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Medien Bart, aber herzlich: Jürgen von der Lippe wird 70
Nachrichten Medien Bart, aber herzlich: Jürgen von der Lippe wird 70
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19:01 07.06.2018
Gepflegtes Klugscheißertum: Jürgen von der Lippe kann sehr gut sehr schlechte Witze erzählen. Quelle: dpa
Köln

Man kann Jürgen von der Lippe alles Mögliche zum Vorwurf machen. Seinen Hang zu halluzinogenen Hawaiihemden. Seine brummelige Frühvergreistheit. Seine alterswurschtige Liebe zur niedrigschwelligen Zote. Aber dass er sein Herz nicht auf der Zunge trüge, kann niemand behaupten. Ein „zerstrittener Haufen“ sei diese ARD, schimpfte er, als er dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Jahr 2001 im Zorn den Rücken kehrte. Sich in der ARD unwohl zu fühlen, das sei „nicht allzu schwer“. Es ging um Geld. Und ein bisschen auch um Liebe.

Stinksauer war er. Zwölf Jahre lang hatte er in der schon damals altmodischen Samstagabendshow „Geld oder Liebe“ herrlich plüschigen Sitzgruppendenksport und Orangen-auf-der-Nase-Balancieren zelebriert, vor bis zu acht Millionen Zuschauern. Dem WDR-Knuddelbären flogen – im Verbund mit Kameramann „Günni“ – die Herzen zu. Sein gutmütiges Klugscheißertum und seine tapsige Gelassenheit („Was? Wir hängen schon zwanzig Minuten? Das kann nicht sein, Hase!“) verschafften ihm den Ruf eines stammtischtauglichen Intellektuellen. Ja, der Mann liest Bücher. Aber der kann auch Busenwitze. Zu seinen Trophäen gehören zwei Grimme-Preise, aber auch die Saure Gurke für Frauenfeindlichkeit. Es sind die beiden Pole seines künstlerischen Schaffens. #Metoo? Ist nicht so seins.

Kuschelbäriges Zeitspiel

TV-Unterhaltung war für ihn immer mehr als „die uneheliche Tochter, die auf den Strich geschickt wird, damit der Sohn Theologie studieren kann“, wie er mal gesagt hat. Erwachsen sein und trotzdem albern? Warum denn nicht? Dass seine Sat.1-Show „Blind Dinner“ dann floppte, dass sein kuschelbäriges Zeitspiel im Privatfernsehen nicht gut ankam – geschenkt. Heute wird er 70 Jahre alt.

Es gibt nicht mehr viele im deutschen Humorschaffen, die unverwechselbar sind. Von der Lippe gehört dazu, Otto Waalkes, auch Hugo Egon Balder. Aber wenn man früher mal „Titten-Hugo“ hieß und aussieht wie ein urlaubsreifer Karussellbremser, ist die Tür in die heiligen Hallen der Seriosität üblicherweise zugeschlagen. Von der Lippe dagegen tanzte stets munter auf der Schwelle zwischen Betäubungs- und Belehrungsfernsehen. Komikerkollegin Annette Frier bewundert, dass er „Obszönitäten in philosophische Inhalte quetschen“ könne. Seine Blödeljahre in den Siebzigern mit Hans Werner Olm und den Gebrüdern Blattschuss haben ihn nie davon abgehalten, auch Ausflüge ins Feuilleton zu unternehmen. In „Was liest du?“ stellte er im WDR von 2003 bis 2010 mit je einem prominenten Gast Lieblingslektüre vor.

Hugo Egon Balder dagegen – der bürgerlich Egon Hugo Balder heißt – wird für alle Zeit der Mann bleiben, der bei RTL Nacktobst dirigierte und sich ohne jede menschliche Regung mit Backwaren bewerfen ließ.

Das Ministrantenamt – das Stahlbad für Komiker

Als Hans-Jürgen Hubert Dohrenkamp kam von der Lippe in Bad Salzuflen zur Welt. Er wuchs in Aachen auf und absolvierte das klassische Comedy-Stahlbad der Kollegen aus katholischen Milieus: Er war Messdiener – genau wie Thomas Gottschalk, Hape Kerkeling, Alfred Biolek, Frank Elstner, Reinhold Beckmann, Markus Lanz und Günther Jauch. Ministranten für Millionen. Es scheint eine gute Schule für Entertainer zu sein. In den Achtzigern war er kurz mit Margarethe Schreinemakers verheiratet, heute lebt er wieder mit seiner ersten Ehefrau Anne Dohrenkamp zusammen.

Von der Lippe – das ist so einer von der Sorte, die von sich sagt: Ich bin kein Klugscheißer, ich weiß es wirklich besser. Und natürlich war früher alles besser: „Wenn heute ein Fernsehredakteur eine Idee hat, muss er drei Leute fragen, und er kann sicher sein: Irgendeiner knickt es.“

Mit dem Treppenlift im Studio

Morgen Abend feiert ihn die ARD, die er einst so verachtete, mit einer dreistündigen Gala – mit Gästen wie Jürgen Vogel, Horst Lichter, Karl Dall und Otto Waalkes. Moderator ist Jörg Pilawa. Er hätte auch selbst moderieren können, sagt der Jubilar, aber er wollte nicht: „Das macht nur Stress. Und es soll ja ein Geschenk sein.“ Mit einem Treppenlift will er die Showtreppe hinunterfahren. Weil er es kann. Und weil man ihm dann doch irgendwie jeden Quatsch verzeiht.

Die beste Showidee aber, die er je hatte, liegt noch in der Schublade. Seit Jahren träumt er davon, mit Harald Schmidt eine Show für wehleidige Männer zu machen, ein Hypochonder-Spektakel, in dem sie ihre Zipperlein zelebrieren. Sender, aufgemerkt! Es könnte das „Wetten, dass...?“ einer alternden Gesellschaft werden.

„Mensch Jürgen – von der Lippe wird 70“ | ARD Geburtstagsgala, Moderation: Jörg Pilawa Sonnabend, 20.15 Uhr

Von Imre Grimm

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