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17:07 19.07.2017
Von Dr. Christian Strehk
Will am Pult bewusst „Frau bleiben“: Anna Skryleva, Erste Kapellmeisterin am Landestheater SH. Quelle: Landestheater SH
Flensburg

Das Naheliegende wäre ihr „zu langweilig“ vorgekommen. Deshalb stecken in den „Maskerade“-Konzerten der SH-Sinfoniker an den kommenden Abenden auf Wunsch der Stellvertretenden Generalmusikdirektorin auch nicht nur brave Karnevalsstücke der Romantik oder Strawinskys Commedia dell’arte-Suite Pulcinella, sondern gerne auch ein Konzert für drei Staubsauger und einen Bodenpolierer. „Die werden ganz seriös als Instrumente behandelt“, betont Anna Skryleva. Den Show-Teil möchte sie gerne selbst moderieren, denn der Draht zum Publikum, möglichst schon ab dem Teenager-Alter, ist der 1975 in Moskau geborenen Musikerin enorm wichtig.

Ihr Publikum hat sie schon im Vorschulalter gesucht – laut singend im Bus. „Und schon mit zehn Jahren habe ich ganz selbstverständlich behauptet, Profi-Musikerin zu sein“, lacht die ehemalige Konzertpianistin. Ihre Eltern, Eiskunstläufer und Turnerin, hätten ihren Drang zum Klang und sogar zum Komponieren nicht gebremst. In bester Tradition russischer Klavierschule wurde Anna Skryleva technisch bestens gerüstet, war dann aber froh, 1999 zum Studium nach Berlin wechseln zu können. „Durch meinen Lehrer Klaus Hellwig an der Hochschule der Künste habe ich vor allem im deutschen Repertoire einen künstlerischen Gegenpol kennengelernt. Wenn ich Brahms spielte, sagte er: ‚bitte lass doch diese russische Sentimentalität ...’“.

Weil sie sich durch Kammermusik und als perfekte Blattspielerin auch in Theaterjobs stets anderen Instrumenten nahe gefühlt hatte, kam für Anna Skryleva eine Solo-Karriere kaum in Frage. Plötzlich lag dafür das Dirigieren auf der Hand.

In Berliner Orchesterkonzerten unter Simon Rattle oder Barenboim, an der Kölner Oper oder in Hamburg bei Simone Young habe sie viele wichtige Eindrücke gesammelt: „Man kann da viel lernen, aber muss zugleich das eigene Gesicht finden.“

Als Frau am Pult – nicht mehr so exotisch wie noch vor zehn Jahren – müsse man „erstmal gut sein“ und dürfe nicht vergessen, „Frau zu bleiben“. Jetzt arbeitet Skryleva daran „ihren“ Klang zu erzeugen, einen, der vielfältig sei, etwas „sagen“ könne und dabei Emotionen wecke. Beim Proben arbeitet sie gerne mit Bildern und Visionen, denn: „jedes Piano ist anders!“

Anna Skryleva, die den Tschaikowsky-Nussknacker am Landestheater begeistert mit den russischen Ohren ihrer Kindheit dirigiert, weil sie diese Musik „mit der Muttermilch“ aufgenommen habe, begeistert sich inzwischen vor allem für Richard Wagner und Richard Strauss. Ganz besonders reizt sie die eurasische Kulturgeschichte des beginnenden 20. Jahrhunderts. „Ich habe die Geschichte der Revolution und der Weltkriege ja zunächst aus russischer Perspektive kennen gelernt. Dann kam ich nach Deutschland, erlebte die Deutschen als überraschend nett und höflich und begann, bewusst die andere Seite wahr zu nehmen.“ Und schon dränge es einen, die Wahrheit zu finden, die wahrscheinlich irgendwo in der Mitte liege. Begierig habe sie damals Deutsch gelernt, um ohne Wörterbuch Autoren wie Stefan Zweig lesen zu können.

Im Moment ist die Dirigentin besonders glücklich mit ihren Aufgaben, da Konzert und Oper parallel laufen: „Ich liebe die Qualität und Schönheit der menschlichen Stimme.“ Die hat sie sogar zu Hause in Harrislee, denn sie ist mit dem deutschen Bass Dieter Schweikart verheiratet, den man ja bestens aus Köln, von den Bayreuther Festspielen oder der Hamburgischen Staatsoper kennt. „Auch wenn er nach seinem fünfzigjährigen Bühnenjubiläum selber gern behauptet: ‚Ich habe meine große Zukunft hinter mir’“, erzählt Skryleva lachend.

Gemeinsam ist man sich einig, dass von einem Niedergang der Gesangskunst keine Rede sein könne. „Von berühmten Ausnahmen einmal abgesehen wurde früher technisch eindeutig unsauberer gesungen als heute. Die Sänger von heute müssen auf dem Kopf stehen und dabei auch noch perfekt singen können, denn jeder hat die Schallplatten im Ohr.“ Am 30. März wird die Kapellmeisterin die „wirklich sehr guten“ jungen Solisten des Landestheaters dann auf ganz besondere Weise herausfordern: In der Neuproduktion von Kurt Weills Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny.

Konzerte des SH-Sinfonieorchesters morgen in Schleswig (Möller Skolen), am Mittwoch in Flensburg (Deutsches Haus) und am 11. Januar im Theater Rendsburg (jeweils 19.30 Uhr) sowie am 10. Januar in Husum (NordseeCongressCentrum, 20 Uhr). www.sh-landestheater.de

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