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Medien Belanglose Fragen und Martin Schulz als Alleinunterhalter
Nachrichten Medien Belanglose Fragen und Martin Schulz als Alleinunterhalter
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23:25 29.01.2017
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz war am Sonntagabend Anne Wills Gast in ihrer Talkshow. Quelle: ARD / Screenshot
Berlin

Es war für einen Sozialdemokraten ein Sonntag, wie in früheren Zeiten des guten alten Rotfunks in der bundesdeutschen TV-Republik: Kaum ein Fernsehzuschauer konnte dem Genossen aus Würselen entgehen. Martin Schulz bei Anne Will, Martin Schulz bei den verbissenen ZDF-Abfragern vom „Was nun?“, Martin Schulz bei der RTL-Moderatorin. Und was kam heraus? Sehr viel gute Laune mit einem netten Alt-Bürgermeister aus Würselen. Das Glück der SPD tief unten im Umfragekeller der überwunden geglaubten Ära unter Sigmar Gabriel ist ein schlichtes.

Im beliebten ZDF-Satzergänzungsspiel vom Einserschüler Peter Frey und seiner Assistentin Bettina Schausten ließ es Martin Schulz so richtig krachen: „Wer mir eine große Klappe attestiert...“ fragen die Was-nun-Handwerker, und der nette Martin darf antworten: „...hat recht!“ In zwanzig Minuten Sendezeit war das die konkreteste aller Antworten. Da steht uns ein Superwahlkampf bevor, wenn es solche Drehbücher gibt.

Reiz des Neuen beflügelt die Sozis

Keiner kann so nett lächelnd Fragen nicht beantworten, wie dieser Martin. Der reale Trumpismus, der heimische Nationalismus, der Seehofersche Rigorismus im Umgang mit Merkel zahlen momentan ein in die Kasse dieses Herrn Schulz. Auch weil die amtierende Kanzlerin eher politisch unlustig erscheint. Er dagegen wirkt verständlich, kurz angebunden und so normal im Vergleich zum altbekannten abgezockten Berliner Politikbetrieb in den Zeiten des Merkelianismus. Es ist der kleine bescheidene Reiz des Neuen, der die Sozis beflügelt. Aus 23 Prozent für die SPD werden so aber noch lange nicht die 35 Prozent, die die SPD brauchen wird, um vor Merkels Union zu liegen.

Weil Anne Will vor einem Jahr sich aus inszenatorischen Gründen ein Kanzlerkandidatenduell Merkel versus Schulz gewünscht hat, ist der Sozialdemokrat jetzt gern zum Stunden-Geplauder gekommen. Gleich zu beginn bei deren Talkshow fängt er mit dieser Erinnerung an Wills Botschaft von 2016 an – und schon hat er sie am Anfang eingeschmeichelt. Anschließend lässt er sich von der gelegentlich nachfragenden Journalistin nichts gefallen. Sie fragt ihn dafür, ob es typisch für ihn sei, dass er immer beherzt zugreife. Ei der daus! So einer hat doch wirklich eine zweite Chance verdient. Drei Prozent der Wähler entscheiden sich am Wahltag. Darauf baut der Kandidat. „Dann habe ich eine gute Chance, die Wahl zu gewinnen.“ Immerhin wissen wir, dank der Solonummer von Schulz bei Stichwortgeberin Anne Will, dass der Sozialdemokrat wie Barack Obama jeweils ohne Regierungserfahrung sich das höchste politische Amt zutrauen.

Schulz darf den Alleinunterhalter geben

Mit ihrem Bürgermeister aus Würselen – dem ersten wirklichen Lokalpolitiker an der Spitze seit dem Berliner Regierenden Bürgermeister Willy Brandt – ist die SPD dabei, das ungekünstelte Lachen wieder zu lernen. Im Gegensatz zur Physikerin Angela Merkel hat der Buchhändler Martin Schulz zwar kein Abitur, er war gefühlt ganz unten und ist jetzt die demokratische Alternative zur Eliten-Feindlichkeit von Donald Trump bis Frauke Petry. Die SPD glaubt in diesen Stunden und Tagen, sie sei im Besitz der Anarcho-Chance: Du hast keine Chance, aber die musst du nutzen. Schulz wirkt frech genug, den sozialdemokratischen Genossen das einzutrichtern. Sonntagabend darf er in der nationalen TV-Landschaft Deutschlands den Alleinunterhalter geben.

Erst im Willy-Brandt-Haus (Kostenpunkt 100.000 Euro für eine dreistündige Sause unter Freunden) und dann, kostenlos und frei Haus, im ZDF, bei den Privaten und schließlich bei Anne Will von der ARD. Die hart arbeitenden Menschen interessiere es nicht, ob es rechte oder linke Flügel gebe, meint Schulz auf die Frage nach der realen Machtperspektive. Das klingt verdammt nach Pragmatismus-Angela im Kanzleramt. Schulz zeigt, er kann kurz antworten. Und Schulz meint, er ist fein raus: „Die Agenda 2010 war eine Debatte des Jahres 2003. Ich würde gerne über die Zukunft unseres Landes reden.“ Das ist schnelle und billige Fluchthilfe, die die SPD von heute voranbringen soll. „Aber Sie geben doch jetzt die Richtung vor“, meint ZDF-Frey mit dem Anflug von Verzweiflung.

RTL-Nachrichtenmoderation drückt ihm die Daumen

Trotzdem sagt Schulz einfach nicht, mit wem er regieren möchte. Dumm gelaufen für die Fernsehjournalisten, leicht gemacht für Schulz. Seine Chance ist, dass womöglich noch nicht alle von der Merkelmania dahingerafft sind. Die Sozis tun an diesem Sonntag so, als könnten sie die Welt rocken. Unbeschwert von Angela Merkel, befreit von der Last mit dem Gewichtigen aus Goslar und angefixt von einem Hansdampf aus der Provinz.

Er durfte bei Anne Will seine Gerechtigkeitslitanei präsentieren. Vielleicht hat sich auch die Gastgeberin der ARD gesagt, wenn Schulz durchhält, wird der noch acht Monate andauernde Wahlkampf nicht ganz so eintönig wie es bis letzte Woche mit einem Gabriel noch schien.

Erstaunlich, wie leicht es einem PR-Profi fällt, belanglose Journalistenfragen abzuarbeiten. Bei RTL drückte ihm die Nachrichtenmoderatorin tatsächlich die Daumen – als Höhepunkt einer liebevollen Abfrage von Standardsätzen. Es war ein TV-Abend mit Schulz und wechselndem Partner nach dem Motto: Autosuggestion im Paarbetrieb. So einen wie Schulz wünschen sich bestimmt ganz viele als Betriebsratsvorsitzenden. Eben „ein Mensch mit Gefühl“ (Schulz bei Anne Will) und aus Würselen.

Aussagen von Martin Schulz bei „Anne Will“

Martin Schulz über seine Chancen bei der Bundestagswahl: „Natürlich macht man sich auch Gedanken darüber, was passiert, wenn du verlierst. Aber, wenn du in so einen Höllenritt startest und daran denkst, was passiert, wenn du verlierst, dann brauchst du erst gar nicht zu starten. Ich will gewinnen.“

Martin Schulz über Sigmar Gabriel: „Ich bin sowohl gefühlt als auch faktisch der bessere Kandidat.“

Martin Schulz über Angela Merkel: „Das Original sind ja wir. Dass Angela Merkel sozialdemokratisiert ist, das weiß ja jeder.“

Martin Schulz über seine Regierungserfahrung: „Das Schicksal teile ich mit Barack Obama. Der hatte auch keine Regierungserfahrung, als er Präsident der Vereinigten Staaten wurde.“

Von RND/Dieter Wonka

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