Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Neues Album: Barbra auf den Barrikaden
Nachrichten Kultur Neues Album: Barbra auf den Barrikaden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:00 01.11.2018
Brücken statt Mauern: Auf ihrem neuen Album „Walls“ singt Barbra Streisand an gegen ihren Präsidenten Donald Trump und seine Weltsicht. Quelle: Russell James
Los Angeles

Die Sängerin kommt ohne Umschweife auf den Punkt: Du lügst. Du änderst die Tatsachen, um deine Taten zu rechtfertigen. Du hast kein Mitgefühl. Alles, was mühsam erbaut wurde, zerfällt unter deiner Herrschaft. Wie kannst du schlafen, wenn die Welt brennt?

„Don’t Lie to Me“ – ein Song für die Midterms

Erst werden diese Vorhaltungen von „Don’t Lie to Me“ nur von einem Piano untermalt, das in Moll seinen Trauerflor ausbreitet, später affirmieren Band und Streicher die Worte einer prominenten US-Bürgerin, die die Lügen ihres Präsidenten satthat. Die Sängerin wirft Donald Trump vor, die Welt politisch und ökologisch zu verheeren, dass er mit Trickspiegeln und Bühnennebel arbeite, aber niemanden mehr täuschen könne.

Es ist ein Song für die Midterms kommenden Dienstag, für ein Amerika, das aufwachen und den Clown und Unhold, den es irrtümlich zum Staatslenker bestellt hat, in die Schranken weisen soll.

Kein Folkie, Erbe Pete Seegers, Dylans, Woodie Guthries, ist es, der Trump hier Paroli bietet, wie es die Songwriter und Bands der Welt schon seit Beginn dieser irrlichternden US-Präsidentschaft tun. Sondern eine der großen, glamourösen Diven. Es singt Barbra Streisand (zwei Oscars, zehn Grammys, fünf Emmys, elf Golden Globes), die für Interpretationen der klassischen amerikanischen Jazzsongs ebenso bekannt ist wie für Pophits („Woman in Love“) und für unsterbliche Filme („Hello, Dolly!“. „Yentl“, „Is’ was, Doc?“).

Barbra Streisand erinnert an das umarmende Amerika

„Walls“ heißt ihr neues Album, mit einigem Pathos bittet sie die Freiheitsstatue im Song „Lady Liberty“ darauf um mehr Licht: „Lady Liberty, heb deine Lampe der Hoffnung ein bisschen höher.“ Sie erinnert an den 11. September, die gemeinsamen, verbindenden Tränen. Das in Amerika heiß geliebte Pathos kann nicht groß genug sein, wenn es gilt, den Zusammenhalt des Volks einzufordern, an alte Tugenden zu erinnern, an das umarmende Amerika, die Willkommenskultur: ein neues „The Way We Were“ für Streisands Landsleute.

Auf ihrer Website sieht Streisand ihre nach wie vor mächtige Stimme als eine des Dialogs. „Viele der fundamentalen Prinzipien der Demokratie und der Freiheit, die wir immer für gesetzt hielten, erodieren in alarmierendem Maße“, schreibt die 76-Jährige in einer Art Einführung zu ihrem ersten Album mit neu komponiertem Songmaterial seit „Guilty Pleasures“ (2005).

Streisand glaubt, dass das Blatt gewendet werden kann

Streisand erinnert an die Freiheit der Presse, der Rede, der Selbstverwirklichung. „Sogar die menschliche Rechtschaffenheit scheint schneller dahinzuschmelzen als die Polkappen.“ Elf Songs setzt sie dagegen, getragen von dem Glauben, dass, „wenn wir wachsam für die Wahrheit bleiben, das Blatt am Ende gewendet werden kann“.

Können Protestsongs Menschen mit anderer Meinung aufrütteln? Seit je schlägt Streisands politisches Herz links, sie ist als Unterstützerin der Demokratischen Partei bekannt, die den Anhängern Trumps schon lange als dessen erbitterte Widersacherin gilt. Beim Women’s March 2017 marschierte sie mit, hielt eine flammende Ansprache, seit je tritt sie für die Rechte von Homosexuellen ein.

Die Diva stand schon Anfang der Siebzigerjahre auf Nixons Gegnerliste

Streisand stand sogar schon 1971 auf Nixons Schwarzer Liste politischer Gegner. Also: bloß nicht zuhören, Rednecks und Rechtsflügler, wenn diese Hillary-Anhängerin, die von Obama mit der Presidential Medal of Freedom geehrt wurde, davon singt, dass Brücken besser sind als Mauern.

Trump wird wohl weiter täuschen, bejubelt von jahrzehntelang Enttäuschten, die keinem anderen mehr zuhören wollen. Derweil ploppen überall in der auseinanderstrebenden Welt Gesinnungsgenossen Trumps in die Parlamente oder übernehmen die Macht. Offen lügende Sexisten, Rassisten, Antisemiten, Demokratiefeinde, Gewalt einfordernde und von jeder Moral entfernte Elemente sind im Jahrzehnt der Spaltung wählbar geworden.

Wie stark ist dagegen ein Lied, selbst ein Bündel Lieder, selbst all die Songs, die seit 2015 gesungen wurden? Die Midterms am 6. November werden zeigen, wie tief der Protest gegen Trump eingesickert ist.

Für die bessere Welt: Die Streisand covert John Lennons „Imagine“

John Lennons „Imagine“ und Louis Armstrongs „What a Wonderful World“ flicht Streisand auf „Walls“ ineinander – musikalische Visionen einer besseren Welt. „Halt mich für eine Träumerin“, singt sie, „aber ich bin nicht allein. Ich hoffe, du schließt dich uns eines Tages an und die ganze Welt wird eins.“ Naiv nennt man Lennons berühmte Zeilen in zynischen Zeiten wie diesen. Dabei ist „Imagine“ mit seinem Traum von der friedlichen Evolution zum Guten vielleicht der wichtigste Popsong aller Zeiten.

Barbra Streisand: „Walls“ (Columbia/Sony Music), erscheint am 2. November

Von Matthias Halbig / RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Offiziell bestätigt sind sie noch nicht – doch unter dem Hashtag #gebtfeinacht erscheinen immer mehr Posts von Gebäuden in mehreren Städten, an die Rammstein-Logos projiziert sind. Die Gerüchteküche brodelt.

01.11.2018

An diesem Donnerstag läuft die fünfte Folge der zweiten Staffel von „Babylon Berlin“. Volker Kutscher schreibt indes unbeirrt seine Kriminalromane weiter. In seinem siebten Teil „Marlow“ verfällt der Kommissar Hitlers Massenpsychose.

01.11.2018

Sie können es noch immer: Die Skatepunk-Legenden Satanic Surfers haben nach 13 Jahren wieder ein Album herausgebracht. In der Kieler Pumpe spielten die Schweden am Mittwoch ein fulminantes Konzert.

Thorben Bull 01.11.2018