube.“ Man sähe sie gern öfter, die Zwischentöne an diesem klotzig auftrumpfenden Glamrocker.

 Roher, trashiger, plakativer als in der Fassung, die Hochmair 2013 mit Regisseur Bastian Kraft für die Salzburger Festspiele entwickelt hat, sieht das heute aus. So differenziert wie damals kommt dieser Jedermann nicht daher – und nimmt uns dennoch mit in seinem wilden Rausch.

 Kontrastprogramm war das, so berichteten Festival-Gäste, nach einem wortreichen, theatral minimalistischen Nachmittag mit den russischen Schauspielern Elena Dudich und Vladimir Petrovich, die vor Hochmairs Überwältigungstheater in der ebenfalls gut gefüllten Pumpe Texte von Swetlana Alexijewitsch rezitierten. Und es sind solche Gegensätze, von denen das Festival lebt.

www.thespis.de

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