Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Wie wurden Sie mit 14 Feministin, Meg Wolitzer?
Nachrichten Kultur Wie wurden Sie mit 14 Feministin, Meg Wolitzer?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:00 13.10.2018
Frauenliteratur gehört nicht ins zweite Regal: Meg Wolitzer ist auf Lesereise in Deutschland. Quelle: Colin McPherson/Corbis/Getty Images

Frau Wolitzer, Sie haben nie verschwiegen, dass Sie als Autorin im Kampf um Anerkennung viele Schwierigkeiten überwinden mussten. Erzählen Sie mir mehr darüber.

Ich war einmal auf einer Party und wurde von einem männlichen Kollegen gefragt, worüber ich schreibe. Als ich dann Themen aufzählte wie Machtdynamiken, Genderpolitik, Sexualität in der Ehe, Kindererziehung, sagte er: „Oh, da sollten Sie mit meiner Frau sprechen.“ Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Diese Themen gelten immer noch als typisch weiblich. Ich sehe das anders. Frauenfiktion wird ganz unterschiedlich vermarktet. Das fängt schon mit der Aufmachung an: Ein „Männerbuch“ mit großen, kühnen Buchstaben suggeriert: Das ist ein wichtiges Thema und ein potenzieller Bestseller. Daneben hat man dann die oft delikate Cover-Aufmachung eines „Frauenbuchs“, ich beschreibe das gerne scherzhaft mit dem Bild „Junges Mädchen im Weizenfeld“. Das schließt die männliche Leserschaft von vornherein aus. Ich halte die Vorstellung für absurd, dass es eine Frauenliteratur gibt, die so unterschiedliche Werke wie Jane Austens Romane oder „Fifty Shades of Grey“ umfasst.

In Ihrem Roman „Das weibliche Prinzip“, mit dem Sie derzeit auf Lesereise durch Deutschland gehen, beschreiben Sie zwei sehr unterschiedliche Typen von Feministinnen, Faith und Greer. Mit welcher von beiden können Sie sich mehr identifizieren?

Ich wusste nicht, dass ich wählen muss! Ich glaube aber nicht, dass es darum geht, sich mit ihnen zu identifizieren, sondern eher darum, sie zu verstehen. Und bei Faith und Greer handelt es sich auch eher um zwei sehr unterschiedliche Frauen, nicht so sehr um unterschiedliche Typen von Feministinnen. Die wollen letztlich alle dasselbe: Gleichheit und eine faire Welt. Die Unterschiede zwischen den Frauengenerationen werden von den Medien übermäßig betont. Faith ist charismatisch und selbstbewusst, sie möchte andere Menschen inspirieren und ihnen ihre Weltsicht nahebringen. Die junge Greer beschreibt sich selbst als schüchtern, weil es ihr zunächst unangenehm ist, über Gefühle zu sprechen. Für sie ist die Vorstellung, die Welt zu verändern, etwas sehr Aufregendes und eng damit verknüpft, den Respekt der älteren Faith zu gewinnen. Man kann also sagen: Faiths Charakter ist bereits ausgeformt, und Greers Charakter wird im Laufe der Geschichte geformt.

Die Figur der Faith hat Ähnlichkeit mit Gloria Steinem. Was bedeutet Ihnen diese legendäre Feministin?

Im Roman heißt es über Faith, dass sie „ein paar Schritte hinter Gloria Steinem steht, was den Ruhm anbelangt“. In meiner Jugend spielte Steinem eine besondere Rolle, denn ich konnte hautnah miterleben, welchen Effekt sie auf meine Mutter hatte. Sie konnte in ihrer Jugend nur ein paar Collegekurse besuchen, weil ihre Eltern es nicht für nötig hielten, dass eine Frau eine Ausbildung erfährt. Die Frauenbewegung in den Siebzigerjahren war deshalb für sie eine große Befreiung. Und das habe ich versucht zu spiegeln. Schon mit 14 habe ich eine feministische Lesegruppe gegründet.

Wie genau liefen diese Treffen ab, wie wurden Sie mit 14 zur Feministin?

Wir tunkten Karotten in Zwiebeldipp und waren uns ganz bewusst, dass wir weiblich sind. Diese Selbsterkenntnis war neu für uns alle. Wir haben die Erwachsenen ausgesperrt. Meine Mutter sagte einmal: „Aber ich bin doch auch eine Frau!“ Aber es gab eben Dinge, über die wir nicht mit unseren Eltern sprechen wollten. Dafür war dieser intime Rahmen genau richtig. Wir redeten darüber, wie es ist, weiblich zu sein, und über unsere erwachende Sexualität. Wir haben einen Brief an eine nationale Frauenorganisation geschrieben und um Vorschläge für Gesprächsthemen gebeten. Die schickten dann eine Liste mit Punkten wie „Wie ich zum Höhepunkt komme“. Dafür waren wir aber noch nicht reif genug, bei uns ging es eher um Collegebewerbungen und Streit mit den Eltern. Ein paar Jahre später hätte ich die Liste gut gebrauchen können! Aus heutiger Sicht könnte man darüber spotten, wie wir da ganz ernsthaft mit unseren Siebzigerjahrefrisuren über Menstruation und Büstenhalter philosophierten. Aber es hat mir sehr viel gebracht, mich als Heranwachsende in einer von Männern dominierten Welt mit anderen Mädchen austauschen zu können. Je früher, desto besser.

„Es hat mir sehr viel gebracht, mich als Heranwachsende in einer von Männern dominierten Welt mit anderen Mädchen austauschen zu können“, sagt Meg Wolitzer. Quelle: picture alliance / Photoshot

Spielt diese frühe Erfahrung für Ihren Roman eine Rolle?

Es gibt diese Szene im Roman, als Greer zu der Party einer Studentenverbindung geht und angetatscht wird. Und sie ist sich nicht sicher: War das jetzt ein Übergriff? Oder gehört das zum Frausein dazu? Ich denke, ähnliche Erfahrungen macht fast jede Frau während des Heranwachsens, man stellt sich die Frage: Wie gehe ich damit um? Soll ich es einfach ignorieren, bin ich wütend, oder kann ich eh nichts tun? Über solche Erlebnisse haben wir damals gesprochen, und das hat uns ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl gegeben. Und diese Interaktion zwischen Frauen mit verschiedenen Hintergründen – da sind wir wieder bei Faith und Greer – zeigt sich schließlich auch in meinem Roman.

Haben Sie sich 2017 am Women’s March für Frauen- und Menschenrechte beteiligt, nachdem Donald Trump ins Amt des Präsidenten eingeführt worden war?

Ja. Ich fühlte mich geradezu magisch dahin gezogen. Die Wahl Trumps war für mich eine traumatisierende Erfahrung. Dass wir jetzt wieder das Recht auf Abtreibung verteidigen müssen, ist ein Schritt zurück in die Vergangenheit. Mit all den anderen Frauen dagegen zu protestieren hatte für mich die Wirkung eines Antidepressivums.

Die #MeToo-Bewegung ist gerade ein Jahr alt geworden. Wie lautet Ihr Zwischenfazit?

Auf der einen Seite gibt es jeden Tag absurde Neuigkeiten. Dass ein Mann wie Brett Kavanaugh, dem mehrere Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen, überhaupt als Richterkandidat für den Obersten Gerichtshof vorgeschlagen wurde, spricht Bände. Auf der anderen Seite gibt es da aber auch eine sehr rührige und wachsende Gegenbewegung. #MeToo hat Frauen die Möglichkeiten gegeben, ihre Erfahrungen und ihre Wut zu teilen. Und das ist unglaublich viel wert. Und man kann uns nicht mehr einfach ignorieren.

Haben Sie selbst eine Erfahrung mit sexueller Belästigung gemacht?

Wie wohl die meisten Frauen in dieser Welt muss ich diese Frage mit „Ja“ beantworten. Ich komme da wieder auf meine Romanszene mit Greer auf der Studentenparty zurück: Mir ist das nicht eins zu eins so geschehen. Aber es gab Situationen, in denen ich mich unwohl gefühlt habe und etwas habe durchgehen lassen, was ich später bereut habe. Ich bin nicht immun dagegen.

Ihr Werk „Das weibliche Prinzip“ wird ja immer als der zentrale Roman zu #MeToo bezeichnet. Gefällt Ihnen das?

Ich habe das Buch geschrieben, als dieser Hashtag noch nicht existierte. Es sollte nie DER feministischste Roman aller Zeiten werden. Ich trage diese Ideen schon lange mit mir herum und habe Motive wie Machtausübung durch Männer, weibliche Durchsetzungskraft oder die große Sinnsuche auch schon in anderen Romanen aufgegriffen, in „Die Ehefrau“ aus dem Jahr 2003 etwa, dessen Filmversion gerade mit Glenn Close in der Hauptrolle in den US-Kinos angelaufen ist. Es war also eher ein glücklicher Zufall, dass der Roman zeitgleich mit dem Aufschwung der #MeToo-Bewegung erschien. Ich habe allerdings nach der Wahl von Trump das letzte Kapitel überarbeitet. Ich hatte das Buch mit dem Gedanken geschrieben, dass wir beim Erscheinen die erste weibliche Präsidentin haben werden. Weil es anders kam, entlasse ich meine Protagonistinnen am Ende in eine ungewisse Zukunft.

Eine Szene aus der neuen Wolitzer-Verfilmung „Die Ehefrau“ mit Glenn Close in der Hauptrolle. Quelle: Verleih

Zur Person: Meg Wolitzer

Meg Wolitzer hat eine weiche Stimme, man hört ihr gerne zu. Doch was sie sagt, ist alles andere als sanft. Mit Verve macht die US-Autorin im Interview wie auch in ihren Romanen auf Geschlechterungerechtigkeit und Machtmissbrauch aufmerksam. In „Das weibliche Prinzip“ verhandelt die 59-Jährige unaufgeregt feministische Themen, der Roman gilt als großer amerikanischer Gesellschaftsroman und zugleich als Schlüsselwerk zur #MeToo-Bewegung.

Die Geschichte handelt von Faith Frank, einer Art amerikanischer Alice Schwarzer, die jahrelang eine erfolgreiche feministische Zeitschrift herausgab und jetzt den Anschluss an die Gegenwart zu verlieren droht. Die bislang unpolitische Studentin Greer Kadetsky verfällt ihr bei einem Vortrag, kurz nachdem sie bei einer Party von einem Kommilitonen sexuell belästigt wurde. Greer möchte ihre eigene Stimme für die gemeinsame Botschaft finden.

Wolitzer hat kein feministisches Manifest geschrieben, die Frauen sind bei ihr ebenso von Eifersucht und Machtlust verführbar wie Männer. So verrät Greer der Karriere zuliebe ihre beste Freundin. Und Faith lässt sich von einem ehemaligen Liebhaber – einem Multimillionär mit dubiosen Geschäften – eine Stiftung schenken. Die soll Frauen in Not helfen, gerät jedoch zum Treffpunkt für reiche Frauen, die sich bei Kongressen ihrer Liberalität versichern und nebenbei eine feministische Wahrsagerin befragen können.

Bis 20. Oktober ist die US-Autorin mit dem Roman auf Lesereise durch Deutschland, unter anderem bei der Frankfurter Buchmesse an diesem Sonnabend, später in Berlin (18. Oktober), Hamburg (19. Oktober) und Göttingen (20. Oktober).

Zuvor war die Autorin hierzulande bereits mit ihrem Cliquenroman „Die Interessanten“ (2014) aufgefallen, der wochenlang auf der Bestsellerliste stand. Darin beschreibt sie, wie sechs Teenager sich im Sommercamp treffen, ihre Träume verwirklichen wollen und doch von Neid und verdrängten Sehnsüchten zurückgehalten werden. Hier zeigt die Autorin, dass Emanzipation nicht nur ein Thema für Frauen ist. Der Roman markiert auch ihren internationalen Durchbruch, seitdem wird sie mit Jonathan Franzen verglichen.

Ihr Roman „Die Ehefrau“ (2016) ist gerade mit Glenn Close in der Hauptrolle verfilmt worden, ein deutscher Kinostarttermin steht noch nicht fest. Es geht darin um eine Frau, die sich dagegen auflehnt, nur das Anhängsel ihres Mannes zu sein. Der ist ein gefeierter Schriftsteller, sie war einst seine Schülerin in einem Kurs für Kreatives Schreiben und hat ihre Karriere ihm zuliebe zurückgestellt. Als ihm ein wichtiger Literaturpreis verliehen werden soll, rekapituliert die Protagonistin während des langen Fluges ihre Beziehung. Wolitzer gelingt hier ein gestochen scharfes Panoptikum einer zerrütteten Ehe.

Der Essay „The Second Shelf“ (Das zweite Regal) aus der „New York Times“ (2012), in dem Wolitzer die Diskriminierung von Frauen im Literaturbetrieb anprangert, ist inzwischen legendär. Auf diesen Essay verweisend verbot sich eine Rezensentin der „Zeit“ jüngst Kritik an dem gefeierten Roman „Das weibliche Prinzip“: Wie könne man als Frau nicht in den Lobgesang auf eine weibliche Autorin einstimmen, wenn die es ja ohnehin schwer habe, aus dem zweiten Regal ins erste zu gelangen? Gegen vergiftete Fragestellungen wie diese hilft die Wolitzer-Lektüre.

Die Prägung durch ihre Eltern beeinflusse ihr Werk bis heute, sagt sie: „Von jüngster Kindheit an war ich mir sehr bewusst, dass es im Inneren eines Menschen kompliziert aussehen kann. Nicht nur wegen meines Psychologenvaters, sondern auch wegen meiner Mutter, einer Schriftstellerin.“ Meg Wolitzer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in New York City.

Meg Wolitzer: „Das weibliche Prinzip“. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. DuMont. 496 Seiten, 24 Euro.

Von Nina May

Kultur Cinemare in der 3. Runde - Meerfilme von Island bis Südsee

Zum dritten Mal geht vom 24. bis 28. Oktober "Cinemare" über die Leinwände in Kiel. In rund 60 Filmen thematisiert das Internationale Meeresfilmfestival Wunder der Unterwasserwelt wie den Schutz des Meeres.

Ruth Bender 13.10.2018

AfD- Mann Björn Höcke hat in Frankfurt sein neues Buch vorgestellt. Doch Satiriker Martin Sonneborn konterte den Redner mit einer ungewöhnlichen Showeinlage aus.

13.10.2018
Kultur Kolumne - Wien Freund

Wiederholungen gefallen nicht. Journalisten sind deshalb gehalten, bei der Suche nach Synonymen keine Schmerzen zuzulassen. Generationen von Autoren lernen früh: Zweimal dasselbe ist doof. Mit fatalen Folgen.

13.10.2018