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20:03 26.01.2018
Ebenso besessen wie wandelbar: Daniel Day-Lewis (hier in seiner Rolle als Abraham Lincoln) will keine Filme mehr drehen. Ein Porträt. Quelle: RND/Fotolia/dpa
Hannover

Bei jedem anderen Schauspieler würde man bei all diesen wundersamen Geschichten wohl zuerst cleveres Marketing vermuten. Macht sich ja immer gut, wenn die Welt erfährt, wie bitterernst man den Job nimmt. Bei diesem Darsteller jedoch liegt die Sache anders.

Daniel Day-Lewis sind PR-Aufritte so unangenehm, ja geradezu zuwider, dass er sich am liebsten mit der Familie auf seinem Hof in Irland verschanzen und gar nichts mehr öffentlich sagen würde – was der gerade einmal 60-Jährige nun wohl auch tun wird: Der Extrem-Darsteller hat angekündigt, dass sein in der kommenden Woche startender Film “Der seidene Faden“ sein letzter sein soll. Nur noch dieses eine Mal werden wir die verblüffende Perfektion eines Daniel Day-Lewis auf der großen Leinwand genießen dürfen – in dem Liebesdrama “Der seidene Faden“.

Seinen ersten von mittlerweile drei Oscars – das ist bei den Männern einsamer Rekord, bei den Frauen hat nur Katharine Hepburn eine Trophäe mehr – holte er sich mit dem Drama “Mein linker Fuß“ (1989). Da verwandelte sich Daniel Day-Lewis in den spastisch gelähmten irischen Künstler Christy Brown, der bis auf eben jenen linken Fuß bewegungsunfähig war. Und was tat der Darsteller zur Vorbereitung auf die Rolle? Über Monate trainierte er, mit seinem linken Fuß zu schreiben, zu malen, auf einer Schreibmaschine zu tippen. Seitdem wird der 1957 in London geborene Schauspieler für seine Akribie verehrt, die ihn gelegentlich an den Rand der Selbstverleugnung geführt haben muss.

In “Mein linker Fuß“ verwandelte sich Daniel Day-Lewis (hier mit Ruth McCabe) in den irischen Künstler Christy Brown – und wurde mit seinem ersten Oscar belohnt. Quelle: dpa / KPA

Immer wieder hat er seine Gesundheit um der Authentizität willen riskiert. Als er in “Im Namen des Vaters“ (1993) einen hungerstreikenden IRA-Gefangenen verkörperte, hungerte er selbst und ließ sich mit kaltem Wasser überschütten, um genauso wie seine Figur die eisige Kälte in der Zelle zu spüren. Die Filmcrew bat er, so heißt es zumindest, ihn auch außerhalb der Dreharbeiten zu beschimpfen. Als er den “Letzten Mohikaner“ (1992) spielte, verschwand er erst einmal im Wald und übte sich darin, Tieren das Fell abzuziehen und aus Bäumen Kanus zu bauen.

Als er für den gleichnamigen Film zu Abraham Lincoln wurde, trainierte er sich eine Gangart an, die er mit der schweren Last in Verbindung brachte, die auf Lincolns Schultern ruhte. Am Set sprach ihn Regisseur Steven Spielberg nur als “Mr. President“ an, so sehr war Day-Lewis mit dem politischen Anführer verwachsen, der zögerte und zauderte und doch konsequent für das Ende der Sklaverei eintrat.

Das Historiendrama “Lincoln“ (2012) brachte Day-Lewis den dritten Oscar ein, den zweiten hatte er zuvor schon für “There will be Blood“ (2007) eingeheimst – wieder so ein uramerikanischer Auftritt des Briten. Lewis ist der Ölbaron Daniel Plainview, ein Selfmademan par excellence, der Gewinn predigt und für das schwarze Gold im Boden über Leichen geht. In Martin Scorseses “Gangs of New York“ (2002) war er “Bill the Butcher“, der Schlachter, der Bandenanführer, der mit eindrucksvollem Schnauzer durch eine nach Blut, Tod und Gewalt riechende Stadt zieht und seine Axt mit kalter Präzision zu bedienen weiß.

Schuhmacherhandwerk statt Schauspielerei

Daniel Day-Lewis stammt aus einer Künstlerfamilie: Seine Mutter Jill Balcon war eine bekannte Schauspielerin, sein Vater Cecil Day-Lewis Hofdichter der Queen, seine Schwester Lydia Tamasin ist Dokumentarfilmerin. Er selbst hat die Schauspielerei an der Old Vic Theatre School in Bristol gelernt. Bekannt wurde er 1985 mit zwei sehr unterschiedlichen Rollen, als schwuler Punk in „Mein wunderbarer Waschsalon“ und als blasierter Snob, der in “Zimmer mit Aussicht“ seine große Liebe verliert.

Im wirklichen Leben – falls man bei Day-Lewis überhaupt zwischen Arbeit und Privatleben unterscheiden sollte – war er lange mit der französischen Schauspielerin Isabelle Adjani zusammen. Heute ist er mit Rebecca Miller, der Tochter des US-Dramatikers Arthur Miller, verheiratet. Als er den Oscar für “Lincoln“ entgegennahm, bedankte er sich erst einmal bei seiner Frau, die es all die Jahre mit so “verschiedenen Männern“ zu Hause habe aushalten müssen.

Regisseuren macht der Schauspieler die Sache denkbar schwer. Steven Spielberg beispielsweise soll sechs Jahre lang um ihn gebuhlt haben, bevor Day-Lewis endlich für “Lincoln“ zusagte – und das gelang am Ende wohl nur, weil auch der alte “Gangs of New York“-Kumpel Leonardo DiCaprio ebenfalls dringlich bat.

Laut eigener Aussage sein letzter großer Auftritt: In “Der seidene Faden“ spielt Daniel Day-Lewis (mit Vicky Krieps) einen von seiner Arbeit besessenen Damenschneider – und ist auch für diese Rolle für einen Oscar nominiert. Quelle: Focus Features

Andere konnten noch so lange flehen: Daniel Day-Lewis lehnte die Rolle des bogenschießenden Aragorn in Peter Jacksons Epos “Herr der Ringe“ genauso ab (Viggo Mortensen übernahm den Job) wie die von Jesus in Mel Gibsons “Die Passion Christi“ (James Caviezel) oder die des Raumfahrers in Steven Soderberghs “Solaris“ (George Clooney). Mit seinen Kollegen am Set soll Daniel Day-Lewis hingegen ausgesprochen sanft und freundlich umgehen.

Schon einmal hatte er dem Kino den Rücken zugekehrt: Fünf Jahre lang widmete er sich im italienischen Florenz dem Schuhmacherhandwerk. Das passt trefflich zu seinem nach eigenen Worten letzten Kinoauftritt, wiederum inszeniert von Paul Thomas Anderson, dem er schon bei “There will be Blood“ vertraut hatte: In “Der seidene Faden“ ist Day-Lewis als Damenschneider in den Fünfzigerjahren in London zu sehen, als ein wahrer Künstler mit Nadel und Faden, der an der Hingabe zu seinem Beruf beinahe zugrunde geht.

Ob es Zufall ist, dass der große Schauspieler Daniel Day-Lewis sich ausgerechnet diese Rolle zum Abschied ausgesucht hat?

Von Stefan Stosch

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