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Kultur „Du bist ein Bayer, aber ich bin der noch größere Bayer!“
Nachrichten Kultur „Du bist ein Bayer, aber ich bin der noch größere Bayer!“
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10:21 24.09.2018
A bissl was geht bei ihm immer: Markus Stoll alias Harry G. Quelle: Christian Brecheis
München

Er ist der Experte, wenn es um das Münchner Oktoberfest geht. In seinen YouTube-Videos parodiert der bayerische Komiker und Kabarettist Markus Stoll alias Harry G das Gebaren der Isarpreißn, aber auch die Münchner Schickeria. Mehr als 200 Millionen Mal wurden seine Clips bisher angeguckt. Mit seinem aktuellen Bühnenprogramm „HarrydieEhre“ geht er jetzt mit 30 Zusatzshows in Deutschland und Österreich in die Verlängerung. Im Interview spricht Stoll über den gockelhaften Wiesn-Schaulauf und erklärt, was er an deutscher Comedy nicht mag.

Störe ich Sie gerade beim Weißwurstfrühstück?

Moment! Ich bin zwar Bayer, aber das heißt nicht, dass wir den ganzen Tag nur Weißwürste essen und Bier trinken. Wir gehen auch normaler Arbeit nach. Meistens jedenfalls.

Satire und Kabarett spielen gern mit Vorurteilen. In Ihren Youtube-Videos nehmen Sie unter anderem gerne mal die Isarpreißn, also die Nichtmünchner, die aber gern münchnerisch tun, auf die Schippe. Sind die wirklich so schlimm?

Das Lustige ist, ich habe am Anfang immer gedacht, ich stelle das zu übertrieben dar. Aber die Wahrheit ist, dass die Wirklichkeit oft noch schlimmer ist. Wenn ich im Biergarten sitze und die Bestellungen der Isarpreißn mitbekomme – „der Opatzte“ (Obatzda) oder „der Maß“ (die Maß) – dann denke ich immer, da hätte ich noch viel krasser grantln können.

Gehen Sie auf die Wiesn nur zu Recherchezwecken oder feiern Sie dann doch ein bisschen?

Beides. Die Wiesn ist beruflich wahnsinnig inspirierend. Auch hier übertrifft die Realität oft meine Videos. Jedes Mal, wenn ich auf der Wiesn bin, denke ich mir, das gibt’s doch nicht, dass es wieder jemand geschafft hat, einen Look zu kreieren, den ich so nie hätte entwerfen können. Und privat liebe ich es natürlich mit meinen Spetzln die eine oder andere Maß zu heben und das ganze Wiesn-Paket zu erleben. Herrlich!

Volksfeste und Trachten erleben seit Jahren einen Aufschwung. Liegt die Rückbesinnung auf das Ursprüngliche, das Traditionelle im Trend?

Es war früher ja so, dass man nicht in Tracht auf die Wiesn gegangen ist – eher mit Jeans und Trachtenjacke. Irgendwann haben dann die Einheimischen wieder angefangen, Lederhosn anzuziehen. Dann kamen die Touristen beziehungsweise die Zuagroastn (Anmerk. d. Red.: die Zugereisten) und die Isarpreißn auf die Idee: Das machen wir auch! Da sah der Bayer keinen anderen Ausweg, als sich noch weiter ins Traditionelle zurückzubesinnen, und schon fast gebirgsschützenmäßig aufzulaufen. Man will sich ja ganz klar als Einheimischer positionieren. Da geht’s um Kleinigkeiten, die zeigen, das kann kein Isarpreiß. Da kommen Westen und Hosenträger ins Spiel, regional unterschiedlich. Auch der Hut kommt ganz stark wieder. Nicht nur bei mir, sondern Modelle mit Gamsbart, die unter Umständen auch ein paar Hundert Euro kosten. Ich glaube, insgesamt ist das Trachtenthema so ein bisschen ... entartet.

Geht es denn nur ums Abgrenzen oder auch darum, sich wieder eine Identität zu schaffen?

Die Wiesn ist ja immer noch ein Spaß, eine Freizeitbeschäftigung. Mit Identität hat das nicht wirklich viel zu tun. Nicht mehr! Es ist ein Schaulauf und deshalb wird das Traditionelle auf der Wiesn immer ein bisserl zu weit getrieben. Ich glaube, es geht heutzutage auch weniger um das berühmte „Mia san mia“-Gefühl, sondern eher um das Zeigen ‚Du bist ein Bayer, aber ich bin der noch größere Bayer!‘. Da beobachtet man durchaus ein ein bisschen gockelhaftes Auflaufen der Urbayern unter sich. Und abgrenzen tun sie sich zwar gerne mal, aber ganz sicher nicht auf der Wiesn. Ohne die Gäste aus aller Welt wäre es ja nur die halbe Gaudi.

Die Bayern sind ja eh sehr aufnahmefreudig.

Das stimmt. Das bunte Volk, das sich hier tummelt, dass macht unser Stadtbild in München mit aus. Hier treffen Touristen, Einheimische, ausländische und deutsche Dazugezogene aufeinander, leben und feiern miteinander. Geselligkeit wird hier sehr großgeschrieben, mit allen Menschen.

Sie sehen sich ja selbst als zeitgemäßen Bayern, für den Tradition und Moderne kein Gegensatz ist. Ist es denn Herausforderung?

Es gibt in Bayern sehr vieles, was man bewahren und schützen sollte. Den Dialekt zum Beispiel. Bayerisch ist der beliebteste Dialekt in Deutschland, darauf sind wir stolz! Wenn der Bayer nicht mehr bairisch spricht, dann verliert er seinen Schmäh. Junge Bayern sprechen heute neben Hochdeutsch viele Fremdsprachen, und trotzdem reden sie im Alltag ganz selbstverständlich tiefstes Bayerisch. Das macht Bayern aus, Tradition und Moderne und Alt und Jung sind keine Gegensätze. Ich kann im Startup arbeiten und trotzdem am Wochenende mit Freunden in die Berge gehen.

Verstehen die Preißn (alle Menschen jenseits des Weißwurstäquators) Sie überhaupt, wenn Sie zum Beispiel im Norden auftreten?

Man versteht mich gut, wenn man mich verstehen will. Ich bin zum Beispiel in Berlin, Köln, Hamburg, Mannheim oder Düsseldorf aufgetreten, da kommen einerseits viele Bayern, die im Exil leben. Andererseits aber auch Fans, die mich nur aus dem Netz kennen. Und wer meine Youtube-Clips versteht, der versteht auch meine Bühnenauftritte, Ehrenwort!

Youtube, Facebook, Instagram – Sie sind auf allen Kanälen, posten Videos, Fotos, Neuigkeiten und interagieren ständig mit Ihren Fans. Jetzt auch noch zwei Wochen Wiesn. Wäre so eine einsame Insel überhaupt etwas für Sie?

Eine einsame Insel ist erst etwas für mich, seit ich als Harry G unterwegs bin, weil ich merke, dass ich Ruhepausen brauche. Die Bühne ist sehr anstrengend. Man ist da so rampensaumäßig exponiert, dass man dann auch mal wieder irgendwo sein will, wo man sich zurückziehen und seine Ruhe haben kann. Aber auf Dauer wäre eine einsame Insel nichts für mich: Erstens geht da irgendwann das Bier aus, und als sehr sportlicher Mensch wüsste ich auch nicht, was ich da machen sollte.

Sie sind aktuell mit Ihrer Show „HarrydieEhre“ auf Tour, geben wegen des großen Ansturms bis Anfang des kommenden Jahres noch etwa 30 Zusatzshows und planen für 2019 bereits eine neue Tour. Welchen Anspruch haben Sie an Ihre Bühnenauftritte?

Ich muss zugeben, ich selbst bin sehr schwer von Comedy zu begeistern. Britische Comedy schon eher, weil sie einfach ein bisschen trockener ist. Was mich generell wahnsinnig stört, sind berechenbare Witze oder ein ewig langer Aufbau für einen Witz. Das habe ich an der deutschen Comedy noch nie gemocht. Da werden Situationen immer sehr lange beschrieben, bevor irgendetwas passiert. Mein Anspruch an mich ist sehr hoch: Ich möchte, dass meine Zuschauer zwei Stunden lang keine Zeit zum Durchatmen haben, da kenne ich keine Gnade. Ihnen soll keine Sekunde langweilig sein, dafür lege ich mich richtig ins Zeug. Langeweile ist ganz schrecklich. Ich weiß, wovon ich rede, denn mir selbst wird wahnsinnig schnell fad.

Von Amina Linke / RND

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