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Die Logik des Wolfsrudels

Berliner „Tatort“ Die Logik des Wolfsrudels

Das Duo Karow-Rubin ermittelt wieder in Berlin. Diesmal sind die Fahnder einem Serienkiller auf den Fersen. Der hat es auf Opfer abgesehen, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden. Star des Krimis ist Christoph Bach.

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Die Kommissare Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) auf den Spuren des unbekannten Toten.

Hannover. Auch die Kamera möchte nicht alles wissen, manchmal legt sie eine Unschärfe über die Stadt, die sehr beruhigend wirkt. Oder sie filmt den Nebel, wie er den Fernsehturm verhüllt – dieser Turm steht wie ein Polizist im Kern Berlins. Wenn ihm die Sicht verstellt ist, geht es in der Stadt noch rabiater zu. Dann fühlen sich die Menschen unbeobachtet und klauen ihrem Nebenmann die Bauklötze, wie im Kindergarten, wenn die Erzieherin mal auf Toilette muss.

Die Macht in Berlin hält sich an die Logik eines Wolfsrudels. Einer gibt den Ton an, auch wenn er noch so schief hinausheult in die Nacht. Im Berliner „Tatort“ ist Robert Karow (Mark Waschke) zuständig für diese Planstelle des Alphatiers. Maximal asozial kurvt er durchs Kommissariat, er schaut so angeschlagen wie die Männer gegen Mitternacht in einer Kneipe, den Kaffee trinkt er mit einer Entschiedenheit, als sei das Schnaps. Karow arbeitet als Ermittler, doch ist er gleichzeitig Teil des Problems. Die natürliche Berliner Mischung also.

Wenn Karow der Leitwolf ist, dann führt der andere Mann im Film, der mit der zarten Brille und der Ich-brüte-über-einem-Kreuzworträtsel-Denkerstirn, das Leben des einsamen Wolfs. Er leitet den Schlüsseldienst in einem U-Bahnhof, sieht selten Tageslicht, hier unten rattern Bahnen und trommeln Musiker unter den langen Rastalocken. Es ist nicht leise unter Tage, man ist hier nicht mal unbeobachtet, weil überall die Kameras „Zu Ihrer Sicherheit“ unter der Decke hängen.

Doch der Mann mit Brille und der faltigen Stirn hat abgeschlossen mit der Sonne. Er steigt durch U-Bahn-Schächte, er observiert die junge Kollegin von Kommissar Karow. Dieser Sonderling im Bahnhof wird wie ein ausgesetztes Küken von Christoph Bach gespielt, der schon immer die Kunst beherrschte, einem Monster etwas Mütterliches mitzugeben.

Der U-Bahn-Mensch heißt Werner L. Harbinger, die Folge dieses „Tatorts“ wiederum (Regie: Florian Baxmeyer, Buch: Michael Comtesse, Matthias Tuchmann) trägt den Titel „Dein Name sei Harbinger“. Dieser Harbinger also steht im Zentrum, ein Mann der Anmaßung, der unklaren Identität, ein Jäger und ein Sammler. Ein Mensch aus dem Alten Testament, das sagt uns schon der Titel, der überdeutlich an den Roman „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch erinnert, in dem es um das stetig wechselnde Persönlichkeitsprofil von einem Mann geht, der sich blind stellt. Auch dieser Harbinger ist blind, wenn auch nur im sozialen Sinne – denn er hat einerseits die Denkerbrille, er schaut scharf auf die Welt, die er als Sündenfall betrachtet. Er lebte in der Psychiatrie, weil er die Mitbegründerin einer Agentur für künstliche Befruchtung attackiert hat. Menschen, die mit wissenschaftlicher Hilfe gezeugt wurden, hat er auf dem Kieker. Wenn man gleich zu Anfang vom Toten erfährt, der in einem Transporter verbrannte, hört man fast das Heulen dieses einsamen, verhärmten, psychisch kranken Wolfs im Hintergrund.

Dass hieraus keine banal-brutale Metzelei gebastelt wird, verdanken wir Christoph Bach. Er spielt den Harbinger als Rächer, nicht als Radaubruder. Er rettet eine junge Frau vor ihrem rüden Freund auf denkbar einfühlsame Weise. Wenn diese Frau dann seine Nähe sucht, nach seiner Hand greift, entzieht er sich so unbeholfen, dass man aufstöhnt vor dem Fernseher. So viel Anteilnahme auf der Couch vorm „Tatort“, das ist selten. Harbinger verkleidet sich als Klempner, kriegt Einlass in die Wohnung der jungen Kollegin von Kommissar Karow. Das ist ein Krimi-Klischee, doch es funktioniert. Es ist das alte Spiel: Was will das Ungeheuer von der schönen Frau? Ist er ein armer Stalker oder ein böser Satan? Mit dieser Frage spielt der Film gekonnt.

Dass der erzählerische Faden über diesem Nervenkitzel nicht verloren geht, spricht für das Stück und seine Qualität, Themen nicht nur anzutippen, sondern zu skizzieren. Den Komplex „Künstliche Befruchtung“ beackert er weitgehend lieblos, doch Christoph Bach kann solche schwachen Augenblicke mit der leisen Wucht des Wahnsinnigen überspielen.

Von Lars Grote/RND

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