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16:56 19.03.2017
Szene aus der aktuellen Folge von „In aller Freundschaft“: Dominik Lorenz’ (Jonah Rausch, li.) Eltern Susanne (Isabel Schosnig) und Leonard (Kai Ivo Baulitz) können nicht mit der Leukämieerkrankung ihres Sohnes umgehen. Quelle: ARD
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Hannover

Für den Einstieg bei „In aller Freundschaft“ ist es nie zu spät. Wie wäre es bei Folge 763 am Dienstag in einer Woche? Dominik, ein 16-jähriger Patient, kommt mit der Diagnose Leukämie in die Sachsenklinik. Die Behandlung hier wird seine letzte Chance sein. Einen Gang weiter gibt es eine Premiere: Brenner – einst Krankenpfleger, jetzt Arzt im Praktikum – wagt sich an die erste eigene Operation. Eine Chance oder eine Überforderung, die Kollege Dr. Kaminski provoziert hat?

Das Rezept für Deutschlands erfolgreichste Krankenhausserie ist seit Folge eins im Frühjahr 1998 bis heute gleich geblieben: Es gilt immer am Dienstagabend im Ersten einen medizinischen Fall zu lösen und parallel dazu eine private Geschichte aus dem Ärztekollegium zu erzählen. Langweilig? Zu vorhersehbar? Von wegen: über jeden Trend erhaben – und grundsolide. „Chronisch unspektakulär“ nennen die Drehbuchautoren ihr Konzept. Ein Team von echten Ärzten überprüft, ob die medizinischen Fakten bei den Krankheitsgeschichten stimmen. Die Charaktere dagegen sind frei gezeichnet – und folgen einer Grundüberzeugung: Niemand ist perfekt, weder der Kranke noch der Gesunde. Weder der Patient noch der Arzt. Und der Arzt ist nicht nur der Helfer in der Not, sondern auch der Kollege, der Liebhaber, Ehemann, der Vater.

„In aller Freundschaft“ funktioniert als Dauerserie, weil sie sich treu ist. Belohnt wird das im Schnitt mit fünf Millionen Zuschauern, das ist ein Marktanteil von 17,5 Prozent. Die Serie verfolgen in der Regel mehr junge Menschen, als dies selbst die Programmmacher erwartet haben. Und wem es dann zu altbacken wird, der geht eben zu den „jungen Ärzten“ im Vorabendprogramm. Die Sachsenklinik hat einen Teil ihres Personals ausgegliedert, um noch erfolgreicher zu sein. Dabei gilt ohnehin: Mit Krankenhausserien kann man im Fernsehen nicht viel verkehrt machen. Auch die Vox-Serie „Club der roten Bänder“ ist sehr erfolgreich. So sehr die Menschen die Überweisung in eine Klinik fürchten, so sehr lieben sie den TV-Besuch in eben einer dieser Kliniken. Aktuell gibt es mehr als 20 Angebote in den verschiedenen Programmen. Dabei schien das Genre schon einmal tot zu sein. In den Achtzigerjahren gab es in Deutschland die „Schwarzwaldklinik“, es waren Heile-Welt-Geschichten mit Halbgöttern in Weiß, die vor Klischees nur so strotzten.

Mit „Emergency Room“ kam in den Neunzigerjahren der amerikanische Gegenentwurf. „Dr. House“, „Scrubs“ und „Grey’s Anatomy“ sorgten dafür, dass sich das biedere Format gewandelt hat. Es ist in jedem Fall realistischer geworden – und damit möglicherweise auch folgenreicher.

In der Praxis berichten Krankenhausärzte immer häufiger, dass ihnen Patienten genau sagen, was sie im Behandlungszimmer zu tun hätten – schließlich haben sie es ja schon im Fernsehen gesehen.

Machen Krankenhausserien am Ende vielleicht sogar krank? Es gibt eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit der Frage befassen, ob der TV-Konsum von Klinik-Soaps einen Einfluss auf das eigene Gesundheitsempfinden hat. In einer belgischen Studie wurden 1300 Teenager befragt. Von denjenigen Jugendlichen, die häufig Arztserien sahen, litten 10 Prozent mehr unter Furcht vor Krankheiten als die jungen Leute, die andere TV-Sendungen bevorzugten.

Vielseher zeigen generell deutlich mehr Angst vor Operationen als Wenigseher – selbst bei Routineeingriffen. In vielen Folgen sind Komplikationen bei Operationen ein wichtiges Mittel zum Spannungsaufbau. Wie wahrscheinlich diese Komplikationen in Wirklichkeit sind, spielt keine Rolle. „Der Vielseher-Patient ist also gestresster und besorgter“, urteilen die Autoren einer Studie. Weit gewichtiger aber erscheint noch ein anderer Faktor: Seriensüchtige bekommen meist ein falsches Bild vom Zeitbudget der Ärzte und vor allem auch des Pflegepersonals: Ganz so intensiv wie „In aller Freundschaft“ ist die reale Betreuung in der Klinik denn doch nicht.

Von RND/Jörg Kallmeyer

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