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Kultur Auf Tour durch kostbare Opern-Raritäten
Nachrichten Kultur Auf Tour durch kostbare Opern-Raritäten
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12:45 08.10.2018
Von Jürgen Gahre
In jeder Hinsicht ein köstlicher Opernabend mit Verdis früher Komödie "un giorno di regno". Quelle: Roberto Ricci
Parma

Seitdem Anna Maria Meo Intendantin ist, hat das Festival deutlich an Attraktivität gewonnen, nicht zuletzt auch durch vielfältige,  unter „Verdi Off“ zusammengefasste Veranstaltungen, die nur locker mit dem großen Maestro zusammenhängen und sich in erster Linie an die „normalen“ Bürger wenden, um sie für die Oper zu gewinnen.

König für einen Tag  

Von besonderem Reiz ist die Aufführung von Un giorno di regno / Einen Tag König, Verdis zweiter Oper, die 1840 an der Mailänder Scala beim Premierenpublikum keine Gnade fand. Die Oper verschwand für lange Zeit in den Archiven, denn Verdi selbst hat begründet, warum dieses Melodramma giocoso angeblich nichts taugt: „In zwei Monaten waren meine beiden kleinen Kinder und meine Frau gestorben. In dieser furchtbar traurigen Zeit musste ich, um den von mir eingegangenen Vertrag zu erfüllen, eine komische Oper schreiben.“ Der Ruf der Oper war durch den Komponisten selbst über mehr als einhundert Jahre ruiniert – in den Biografien war sie nur noch eine Fußnote. Allmählich aber hat sich das Blatt zugunsten von Verdis Buffo-Oper gewendet, und wer sie in Busseto gesehen hat, der kommt aus dem Staunen über die Qualitäten des „Giorno di regno“ gar nicht heraus. Sie ist von Massimo Gasparon nach Ideen Altmeister Pier Luigi Pizzi inszeniert worden und passt in das nur 300 Zuschauer fassende Teatro Verdi wundervoll hinein.

Ein Kavalier mimt den polnischen König

   Es geht in „Un giorno di regno“ um den Cavaliere Belfiore, der in Frankreich die Rolle des polnischen Königs Stanislao spielen muss, damit dieser unerwartet in Polen erscheinen kann, um seine Rechte auf den Thron geltend zu machen. Daraus ergeben sich vielerlei Verwechselungen und echte Buffo-Situationen. Übrigens beruht der Hintergrund dieser zweiaktigen Oper durchaus auf historischen Tatsachen, denn 1733 begab sich Stanislaus I. tatsächlich verkleidet nach Polen.

Munter und farbenfroh

   In dieser sehr munteren, farbenfrohen Produktion von Gasparon / Pizzi kommt Verdis quirlige Musik wundervoll zur Geltung. Gewiss, der junge Komponist steht stilistisch noch nicht auf eigenen Füßen, Donizetti und vor allem Rossini haben bei mancher Arie und vor allem bei den Ensembles unüberhörbar Pate gestanden. Oft klingt die Musik des jungen Verdi wie ein ins Vitale, ins Virile gesteigerter Rossini: Der „echte“ Verdi kündigt sich hier also schon an. Francesco Pasqualetti animiert Orchester und Chor des Teatro Bologna zu feurigem Musizieren, das die hoch motivierten, noch recht jungen Solisten zu hervorragenden Leistungen beflügelt. Eine rundherum  beglückende Aufführung!

Le Trouvère statt Il Trovatore

   Das Festival in Parma ist auch deswegen so spannend für alle Liebhaber der Verdi-Opern, weil immer wieder recht Ungewöhnliches zutage gefördert wird. Im letzten Jahr war es „Jérusalem“, die für Paris komponierte Neufassung der „Lombardi alla prima crociata“, und in diesem Jahr ist es Le Trouvère, die ebenfalls für Paris angefertigte Version des „Trovatore“ / Troubadour. Die französische Kapitale war im 19. Jahrhundert die unumstrittene Kulturhauptstadt Europas – wer also als Komponist etwas gelten wollte, musste in Paris erfolgreich sein. Rossini, Donizetti, Wagner  und viele andere haben versucht, dort zu reüssieren, und Verdi eben auch. Außer der Übersetzung ins Französische und mehreren Änderungen in der Instrumentierung hat er das Finale dem französischen Geschmack angepasst und ein recht umfangreiches Ballett von über zwanzig Minuten für den dritten Akt geschrieben.

Gigantische Ausmaße im Teatro Farnese

   Der international gefeierte Regisseur Robert Wilson hat die gigantischen Ausmaße des Teatro Farnese nicht in den Griff bekommen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern in den letzten Jahren hat er sich für eine Guckkasten-Bühne entschieden, die vollkommen leer ist, wenn man von einem alten, auf einem Stuhl sitzenden Mann einmal absieht. Es ist offensichtlich der 80-jährige Falstaff-Verdi – was der allerdings hier zu suchen hat, bleibt ein Rätsel. Getreu seinem Motto: „Ein Künstler soll keine Antworten geben, sondern Fragen stellen“ hat Wilson viele, zu viele Fragen gestellt und keine beantwortet. Die Sänger stehen in der Regel stocksteif auf der Bühne, in grau-schwarzen Kostümen. Die ständig ein- und ausgeschalteten Neonröhren irritieren ebenso wie die stets verschieden beleuchteten, quadratischen Luken in der grauen Wand. Es kommt überhaupt keine Spannung auf, was sich lähmend auf die Sänger und das Orchester niederschlägt. Da kann selbst ein Roberto Abbado am Pult von Chor und Orchester der Oper Bologna nichts ausrichten. Schade, denn diese selten gespielte Version des „Trouvère“ zu hören, sollte eigentlich ein echtes Hörabenteuer sein!

Daniele Abbado inszeniert den Macbeth

   Da hatte Daniele Abbado mit Macbeth ein glücklicheres Händchen. Seine Inszenierung ist voller Leben und stets stimmungsvoll. Dichte Wälder und viel Nebel gibt es zu sehen, und am Schluss nähert sich ein gefährlich aussehender „foresta di Birna“ dem um sein Leben kämpfenden Macbeth.  Die Hexen, die in schrill bunter Kleidung erscheinen, gehen miteinander derart schräg und grotesk um, dass es eine Freude ist, ihrem skurrilen Treiben zuzusehen. In Parma hat man sich für die sehr selten gespielte Erstfassung der Oper von 1847 entschieden. Gewiss, man muss auf einige Ohrwürmer der Version von 1865 verzichten, auch auf das erweiterte Finale, aber der Verdi der „Galeerenjahre“ – so nannte er selbst seine schwierige Zeit vor „Rigoletto“ (1851) – ist viel besser als sein Ruf. Luca Salsi ist ein überwältigender Macbeth und Anna Pirozzi eine Lady von wahrhaft dämonischem Zuschnitt. Philippe Auguin entlockt der Filarmonica Arturo Toscanini ein ebenso einfühlsames wie konzis dramatisches Spiel, wofür sich das Publikum mit Ovationen bedankt hat.

Zuviel Klischee in Attila

   Mit dem 1846 in Venedig uraufgeführten Attila, Verdis neunter Oper, steht ein weiteres Werk aus seinen „Galeerenjahren“ auf dem diesjährigen Programm. Andrea de Rosa hat für diese oft krude Musik mit ihren schlagkräftigen, manchmal auch brutalen Effekten eine entsprechend ungestüme Inszenierung auf die Bühne des Teatro Regio Parma gebracht. Sie kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Protagonisten trotz ihrer vitalen Musik unprofiliert und reichlich klischeehaft wirken. Wenn jedoch ein Dirigent wie der in Sachen Verdi erfahrene Gianluigi Gelmetti die Filarmonica Arturo Toscanini dirigiert, dann ist leidenschaftlicher Funkenschlag garantiert. Mit Riccardo Zanellato ist ein überragender Attila zu hören, der nicht nur stimmgewaltig ist, sondern auch den Verdi'schen Melodien zündende Vitalität abgewinnen kann. Viel herzlicher Applaus.

www.festivalverdi.it

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