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Medien Abgelenkt vom Handy: Warum Funktionen wie „Bildschirmzeit“ nicht reichen
Nachrichten Medien Abgelenkt vom Handy: Warum Funktionen wie „Bildschirmzeit“ nicht reichen
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14:59 27.09.2018
Quelle: Mascha Brichta/dpa
Hannover

Es passiert ganz automatisch. Morgens geht der Griff zuerst zum Smartphone. Abends ist es das Letzte, was man aus der Hand legt. Dazwischen wird fast jede Minute Leerlauf mit Scrollen, Wischen und Tippen verbracht.

Inzwischen finden es nicht nur Technikskeptiker problematisch, wie sehr Smartphones und soziale Medien unsere Aufmerksamkeit fesseln. Viele Experten raten deshalb: Die Menschen müssen Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen. Sie dürfen ihr Leben nicht vom Smartphone bestimmen lassen, müssen selbst dafür sorgen, dass sie wieder mehr mit ihrer Umwelt interagieren. Aber vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht sind es viel eher Google, Facebook und Co die handeln müssen.

Screen Time – bringt das was?

Es scheint, als sähen die großen Tech-Firmen das auch so – zumindest ein bisschen. Das neue iPhone-Betriebssystem iOS 12 hat zum Beispiel eine Funktion namens „Screen Time“, beziehungsweise „Bildschirmzeit“. Damit können die Nutzer sehen, wie viel Zeit sie mit welcher App verbringen. Auch Googles neues Android will mit ähnlichen Mitteln etwas gegen den übermäßigen Gebrauch von Smartphones unternehmen. Da gibt es unter anderem die Möglichkeit, einzustellen, wie lange man eine App am Tag nutzen möchte. Wird das gesetzte Zeitlimit erreicht, färbt sich das App-Icon grau. Doch sind solche Funktionen überhaupt sinnvoll?

„Das ist, wie wenn man ein Pflaster auf eine blutende Wunde klebt“, sagt der Forscher James Williams. Mehr Kontrolle, mehr Einsicht in das eigene Verhalten, das sei durchaus ein guter, erster Schritt. Aber der eigentliche Weg, das Problem „Aufmerksamkeitskrise“ zu lösen, sei noch sehr viel länger.

Twitter, Instagram und Google konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit

Williams hat selbst mehr als zehn Jahre für Google gearbeitet. Dort sei ihm irgendwann aufgefallen, dass es ein grundlegendes Missverhältnis zwischen den Zielen der Tech-Unternehmen und denen der Menschen gebe, erzählt er. Niemand habe das Lebensziel, möglichst viel Zeit auf Twitter zu verbringen – aber genau das versucht Twitter zu erreichen.

Williams verließ Google und gründete gemeinsam mit Tristan Harris, ebenfalls einem ehemaligen Google-Mitarbeiter, 2013 die Initiative Time Well Spent (deutsch: gut verbrachte Zeit). Sie sagen: Facebook, Twitter, Instagram und Google haben großartige Produkte entwickelt, die der Welt enorm zugutekommen. Doch gleichzeitig konkurrieren sie alle um unsere – letztlich begrenzte – Aufmerksamkeit. Auf diese Weise müssen sie ständig bessere Wege finden, uns an den Bildschirmen zu halten. Time Well Spent will, dass sich das ändert. Jetzt, nach fünf Jahren, scheinen ihre Bemühungen langsam Früchte zu tragen.

Technik mit Technik bändigen

Instagram, Facebook, Google, Apple – sie alle sind anscheinend auf einmal daran interessiert, dass wir unsere Zeit nicht nutzlos verplempern. Mark Zuckerberg ernannte das Ziel, Facebook zu „time well spent“ zu machen, sogar zu einer der obersten Prioritäten für das Jahr 2018. Doch wenn es die Tech-Unternehmen wirklich ernst meinen mit dem „digitalen Wohlbefinden“, dann ist es mit ein paar neuen Features nicht getan.

Technik mit Technik bändigen – das ist der Ansatz, den Apple und Co. aktuell verfolgen. Doch das schiebt eigentlich nur wieder den Nutzern die Verantwortung zu. Sie müssen sich kümmern, sie müssen sich selbst regulieren, sich trotzdem durchsetzen gegen eine Vielzahl von Apps, die von sehr intelligenten Menschen und mit viel Mühe darauf ausgerichtet wurden, immer wieder unsere Aufmerksamkeit zu erlangen.

Wie kann Software besser werden?

„Was wir brauchen, sind Technologien, für die keine weiteren Technologien nötig sind, um sie effektiv zu nutzen“, sagt Williams. Die nicht gegen uns arbeiteten, sondern auf unserer Seite stünden. Ein GPS würde man ja auch nicht weiter nutzen, wenn es einen ständig an den falschen Ort leiten würde. Warum also sollte das bei einem Smartphone anders sein, das einen ständig davon abhält, unser Leben nach den eigenen Werten zu leben?

Vermutlich haben wir uns so sehr an die Regeln gewöhnt, die ein Konzern wie Facebook uns zur Kommunikation und Interaktion anbietet, dass es schwerfällt, sich Alternativen vorzustellen. In einem offenen Brief an Mark Zuckerberg empfiehlt Joe Edelman, ein weiterer Gründer von Time Well Spent, sich mehr an den Werten seiner Nutzer zu orientieren. Wie zum Beispiel auf Instagram (das zu Facebook gehört): Angenommen, jemand möchte auf der Fotoplattform ehrlich oder kreativ sein, dann kann es ein Hindernis sein, wenn man ständig Likes und Followerzahlen angezeigt bekommt. Vielleicht kann man ja in Zukunft sogar Software wie soziale Netzwerke erschaffen, bei der die Nutzer selbst mitbestimmen können, wie sie funktioniert.

Die Diskussion um das „digital wellbeing“ ist noch nicht vorbei. Man könne sie gut mit den Anfängen der Umweltbewegung vergleichen: Immer mehr Menschen merkten, dass die Flüsse unserer Aufmerksamkeit verschmutzt seien, sagt Williams. Stellt sich nur die Frage, ob die Tech-Industrie bereit ist, mehr als nur ein bisschen Greenwashing zu betreiben

Von Anna Schughart/RND

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