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Kultur „Alles Wohl beruht auf Paarung“
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16:03 09.03.2018
Starb vor 100 Jahren an den Folgen einer missglückten Blinddarm-Operation Quelle: dpa
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Leipzig

Er wollte dichten, immer nur dichten: Benjamin Franklin Wedekind, der als Frank Wedekind in die Theatergeschichte einging und heute vor 100 Jahren an den Folgen einer verpfuschten Blinddarm-Operation starb. Zwar hatte er sich vom Vater, einem steinreichen Gynäkologen mit Sitz im Paulskirchen-Parlament, amerikanischem Pass und Schloss in der Schweiz, breitschlagen lassen, in München ein Jura-Studium aufzunehmen. Aber statt sich mit gedruckten Paragrafen zu beschäftigen, betrieb er Feldforschung in den Schwabinger Cafés, Kneipen und Bordellen. Als dem Vater das zu Ohren kam, strich er 1886 seinem 22-jährigen Stammhalters den monatlichen Scheck. Der schmiss das ungeliebte Studium und machte die Dichtung zum Beruf: als leitender Werbetexter beim Schweizer Suppenwürfel-Fabrikanten Julius Maggi.

Hier konnte Wedekind, der seit Kindertagen Verse über Verse schmiedete, anständig bezahlt seiner Leidenschaft für die Sprache freien Lauf lassen, und sich selbst noch in der Gebrauchslyrik am Thema seines Lebens abarbeiten. Für Maggi fand er Zeilen wie diese:

Alles Wohl beruht auf Paarung;

Wie dem Leben Poesie

Fehle Maggi’s Suppen-Nahrung

Maggi’s Speisewürze nie!

Allzu lang allerdings muss der Poet sich nicht an den Brühwürfel verkaufen. 1888 stirbt der Vater, und das Erbe ermöglicht Wedekind ein sorgenfreies Leben als Schauspieler (meist in eigenen Stücken), Satiriker (im von ihm mitbegründeten „Simplicissimus“) oder (eigene) Spottlieder zur Gitarre singender Kabarettist auf den Brettl-Bühnen der Stadt München. Hier verbringt er den größten Teil seines Lebens – und kümmert sich ausgiebig und auf Abwechslung bedacht um das, worauf alles Wohl beruhe. Zum Beispiel mit Frida, der Frau des Kollegen August Strindberg, die 1897 seinen Sohn Friedrich Strindberg-Wedekind zur Welt bringt. Aber auch in dieser Zeit halten ihn die Paragrafen noch auf Trab: 1899 sitzt er auf der Festung Königstein eine siebenmonatige Festungshaft wegen Majestätsbeleidigung ab. Kaiser Wilhelm II. hatte eine Satire in den richtigen Hals bekommen.

Dramatische Vorboten der Lehre Sigmund Freuds

Gedichte, Werbetexte, Kleinkunst – diese Beschäftigungsfelder stehen nur auf den ersten Blick den Werken des großen Theater-Autors Frank Wedekind diametral entgegen. Doch die 22 Bühnenwerke, von „Frühlings Erwachen“ (vollendet 1891, aber erst 1906 von Max Reinhard in Berlin uraufgeführt) bis zum dramatischen Gedicht „Herakles“ (1916/17) verdanken ihnen viel: Wedekind baute diese dramatischen Vorboten der Lehre Sigmund Freuds aus knappen Szenen, scheute den kolportagehaften Effekt nicht, ließ darin die unprätentiös schöne Sprache sinnlich flirren und trug auch seine dramatischen Angriffe auf wilhelminische Verklemmung und Doppelmoral im Tonfall des nachgerade naiven Erstaunens vor.

Ja, es sind Zeitstücke, sie richten sich gegen eine Gesellschaft, in der technologisches Morgen und Untertanengeist von gestern eine unheilige Allianz eingehen – und die es so längst nicht mehr gibt. Drum sind die Skandale und Tumulte, die beinahe jedes Werk des stets korrekt gekleideten und im persönlichen Umgang zurückhaltenden bis schüchternen Bürgerschrecks seinerzeit auslöste, heute nur noch mit Mühe nachvollziehbar, wirken die Eingriffe der Zensur, die es bei so ziemlich jedem gab, bisweilen beinahe rührend.

„Frühlings Erwachen“ ist längst Schulstoff geworden

„Frühlings Erwachen“, diese Tragödie über die pubertäre Explosion des Begehrens, ist längst Schulstoff geworden. Und auch der Weg der Kindfrau Lulu von der verführten Verführerin bis zum Opfer Jack the Rippers in „Erdgeist“ (uraufgeführt 1898 in Leipzig), der „Büchse der Pandora“ (1904) oder der Oper „Lulu“ zu der Alban Berg beide Dramen 1934 verband, muss schon sehr drastisch inszeniert werden, um in einer pornografisierten Bilderwelt noch anzuecken. Doch die Doppelmoral der Konvention, gegen die Wedekind Zeit seines schöpferischen Lebens anrannte, ist längst nicht überwunden. Noch immer lastet sie allzu oft zu schwer auf der Paarung, als dass alles Wohl auf ihr beruhen könnte . In Wedekinds Worten: „Wer im Dunkeln liebt, der lebt auch im Dunkeln.“

An der Oper Leipzig hat am 16. Juni Alban-Bergs großartige Wedekind-Oper „Lulu“ Premiere, Ulf Schirmer dirigiert, Lotte de Beet inszeniert; www.oper-leipzig.de

Von Peter Korfmacher

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