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Medien Liv Lisa Fries: „Wenn ich mir vorstelle, man würde mir den Mund verbieten!“
Nachrichten Medien Liv Lisa Fries: „Wenn ich mir vorstelle, man würde mir den Mund verbieten!“
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17:33 28.09.2018
„Es sollte immer möglich sein, der zu sein, der man ist“: Liv Lisa Fries in der Rolle der Charlotte "Lotte“ Ritter in „Babylon Berlin“. Quelle: Frédéric Batier/X Filme
Hannover

Eine Atelierwohnung in Berlin, schwere Teppiche auf dem Boden, die Wände sind plüschrot, ein Hauch von Historie liegt in der Luft, als müsse hier auch ein Fläschchen Absinth stehen und ein schwerer Kristallaschenbecher, auf dessen Rand man die Zigarettensitze ablegen kann. Liv Lisa Fries sitzt an einem Holztisch, legt die Hände auf die Tischplatte, blickt erwartungsvoll herüber. „So“, sagt sie, „kann losgehen“. Sie ist 27 Jahre alt, sie hat Zeit, um über die Rolle ihres Lebens zu sprechen. Nach Sky zeigt nun auch die ARD die Monumentalserie „Babylon Berlin“ - 38 Millionen Euro teuer und das Beste, was das deutsche Fernsehen seit Jahrzehnten hervorgebracht hat

Die Story folgt grob den historischen Krimis von Volker Kutscher („Der nasse Fisch“, 2007): Der vom Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs seelisch zerrüttete Kölner Kommissar Gereon Rath (wundervoll umrätselt: Volker Bruch) startet 1929 bei der „Sitte“ in Berlin. Er soll einen Erpressungsfall lösen, hebt einen Pornoring aus („So! Die Genitalien eingesammelt!“) und lernt bei einem Paternosterunfall die junge Aushilfssekretärin Lotte kennen – eben Liv Lisa Fries.

Es entfaltet sich ein pralles Panoptikum um die „schwarze Reichswehr“ – die heimlich die Wiederbewaffnung Deutschlands betreibt –, um eine Trotzkistentruppe, die mit einem Eisenbahnwaggon voller Gold die Konterrevolution in Russland finanzieren will, um Gangsterbosse, Flittchen, mordende Priester, schuftende Kinder, Spieler und Sünder. Ein farbsatter Bilderrausch voller extremer Gegensätze: Elend und Ekstase, Koks und Krankheit, Konsumtempel und Kommunisten. Das Regietrio Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries inszeniert das alte Polente-&-Pomade-Berlin als soghaften Kosmos, als Schmelztiegel einer Welt im Umbruch, mühsam zusammengehalten von einer verletzlichen, fragilen Demokratie. In diesem düsteren Kaleidoskop der Angst eilen Getriebene, Suchende, Großkotzige, Kaputte und Kranke durch die schwefligen Nächte. Der Stress der Moderne ist die perfekte Folie für großes Fernsehen.

„Charlotte ist so ungekünstelt – das finde ich toll"

Liv Lisa Fries, Sie werden für ihre Rolle der Charlotte Ritter in der Serie „Babylon Berlin“ völlig zu Recht mit Lob überschüttet. Lassen Sie uns über Charlotte sprechen. Könnten Sie im echten Leben mit ihr befreundet sein?

Unbedingt! Sie hat so eine authentische und ehrliche Art, das finde ich toll. Sie ist ungekünstelt. Ich habe das Gefühl, sie würde mir jederzeit sagen, was sie denkt. Diese beiden grundsätzlichen Eigenschaften wären mir in einer echten Freundschaft sehr wichtig: Ehrlichkeit und Authentizität. Und die hat sie.

Wenn Sie sich eine solche Figur zu eigen machen – wie gehen Sie vor? Charlotte ist 1907 geboren, es gibt kein historisches Vorbild, keine Blaupause, es gibt nur diesen Namen und ein Buch. Wie wird daraus ein Mensch?

Erst mal sind das natürlich unglaubliche Drehbücher mit tollen Texten und Szenen. Das macht mir die Aufgabe viel leichter, Charlotte zum Leben zu erwecken. Ich muss als Schauspielerin gar nicht viel tun, weil die Grundlage schon so großartig und reichhaltig ist.

War Ihnen diese Zeit vertraut? Weimar, Jazz, Feierwahn, Rausch, Tanz, Drogen, gleichzeitig dieses unterschwellig Aggressive – wie haben Sie in die Zwanzigerjahre gefunden?

Ich habe viel gelesen, da waren vor allem zwei Romane für mich wichtig: „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun“ und „Alles ist Jazz“ von Lili Grün. Und dann war ich in der großartigen Ausstellung „Tanz auf dem Vulkan“ im Ephraimpalais hier in Berlin über das Lebensgefühl der Zwanziger. Die war sensationell. Und natürlich habe ich Filme aus der Zeit geschaut, die vielleicht auch Charlotte hätte sehen können: „Menschen am Sonntag“ von 1929 zum Beispiel, den sie in „Babylon Berlin“ ja auch im Kino sieht, oder „Die Büchse der Pandora“ mit Louise Brooks, „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich. Aber das größte Verständnis von dieser Zeit haben mir die Ausstellung, die Kostümproben und die Requisiten gegeben, das ganze Szenenbild. Weil ich das Ganze da haptisch und olfaktorisch erleben konnte. Das macht eine Menge aus. Wir hatten außerdem Charleston-Unterricht und Leseproben mit allen Schauspielern an einem riesigen Tisch. Das spielt alles eine Rolle für die Rolle.

„Der Hype um ,Babylon Berlin' kam von außen"

Lili Grün war ziemlich genau so alt wie Charlotte Ritter, und ihre Geschichte ist faszinierend: 1904 als Jüdin in Wien geboren, Kabarettistin, Autorin, Künstlerin, sie hat mit Hanns Eisler gearbeitet, mit Ernst Busch, war Mitglied der „Brücke“, bis sie 1942 von den Nazis ermordet wurde. Ich wünsche mir, dass Lili Grüns Leben verfilmt wird – mit Ihnen in der Titelrolle. Könnten Sie das bitte veranlassen?

(Lacht) Ja! Aus den Zwanzigern gibt‘s viele Dinge, die wahnsinnig verfilmenswert wären. Es gab da mal den Plan, das Leben von Anita Berber zu verfilmen, der Berliner Tänzerin und Schauspielerin, die 1928 mit 29 Jahren starb, nach einem sehr freizügigen, wilden Leben. Hat leider noch nicht geklappt.

Aus Schimanskis Schatten ins internationale Scheinwerferlicht

Sie mag das nicht mehr hören, das mit der „jungen Nachwuchshoffnung“. 27 Jahre alt ist Liv Lisa Fries jetzt, Kind Berliner Eltern, eine jüngere Schwester. Sie gehört zu den gefragtesten Schauspielerinnen in Deutschland, hat die Lehrjahre längst hinter sich.

Seit Teenagerzeiten steht die Berlinerin vor der Kamera. Schon drei Jahre vor dem Abitur spielt sie 2006 an der Seite von Götz George in „Schimanski: Tod in der Siedlung“ eine sozial verwahrloste, abgezockte Minderjährige, danach ist sie mit Jürgen Vogel in „Die Welle“ und „Bis aufs Blut“ zu sehen.

Wie das alles kam? Ein Freund hatte ihr in der Schule einen Zettel überreicht – Tag der offenen Tür an einer Berliner Schauspielschule. Dort begegnete sie dem Geschäftsführer einer Kinder- und Jugendagentur. Und so kam das ins Rollen mit den Rollen.

Der große Durchbruch erfolgt 2010 mit ihrer Hauptrolle als gewalttätige, mordende Jugendliche im ARD-Drama „Sie hat es verdient“. Der Branchenneuling aus einer Wohngemeinschaft in Berlin-Pankow wird 2011 mit dem Günter-Strack-Fernsehpreis ausgezeichnet. 2012 erhält Fries bei der Verleihung der Goldenen Kamera die Lilli-Palmer-&-Curd-Jürgens-Gedächtniskamera als beste Nachwuchsschauspielerin. Ihre spontane, tränenreiche Dankesrede rührt die Branche – wohl auch, weil sie im Widerspruch steht zu ihrer Darstellung tougher, vom Leben gebeutelter Frauen.

„Die Extremistin“, nennt sie die „tageszeitung“ („taz“) in einem Porträt. Ja, sie tauche schon tief ein in ihre Figuren, räumt sie ein. Aber: „Ich hinterfrage beim Drehen permanent: Warum muss das jetzt so sein? Könnte sie das nicht auch anders machen? Ich mag keine Vorhersehbarkeit. Ich will im Grunde nicht wissen, wie die Szene ausgeht, bevor sie entsteht.“

Es steckt trotzdem Ruhe dahinter. Fries vertraut inzwischen ihren eigenen Fähigkeiten. „Ich war dann ja auch auf einer privaten Schauspielschule und hatte fünf Jahre lang Unterricht. Ich habe unter anderem bei Anna Maria Mühe gelernt und bei Kristiane Kupfer, die an der Ernst-Busch-Schule war.“ Niemand soll denken, dass ihr der Erfolg in den Schoß gefallen ist.

Mit der Rolle der jungen Bürohelferin Charlotte Ritter in „Babylon Berlin“, die anno 1929 unbedingt Kommissarin bei der Berliner Polizei werden und Verbrecher jagen will, stehen Fries nun auch international die Türen offen. Tom Tykwer, einer der drei Regisseure der Serie, hat größtes Lob für sie: „Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter ist ein offenes Herz, scheinbar ein offenes Buch“, sagt Tykwer. „Und dann hat sie doch mehr Geheimnisse, als man denkt.“

Die Serie „Babylon Berlin“ ist ein gewaltiger globaler Erfolg – sie wurde in 90 Länder verkauft, in den USA ist sie bei Netflix zu sehen. Mit 38 Millionen Euro Kosten ist sie die bislang teuerste deutsche Serie. Es sind solche Produktionen, die Schauspieler in eine neue Liga katapultieren. Liv Lisa Fries ist sich der anderen Umlaufbahn bewusst, in die sie Tykwer und sein Team befördert haben. Der nächste Schritt ist bereits getan. Sie spielt in „Counterpart“ mit, einer amerikanischen Science-Fiction-Serie, die von einem Tor zu einem anderen Universum handelt.

In der zweiten Staffel von „Babylon Berlin“ gibt es eine Textpassage, die mit aus Fries’ Feder stammt. Es ist ein Dialog über Charlotte Ritters soziale Herkunft. Dieser Dialog ist inspiriert von dem Lili-Grün-Roman „Alles ist Jazz“, den sie zur Vorbereitung las. „Ich fand es faszinierend, wie sehr sich Lili Grün selbst reflektiert und dann aber auch fähig ist, diese Gedanken wieder ins Unbewusste wegzuwischen“, sagt Fries. Es ist, als spreche sie ein wenig über sich selbst.

Hat denn die Tatsache, dass „Babylon Berlin“ die teuerste deutsche Serie aller Zeiten ist, irgendeinen Einfluss auf Ihre Arbeit gehabt? Auf Ihr Wohlbefinden?

Dieser Hype kam ja nicht von uns, der kaum von außen. Bei der Arbeit ging es immer nur um die Sache selbst. Es ist wie in unserem Gespräch hier: Wir sprechen miteinander, aber es spielt keine große Rolle, dass das ein Interview ist. Wir tun’s einfach. So war das auch beim Dreh. Natürlich verdränge ich nicht, dass das ein Riesending ist. Aber was dann immer hilft, ist der konkrete Kontakt mit den Kollegen. Und da immer um den Inhalt und die Frage: Wie wollen wir’s machen?

Wie war denn die Zusammenarbeit mit Volker Bruch alias Gereon Rath? Eine Lobeshymne bitte.

Ja. Es ist schön, mit Volker zusammenzuarbeiten. Mich beschäftigen beim Dreh immer viele Dinge, und Volker findet dann die Lösung und schlägt etwas vor, von dessen Schlichtheit und Brillanz ich oft beeindruckt bin. Er ist erstaunlich klar und wahnsinnig kreativ.

Die beiden Rollen sind ja extrem verschieden: Charlotte und Gereon – und trotzdem gibt es diesen Magnetismus zwischen den Figuren.

Das hat einen großen Witz, wie der hadernde, in sich gefangene Gereon immer versucht, alles akkurat zu machen und die flippige Charlotte dann sagt: Komm, das muss doch jetzt echt nicht sein! Das ist das, was ihn an ihr fasziniert: Dass sie, obwohl sie so komplett anders ist als er, trotzdem auch ans Ziel kommt.

Er lernt von ihr.

Genau! Und sie von ihm. Das findet sie ganz toll, wie akribisch und detailbesessen er arbeitet. Das möchte sie auch können.

„Ich mag keine Voraussehbarkeit“

Sie sagten mal, dass Sie am Set alles ganz genau wissen wollen. Wie Sie ein Buch halten, wie Ihre Füße stehen, welche Figur welches Motiv hat. Wenn man den Kopf aber beim Spielen voller solcher Makros hat – wie kann das Ganze dann wieder leicht wirken?

Ja – ich hinterfrage wirklich permanent. Warum muss das denn jetzt so sein? Könnte sie das nicht auch ganz anders machen? Aber das bremst mich nicht. Ich mag keine Voraussehbarkeit. Ich will im Grunde nicht wissen, wie die Szene ausgeht, bevor sie entsteht.

Sind Sie bei der Arbeit streng mit sich selbst? Verlangen Sie viel von sich?

Schon. Aber ich empfinde das eher nicht als streng, sondern als angemessen. Weil ich immer denke: Das gucken sehr viele Menschen, die opfern dafür alle viel Lebenszeit. Und ich finde, da habe ich eine große Verantwortung, so authentisch und ehrlich wie möglich zu sein. Und da verlange ich mir viel ab, um die Wahrheit der jeweiligen Figur zu finden.

In der zweiten Staffel gibt es eine Textpassage, die mit aus Ihrer Feder stammt. Welche war das?

Das ist ein Gespräch zwischen Charlotte und Peter Kurth als Kommissar Bruno Wolter über ihre soziale Herkunft. Dieser Dialog ist inspiriert von dem Lili-Grün-Roman, weil ich das faszinierend fand, wie sehr sie sich selbst reflektiert und dann aber auch fähig ist, diese Gedanken wieder ins Unbewusste wegzuwischen.

„Man merkt schon, dass das etwas Großes ist"

Bekommt man während des Drehs schon ein Gefühl dafür, dass da etwas Besonderes entsteht?

Ja, ich spüre das. Das liegt auch daran, dass die drei Regisseure mich eingeladen haben, die Figur stark mitzugestalten. Man merkt schon, dass das etwas Großes ist – allein weil man 16 Drehbücher auf einmal bekommt. In einer Serie kann man eine Rolle viel akribischer erarbeiten, so richtig die Tiefenschärfe ziehen. Dass das so schön und präzise getan wird, ist großartig.

Charlotte hat so eine gewisse Schlotzigkeit, etwas Hingetuschtes, Irrlichterndes, Suchendes. Gleichzeitig wirkt sie zielstrebig und ehrgeizig. Und dann hatten Sie auch noch drei Regisseure… Droht da nicht Chaos im Kopf?

Ich glaube, ich bin auch ein bisschen wie Charlotte. Und es ist ja kein Mensch nur so oder so. Jeder Mensch ist komplex und widersprüchlich. Niemand ist nur Grün oder Schwarz oder Blau. Wir verfügen alle über viele Farben.

Sie erzählten mal, dass Natalie Portman in „Léon – Der Profi“ zu sehen eine Art Schlüsselerlebnis für Sie war. Wissen Sie noch, was genau Sie fasziniert hat?

Ich war vielleicht zehn oder elf Jahre alt und habe den Film zu Hause gesehen mit meinem Vater. Ich fand diese Beziehung zwischen Jean Reno und Natalie Portman so wunderbar, diese besondere Form von Liebe oder starker Zuneigung – die Kraft und die Wärme zwischen zweien, die sich irgendwie verstehen, obwohl sie so unterschiedlich sind. Dieser Leon, der nie richtig schläft, und diese entzückende Natalie, die so jung schon solche Auftritte hinlegt. Das ist unglaublich. Das hat mich alles sehr beeindruckt.

„Wow! Du bist da ja ein kleines Ding, du!“

Auch Sie hatten sehr jung schon Erfolg. Sie waren 14 bei Ihrer ersten Rolle in Oskar Roehlers „Elementarteilchen“, die ja dann dem Schnitt zum Opfer fiel. Dann kam aber 2007 gleich Schimanski, und dann bekamen Sie 2012 die Goldene Kamera als Beste Nachwuchsschauspielerin. Wenn Sie die Bilder Ihrer Dankesrede von damals sehen – sehen Sie eine fremde junge Frau? Oder gibt es einen roten Faden, der in die Gegenwart führt?

Sowohl als auch. Neulich hab ich ein Foto von mir und Götz George gesehen, da dachte ich schon: Wow, du bist da ja ein kleines Ding, du! Ich war halt wirklich sehr jung. Aber ich dachte natürlich damals schon, ich sei sehr alt und total erfahren, klar (lacht).

Wenn Sie sich’s aussuchen müssen: Lieber Sprung ins kalte Wasser oder lieber langsames Herantasten?

Mal so mal so. Ich war dann ja auch auf einer privaten Schauspielschule und hatte fünf Jahre lang Unterricht. Ich hab unter anderem bei Anna Maria Mühe gelernt und bei Kristiane Kupfer, die an der Ernst-Busch-Schule war. Ich denke schon darüber nach, was ich tue und wie ich mich entwickeln kann. Und gleichzeitig hatte ich auch immer Lust, mich gegen eine staatliche Schauspielschule zu entscheiden, weil ich spürte: Ich will diesen geschützten Rahmen nicht. Wenn ich scheitere, dann will ich öffentlich scheitern. Das ist für mich ein Ansporn, mir noch mehr Mühe zu geben.

Das heißt, Sie ziehen nicht nur in Kriege, die Sie gewinnen können?

Nein! Im Gegenteil: Ich ziehe eher in Kriege, bei denen der Ausgang offen ist. Mich interessiert die Möglichkeit, dass ich etwas nicht verstehe. Warum sollte ich etwas in Angriff nehmen, wenn ich schon jeden Aspekt daran durchschaue? Und vielleicht entdecke ich ja sogar an Dingen oder Figuren, die ich zu verstehen glaube, noch ganz neue Facetten. Das ist es, was mich interessiert. Manchmal durchdringe ich eine Figur fast völlig – aber dann gibt‘s diesen einen Punkt, der mir ein Rätsel bleibt. Und das will ich dann unbedingt knacken!

„Ich kann verstehen, dass man sich prostituiert“

Gibt es etwas an Charlotte, das Sie erst nicht verstanden haben?

Na, sie hat schon Ängste, Motive oder Gedanken, die mir fremd sind, die ich erst entschlüsseln musste, um zu verstehen, was sie antreibt. Umgekehrt kennt sie aber vielleicht auch Befürchtungen nicht, die mir als Schauspielerin wiederum sehr vertraut sind. Es ist natürlich besonders reizvoll, wenn eine Figur etwas erlebt oder empfindet, was mir als Schauspielerin aus dem echten Leben unbekannt ist. Ich kann zum Beispiel verstehen, dass man sich prostituiert, um Geld zu verdienen, wenn man in starker Armut lebt. Ich weiß aber nicht, wie ich mich verhalten würde in dieser Situation.

Es geht viel um die Befreiung und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen. Die Zwanzigerjahre als vermeintliche Insel der Freiheit, auf der Jazz, Drogen, Partys erfunden und ausgelebt wurden. Dann war’s wieder für Jahrzehnte zappenduster in gesellschaftlicher Hinsicht. Würdest du Dir heute, 100 Jahre später, wieder ein bisschen von der Aufbruchsenergie der Zwanzigerjahre wünschen?

Ich wünsche mich auf gar keinen Fall in diese Zeit zurück. Wir sind ja heute, was die Emanzipation angeht, noch sehr viel weiter. Der Umgang von Männern mit Frauen war ja noch lange nicht fair und gleichberechtigt, das brach ja damals alles erst auf. Wenn ich mir vorstelle, man würde mir den Mund verbieten! Man darf aber natürlich nicht vergessen, dass es da zum Teil auch um Hierarchien ging, nicht nur um Mann und Frau. Das gibt’s ja heute auch noch, dass die Krankenschwester dem Oberarzt nicht ins Wort fallen wird. Natürlich waren die Anfänge der Emanzipation damals sehr wichtig und großartig, aber es gibt keinen Grund, sich die damaligen Verhältnisse zurückzuwünschen.

Ist es denn heute leichter oder schwerer als damals, nicht das zu tun, was die Mehrheit von einem erwartet?

Das ist eine sehr komplexe Frage, individuell wie gesellschaftlich. Generell sollte es immer möglich sein, der zu sein, der man ist oder seinem Lebensplan zu folgen. Und das ist heute dann doch grundsätzlich leichter als vor 100 Jahren, finde ich. Auch wenn manche Berufe oder Lebensbereiche noch immer bestimmte Konventionen oder Etikette mit sich bringen.

„Man muss aufpassen, dass man nicht zum Objekt wird“

Schauspiel ist für Nichtschauspieler ein sehr abstrakter Beruf. Welche Missverständnisse begegnen Ihnen?

Viele Leute sagen „Ich könnte mir den ganzen Text gar nicht merken“. Das ist immer ein großes Thema. Aber das ist natürlich längst nicht alles an dem Beruf. Und was viele auch nicht verstehen, ist, dass man als Schauspielerin nicht nur am Set zu tun hat. Wenn ich zum Beispiel ein Drehbuch lesen muss, sagen sogar enge Freunde manchmal: „Das kannst du doch auch später lesen.“ Das gehört aber zu meiner Arbeit. Das ist mein Beruf. Aber das ist ja auch dem Unwissen geschuldet. Ich weiß ja auch nicht, was zum Beispiel der Beruf eines Klempners alles mit sich bringt.

Wären Sie denn bereit, die Charlotte auch noch in sechs bis acht weiteren Staffeln zu spielen?

Ich weiß ja nicht, wie lange es noch weitergehen soll. Aber was die Figur angeht, empfinde ich Charlotte nicht als Reduktion. Sie ist so vielschichtig, dass ich mich nicht eingeengt fühle.

Verändert denn die wachsende Bekanntheit etwas in Ihrem Leben?

Ja. Das fühlt sich zwar nicht an wie „über Nacht berühmt“ oder so. Ich empfinde es auf dem Weg, den ich gehe, durchaus als organisch. Aber man muss schon darauf achten, dass man nicht zum passiven Objekt wird, sondern handelnde Person bleibt. Ich finde, wenn ich in der Öffentlichkeit angesprochen werde, weil mich jemand erkannt hat, bedeutet das nicht, dass ich etwas mit mir passieren lassen muss. Ich habe trotzdem immer noch die Freiheit, zu sagen: Nee, ich möchte jetzt bitte kein Foto machen.

Sie wollen Subjekt bleiben, nicht Objekt werden.

Genau. Ich möchte mir meine Subjekthaftigkeit bewahren. Gibt’s das Wort? (Lacht).

„Ich habe viele Figuren gespielt, die emotional sehr fordernd waren"

Spätestens jetzt. Was sind denn Ihre nächsten Projekte?

Zuletzt habe ich den Kinofilm „Prélude“ gedreht mit Louis Hofmann, der hoffentlich bald rauskommt. Ich spiele in der US- Serie „Counterpart“ mit J.K. Simmons in der Hauptrolle mit, die in Amerika auf dem Sender Starz läuft und in Deutschland bei Amazon Channels. Und ab Oktober drehen wir bis Frühjahr 2019 die dritte Staffel von „Babylon Berlin“. Dann ist wieder Zeit für etwas anderes. Und damit meine ich nicht nur Arbeit. Ich habe eine Zeitlang sehr viele Filme gedreht. Das war dann irgendwann auch mal zu viel.

Woran haben Sie das gemerkt?

Ich war einfach erschöpft. Ich habe ja viele Figuren gespielt, die sehr tiefgreifend waren und emotional sehr fordernd. Eine Mörderin, eine Mukoviszidose-Kranke, eine Überlebende eines Amoklaufs. Ich habe keine Lust, mich zu wiederholen, das spiegelt sich auch in meiner Rollenwahl wieder. Aber Arbeit ist eben nicht alles. Reisen, Kultur, Sport, Freunde, Familie – das ist mindestens genauso wichtig. Ich brauche Pausen – auch wenn ich meine Arbeit gar nicht so sehr als Beruf empfinde. Ich kann mir kaum etwas vorstellen, was mich mehr erfüllen könnte als die Schauspielerei. Und dann verdiene ich auch noch Geld damit. Es ist schon ein idealer Zustand für mich. Aber man muss auf sich achten, um sich den zu erhalten.

Von Imre Grimm

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