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Medien Hasskriminalität: Facebook wirkt wie ein Brandbeschleuniger
Nachrichten Medien Hasskriminalität: Facebook wirkt wie ein Brandbeschleuniger
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11:46 23.08.2018
Anhänger der AfD protestieren in Berlin Quelle: AP
Hannover

Führt der Hass im Netz zu mehr Gewalt in der realen Welt? Diese Frage, die bisher nur intuitiv beantwortet wurde, haben die Forscher Carlo Schwarz und Karsten Müller in einer bisher unveröffentlichten Studie untersucht. Die „New York Times“ nahm die Ergebenisse zum Anlass für eine ausführliche Reportage aus Deutschland.

Die beiden Ökonomen von der Universität Warwick in England wollten herausfinden, in welchem Zusammenhang Facebook-Nutzung und Gewalt gegen Flüchtlinge stehen. „Nach unserem Wissen, ist unserer Studie die erste, die das untersucht hat“, sagt Schwarz dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Die beiden Forscher haben sich dazu Deutschland zwischen Januar 2015 und Februar 2017 angeschaut und die Aktivitäten auf der Facebook-Seite der AfD sowie auf der unpolitischen Nutella-Seite untersucht und mit Hasskriminalität gegen Flüchtlinge in Deutschland verglichen.

Lässt sich der Zusammenhang anders erklären?

Dabei haben sie herausgefunden: Wenn in Deutschland in den sozialen Netzwerken (beziehungsweise auf der Seite der AfD) die Zahl der flüchtlingsfeindlichen Posts steigt, dann nimmt auch die Zahl der flüchtlingsfeindlichen Übergriffe zu – und zwar insbesondere in den örtlichen Gemeinden, erklärt Schwarz, in den soziale Medien stark genutzt werden. Noch stärker ist der Effekt in Regionen, in denen Besucher der AfD-Seiten aktiver sind.

Das ist zwar ein interessantes Ergebnis, zeigt aber nicht unbedingt, dass es tatsächlich die Zeit auf Facebook ist, die zu mehr Gewalt führt. Man könnte den Zusammenhang schließlich auch anders erklären. Vielleicht war es ja nur ein Zufall? Vielleicht sind Gemeinden, die viel Social Media nutzen, einfach dichter besiedelt – und Gewalt wahrscheinlicher.

Kontrolle: Internetausfall

Die meiste Zeit hätten sie darauf verwendet, sagt Schwarz, sicherzugehen, dass sich die beobachteten Effekte, nicht mit anderen Faktoren erklären lassen. So haben sich die beiden Ökonomen unter anderem angeschaut, was passiert, wenn in einer Gemeinde das Internet ausfällt: „Dann verschwindet der Effekt voll“, sagt Schwarz. Das sei der stärkste Hinweis darauf, dass die Übergriffe in Zusammenhang mit der Facebook-Nutzung stehen. „Warum sollte ein Internetausfall sonst einen Einfluss darauf haben, wie viele flüchtlingsfeindliche Übergriffe stattfinden?“

Um den Einfluss von Facebook auf die Zahl flüchtlingsfeindlicher Übergriffe zu illustrieren, haben Schwarz und Müller eine fiktive Welt geschaffen, in der etwa 50 Prozent weniger flüchtlingsfeindlicher Content auf der Seite der AfD gepostet wird. Das Ergebnis: Im untersuchten Zeitraum zwischen 2015 und 2017 hätte es rund 13 Prozent weniger Übergriffe gegeben. „Das ist keine präzise Schätzung“, betont Schwarz. Aber sie gibt ein Gefühl dafür, welchen Einfluss soziale Medien auf die offline Gewalt haben können – und dass man ihn ernst nehmen muss.

Was tun gegen den Hass im Netz?

Was man gegen den Hass im Netz tun kann, verrät die Studie allerdings nicht. Zwar würde es laut Schwarz wohl weniger Übergriffe auf Flüchtlinge geben, wenn man Facebook und das Internet abschalten würde, aber eine echte Lösung ist das natürlich nicht. Viele Social-Media-Konzerne versuchen das Problem mit Löschungen und Sperrungen zu bekämpfen. Auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz hat dieses Ziel.

„Ich persönlich glaube, dass es die Verantwortung der Nutzer ist, sich darüber klar zu werden, dass sie sich in Echokammern bewegen“, sagt Schwarz. Dort treffen sie immer wieder auf Menschen mit ähnlichen Standpunkten. Aus der Psychologie weiß man, dass so die Ansichten der Menschen immer extremer werden. „Das ist auch unsere Vermutung, was in diesen sozialen Netzwerken passiert.“ Denn, betonen die Wissenschaftler: Die sozialen Medien sorgen nicht einfach so aus dem Nichts dafür, dass Menschen Hasskriminalität begehen. Dafür gibt es viele verschiedene Gründe. Doch sie können sozusagen Benzin ins Feuer gießen, das Aufflammen hasserfüllter Gefühle verursachen.

Schwarz und Müller wollen weiter erforschen, welchen Einfluss Social Media hat. Ihre Arbeit wollen sie bald zur Überprüfung durch Fachkollegen bei einem Journal einreichen. Dann werden sich weitere Experten damit beschäftigen und überprüfen, ob wirklich Schwarz und Müller überzeugend darstellen können, dass kein anderer Faktor den Effekt erklären kann – oder ob die Datenbasis vielleicht zu klein ist.

Von Anna Schughart/RND

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