Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Wie schreibt man einen Bestseller, Takis Würger?
Nachrichten Kultur Wie schreibt man einen Bestseller, Takis Würger?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 11.01.2019
Autor mit Leidenschaft fürs Boxen und Pfannkuchenbacken: Takis Würger ist Schriftsteller und Redakteur beim „Spiegel“. Quelle: Sven Döring/Agentur Focus

Herr Würger, kann man planen, einen Bestseller zu schreiben?

Als Autor kann man nur das Buch schreiben, das man in sich trägt. Und das ist dann vielleicht kein Bestseller. Würde ich ein Erfolgsbuch planen, hätte ich sicher ein leichteres, glücklicheres Buch geschrieben – eine Liebesgeschichte, bei der man auf Seite drei bereits ungefähr weiß, wie schön sie ausgeht. Oder einen Krimi. Aber sicher nicht einen Roman über eine streitbare Jüdin in der Nazi-Zeit.

In Ihrem neuen Roman erzählen Sie die Geschichte von Stella Goldschlag – Tänzerin, Sängerin, Aktmodell und Jüdin –, die während des Zweiten Weltkrieges andere Juden in Berlin an die Geheime Staatspolizei verriet, um sich und ihre Eltern vor der Deportation nach Auschwitz zu retten. Warum wollten Sie gerade ihre Geschichte schreiben?

Ein Freund hatte mir von Stella Goldschlag erzählt, als wir im Sommer auf der Bordsteinkante in Berlin ein Bier tranken. Ich habe die Geschichte von dieser Frau gehört und habe nur gedacht: „Wow.“ Fortan hatte ich nur noch dieses Buch im Kopf. Obwohl diese Geschichte so faszinierend ist, gibt es wenig zu finden über diese Frau. Vielleicht auch, weil unsere Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung erst einmal andere Themen hatte als eine Jüdin, die andere Juden denunziert hat. Als 1995 „Der Vorleser“ herauskam, musste sich Bernhard Schlink Vorwürfe gefallen lassen, weil er eine Täterin als liebenswürdig dargestellt hat. Und das war nur eine fiktive Geschichte – Stella Goldschlag ist eine wahre Person. Möglicherweise kann es dieses Buch erst heute geben, in der dritten Generation nach dem Holocaust.

Jedenfalls ist „Stella“ ein Stoff, den man sich in Hollywood vorstellen kann. Beim Buchcover könnte man sogar denken, da schaut einen Scarlett Johansson an.

Bei „Stella“ kommen sicher einige Faktoren zusammen, die es spannend machen. Es ist eine Liebesgeschichte, ein historischer Roman mit Bezug auf die Nazi-Zeit, basierend auf einer wahren Vorlage. Die Frau auf dem Cover ist die historische Stella Goldschlag. Es gibt Anfragen aus den USA und Deutschland für die Verfilmung von „Stella“. Doch ich möchte die Filmrechte nicht verkaufen – es zählt erst mal das Buch. Dafür ist es mir zu wichtig.

Mit Ihrem Debüt „Der Club“ haben Sie 2017 überraschend einen Bestseller gelandet. Die Geschichte um Hans Stichler aus Niedersachsen, der über einen elitären Studentenclub der Universität Cambridge in die britische Oberschicht eintaucht, um ein Verbrechen aufzuklären, ist 90 000-mal verkauft worden. Er wird derzeit verfilmt und bereits auf der Theaterbühne gespielt. Verspüren Sie Druck, den Erfolg noch einmal zu wiederholen?

Der Druck ist im Moment fast nicht auszuhalten. Die Mitarbeiter beim Hanser-Verlag haben Überstunden gemacht, gelitten, gestritten und viel für mich und diesen Roman getan. Doch wenn das Buch floppt, enttäusche ich sie. Davor habe ich Angst. Und ganz ehrlich: Dieser Verwertungsprozess im Literaturbetrieb nimmt dem literarischen Schreiben schon seine Magie – wenn es natürlich auch notwendig ist, um den Roman zu verkaufen. Lesereise, Interviews, Promotion – all das finde ich viel schwieriger, als das Buch zu schreiben. Plötzlich so im Licht zu stehen ist für mich oft unangenehm – als Journalist bin ich im Hintergrund gewesen. Doch es bleibt das Gefühl, dass dieser Prozess drum herum dieses Buch, in dem mein Herz steckt, bei dem ich beim Schreiben geweint habe, auch entwertet. Weil es eben auch mit guten Gründen um den Verkaufserfolg geht.

Hemmen diese Gedanken nicht die Kreativität?

Das Gute ist: Wenn ich einen Roman schreibe, denke ich nur noch an den Text, deswegen macht mich das auch so glücklich. Dann bin ich sicher, dann bin ich in meiner Welt. Beim fiktionalen Schreiben bin ich wie ein Kind, das in einem Zimmer voller Spielzeug steht und mit allem spielen und sich alles wünschen kann.

So ist fiktionales Schreiben. In Ihrem anderen Beruf als Journalist können Sie sich nichts herbeiwünschen – da müssen Sie mit dem arbeiten, was die Wirklichkeit hergibt. Ihr ehemaliger Kollege beim „Spiegel“, Claas Relotius, hat diese Regeln verletzt und das Publikum mutwillig getäuscht, indem er erfundene Reportagen schrieb mit Protagonisten, die es nie gegeben hat. Haben Sie Sorge, dass Ihre Doppelrolle als Schriftsteller und Journalist nun nach diesem Fall kritisch gesehen wird? „Zeit“-Chefredakteur Giovianni di Lorenzo hat im „Spiegel“ kürzlich eine Aussage in die Richtung gemacht.

Der Fall Relotius ist erschütternd. Wir beim „Spiegel“ arbeiten das jetzt auf. Ich sehe keinen Zusammenhang zur Literatur.

Takis Würger, Schriftsteller und Journalist. Quelle: Sven Döring/Agentur Focus

Stella“ ist ein Roman – zwar mit einer historischen Protagonistin, aber mit einer fiktiven Liebesgeschichte. Warum musste es für Stella Goldschlag ein Roman sein, warum konnte es kein journalistischer Text werden?

Die Aktenlage über Stella Goldschlag ist einfach zu schlecht. Es gibt in den Dokumenten auch keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, warum sie das getan hat. Doch das ist die Frage, die mich interessiert. Deswegen musste es ein Roman sein.

Wie unterscheidet sich für Sie journalistisches vom literarischen Schreiben?

Journalismus bildet die Wirklichkeit ab. Ein Roman ist Fiktion, auch wenn er wie „Stella“ eine historische Vorlage hat. Bei meinen fiktionalen Texten frage ich mich oft: Kann ich das jetzt so schreiben? Ist das nicht zu kitschig? Wenn der Protagonist in meiner Reportage weint, dann hat er geweint. Dann kann ich es aufschreiben. Dadurch steht in meinen Reportagen manchmal mehr Kitsch als in den Romanen – weil das Leben eben so ist. Obwohl mir Freunde sagen, dass „Stella“ auch ganz schön kitschig ist.

Wie journalistisch gehen Sie an Ihre Romane heran?

Ich recherchiere so viel wie möglich, bevor ich mich hinsetze und schreibe. Ich beginne erst dann mit dem Schreiben, wenn ich mir sicher bin, dass ich genug Stoff habe. Dann muss ich das Recherchierte nur noch in Sätze packen. Für „Stella“ habe ich wie ein Besessener recherchiert, alles gelesen, was ich über sie finden konnte – vor allem die Gerichtsakten aus dem Landesarchiv in Berlin.

Sie haben für den „Spiegel“ als Kriegsreporter aus Afghanistan, Libyen und dem Irak berichtet, waren dort zuweilen Monate für Recherchen vor Ort. Sie haben das Leid der Rohingya in Bangladesch gesehen und dann wieder einen Monat im sächsischen Clausnitz gelebt, um zu erklären, woher der Hass auf Flüchtlinge kommt. Ist der Fokus auf die Literatur nun vielleicht sogar auch eine Erholungspause?

Als Kriegsreporter würde ich mich nicht bezeichnen, da gibt es ganz andere. Die Recherche zu den Rohingya in 2017 zum Beispiel war anstrengend – und sicher war das Schreiben des nächsten Romans auch Erholung davon, von leidenden Menschen umgeben zu sein. Und dennoch: Es ist erfüllend, als Journalist etwas zu tun, was wirklich wichtig ist. Und nach Monaten im Literaturbetrieb ist es auch einfach schön, wieder der Junge mit dem Block in der Hand zu sein, der sich die Geschichten anderer anhört.

Was war der schwierigste Moment für Sie in Ihrer Zeit als Reporter in Krisengebieten?

Es gibt da sicher Momente, die mein Leben verändert haben. Ich will das nie wieder erleben, deshalb bin ich kein Kriegsreporter. Ich liebe das Leben einfach zu sehr, um das dauerhaft machen zu können.

Ich hatte eigentlich vor, Sie zu fragen, ob Sie Angst kennen.

Ja, natürlich. Ich habe schon vor Angst geweint. Wenn ich auf mein Leben gucke, sehe ich meist eher das, was nicht gut gelungen ist. Ich habe wahnsinnige Angst davor, dass niemand diesen Roman „Stella“ liest. Ich ärgere mich ein wenig deshalb, der Wunsch, gelesen zu werden, ist natürlich eitel, aber er ist da.

Wenn Sie den ersten Satz für einen Text über sich selbst schreiben würden – wie könnte er lauten?

Im südlichen Niedersachsen liegt ein Wald, der Deister, nah daran stand ein Haus, mit einem Grund aus Sandstein, in dem eine Familie lebte, die glaubte, sie könnte alles richtig machen, und in der trotzdem so viel falsch lief.

So ähnlich märchenhaft beginnt auch Ihr Roman „Der Club“.

Ich mag diesen Märchenton. In Romanen erschöpft sich dieser Ton aber schnell, glaube ich, deswegen nutze ich diese Erzählweise nur, um die Kindheit der Figuren zu beschreiben.

Was sich wie ein roter Faden durch Ihre literarische Arbeit zieht, ist das Motiv der Schuld. Die Protagonisten beider Romane sind zwei gute Menschen, die etwas Falsches tun müssen, um größeres Unrecht zu verhindern. Gibt es so etwas wie unschuldige Schuld?

Mich hat die Geschichte von Stella Goldschlag auch so berührt, weil ich mich frage: Was würde ich tun, um meine Familie zu retten? Welche Schuld hätte ich auf mich geladen? Heute sagen viele im Rückblick auf die Shoa: „Ja, das ist alles furchtbar – doch ich habe keine Schuld.“ Ich finde das einen schwierigen Satz. Schuld ist etwas sehr Individuelles – nichts Universelles. Ich bin froh, dass ich nicht das Urteil über Stella Goldschlag sprechen muss. Jeder soll das selbst bewerten.  

Auch das Boxen – eines Ihrer Hobbys – taucht in beiden Romanen auf. In „Stella“ gibt es eine Szene, in der der Jude Noah in der Bar einen Wehrmachtssoldaten umhaut. Eine Referenz an Noah Klieger, dem „Boxer von Auschwitz“, über den Sie mehrfach geschrieben haben und der kürzlich verstorben ist?

Noah Klieger gehört zu den Menschen in meinem Leben, die mich inspiriert haben, die ich sehr bewundere. Er hat das Vernichtungslager in Auschwitz überlebt und hat dort für die Boxstaffel geboxt, die zur Belustigung der SS-Leute sonntags in der Lagermitte antreten musste. Ich hatte das große Glück, diesem Mann zuhören zu dürfen, als er sein Leben erzählt hat. Deswegen wollte ich ihn auch in „Stella“ verewigen – auch wenn die Szene fiktiv ist. Weil es, so glaube ich, gut ist, wenn wir uns an diesen Mann erinnern.

Takis Würger: Stella, Hanser Verlag Quelle: Verlag

Zur Person: Takis Würger

Takis Würger (33) ist Schriftsteller und Redakteur beim „Spiegel“. Sein Debütroman „Der Club“ aus dem Jahr 2017 war ein Bestseller, ist auf die Theaterbühne gebracht worden und wird zurzeit verfilmt. Der Roman erzählt von Sex und Verbrechen im noblen Pitt Club an der britischen Universität Cambridge – es ist eine Kriminal- und Liebesgeschichte. Für den Roman erhielt Würger den Debütpreis der Lit.Cologne.

Der neue Roman „Stella“ ist gerade im Hanser-Verlag erschienen und hat bereits vor Erscheinen die Übersetzungslizenzen in neun Länder verkauft.

Für den „Spiegel“ berichtete Würger aus Afghanistan, Clausnitz, Belize und dem Irak, wurde dafür vielfach ausgezeichnet. Der 33-Jährige studierte Ideengeschichte an der Cambridge University, brach sein Studium jedoch nach einem Jahr ab. In seiner Freizeit boxt er und backt mit an Wahnsinn grenzender Leidenschaft Pfannkuchen. Würger ist am Deister in Niedersachsen aufgewachsen und lebt in Berlin-Kreuzberg.

Demnächst geht der Autor auf große Lesereise – auch in den USA. In Deutschland ist er unter anderem in folgenden Städten zu sehen: Hamburg (14.1.), Lüneburg (16.1.), Hannover (21.1.), Hildesheim (4.2.), Braunschweig (5.2.), Barsinghausen (6.2.), Berlin (11.2.) und Leipzig (21.3.).

Von Hannah Suppa

Schauspieler Christoph Waltz spricht im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland über seinen Film „Alita“ und die Kunst, mit der digitalen Welt im Einklang zu leben.

14.01.2019

Der renommierte Opernsänger Theo Adam ist tot. Er starb am Donnerstag im Alter von 92 Jahren in einem Dresdner Pflegeheim. Das bestätigte seine Familie gegenüber den Dresdner Neuesten Nachrichten.

11.01.2019
Kultur Svobodas „Carmen Remix“ - Das ist die Liebe der Posaune

Ganz der Liebe und ihrer Ikonen Carmen und Chloé widmet sich das fünfte Saisonkonzert der Kieler Philharmoniker. Unter Leitung von Gerhard Markson dreht sich alles um Bizets und Ravels orchestrale Verführungskünste. Und Mike Svoboda steuert sein Werk "Love Hurts – Carmen Remix" bei.

11.01.2019