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Kultur „Wunder“: Raus aus der Opferecke
Nachrichten Kultur „Wunder“: Raus aus der Opferecke
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12:00 24.01.2018
Diese beiden halten zusammen: Isabel Pullman (Julia Roberts) mit ihrem Sohn Auggie (Jacob Tremblay). Quelle: Foto: StudioCanal
Hannover

„Ich weiß, dass ich kein gewöhnlicher Zehnjähriger bin“, sagt Auggie (Jacob Tremblay). Der Junge trägt einen Astronautenhelm über dem Kopf. Als er ihn abnimmt, wird klar, wovon er spricht: Aufgrund eines genetischen Defektes ist Auggies Gesicht deformiert. Lange Narben ziehen sich die Wangen hinunter, die Nase ist platt, die Ohren sind krumm und schief, die Augen haben eine tränenartige Form. 27 Operationen hat er seit seiner Geburt hinter sich gebracht, um selbstständig atmen, sehen und hören zu können. Zur Schule ist Auggie nie gegangen. Seine Mutter Isabel (Julia Roberts) hat ihn bisher zu Hause unterrichtet. Aber nun soll das Kind zu Beginn der fünften Klasse eine reguläre Schule besuchen. Als er den Schulhof betritt, starren ihn alle an. Langsam fährt die Kamera an den entsetzten Gesichtern entlang.

Es muss viel Kraft kosten, solche Blicke auszuhalten. Die Eingewöhnung in die Klasse fällt Auggie schwer. Es ist nicht nur das peinlich berührte Abwenden und Getuschel. Manche Mitschüler sehen in ihm ein ideales Mobbingopfer. Im Sportunterricht wird er mit Bällen beworfen. Selbst Jack (Noah Jupe), der sich unvoreingenommen mit ihm angefreundet hat, wendet sich unter dem sozialen Druck von ihm ab. Auggies Familie hingegen ist für den Jungen ein Hort der Geborgenheit. Mutter und Vater (Owen Wilson) stehen ihm zur Seite, genauso wie seine ältere Schwester Via. „Auggie ist wie die Sonne“, sagt Via (Izabela Vidovic), „alle in der Familie kreisen nur um ihn.“

Der Blick auf Auggie wird weit

Regisseur Stephen Chbosky, der dem Jugendroman von R.J.Palacio folgt, geht anders vor. Aus vier verschiedenen Perspektiven blickt der Film auf Auggies Umfeld. Der zweite Teil des Filmes gehört Via, die als große Schwester nur wenig familiäre Aufmerksamkeit bekommt. Das hat sie bisher mit einer gewissen Traurigkeit, aber ohne Verbitterung ertragen. Als sich aber auch noch ihre beste Freundin Miranda (Danielle Rose Russell) nach dem Sommercamp einer neuen Clique zuwendet, fühlt sich Via verloren. Und doch treibt sie gerade diese Verlorenheit in einen Theaterkurs und in ihre erste Liebe hinein.

In zwei weiteren Teilen wird der Blick noch weiter geöffnet und die Sicht der beiden vermeintlichen Verräterfiguren Miranda und Jack eingenommen. Diese multiperspektivische Erzählweise erweitert das Empathiekonzept des Filmes und holt die Hauptfigur Auggie aus der Opferecke heraus. Das bewahrt den Film vor jener monströsen Rührseligkeit, mit der man eine solche Geschichte normalerweise in Hollywood erzählen würde. Dennoch bleibt hier kein Auge trocken, wenn Auggie seinen Weg zur schulgesellschaftlichen Anerkennung findet.

Das Gute im Menschen

Etwas zu deutlich verkündet Regisseur Chbosky, der sich mit „Vielleicht lieber morgen“ (2012) als sensibler Independent-Filmemacher profiliert hat, seine Botschaft von Mitgefühl und Freundlichkeit. In seinen Figurenzeichnungen hingegen beweist er eine überzeugende Integrität, weil er das Gute im Menschen mit all seiner Fehlerhaftigkeit herausarbeitet, ohne daraus aufwendige Katarsisprozesse ableiten zu müssen.

Von Martin Schwickert / RND

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