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Medien Ali Can über #MeTwo und eine drohende Integrationskrise
Nachrichten Medien Ali Can über #MeTwo und eine drohende Integrationskrise
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08:29 28.07.2018
Ali Can, Schöpfer des Hashtags #MeTwo, unter dem Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus geteilt werden können. Quelle: SWR
Berlin

Der Initiator der #MeTwo-Internetbewegung, Ali Can, möchte mit seiner Aktion eine „Integrationskrise in Deutschland“ verhindern. Das sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Der 24-Jährige ist Buchautor und Trainer für interkulturelle Toleranz. Er wurde in der Türkei geboren und lebt seit seinem zweiten Lebensjahr in Deutschland. Ali Can hat bei Twitter in Anspielung auf #MeToo die Hashtagbewegung #MeTwo gestartet. Dabei haben seit Donnerstag bereits mehr als 60 000 Menschen ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus geschildert, zahlreiche Prominente haben sich ebenfalls zu Wort gemeldet. Am Donnerstag zählte Can noch unter 200 Followern bei Twitter, inzwischen gehört sogar Moderator Jan Böhmermann dazu.

Woher kommt der Name Ihrer Twitter-Aktion, #MeTwo?

Man kann wie ich zwei Identitäten haben: Meine Heimat ist Deutschland, und ich bekenne mich zu unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Gleichzeitig fühle ich mich aber auch mit den Menschen aus dem türkischen Dorf verbunden, in dem ich geboren wurde. Deshalb heißt das Stichwort ja auch #MeTwo, also Ichzwei. Ich finde, wir brauchen ein neues Verständnis vom Deutschsein.

Was ist Ihre persönliche #MeTwo-Erfahrung?

In Köln musste ich lange nach einer Wohnung suchen, weil Vermieter mir absagten, sobald mein Name fiel. Und ich wurde wegen meines südländischen Aussehens nicht in Clubs gelassen. Mir wurde gesagt, die Disco sei voll, aber andere aus der Schlange durften rein. Das war sehr schmerzlich für mich. Aus solchen Situationen erwächst ein Gefühl von Ausgrenzung, das integrationshemmend ist. Wenn all die Menschen, die in den letzten Jahren zu uns kamen, diese Erfahrung teilen, wird aus der Flüchtlingskrise ganz schnell eine Integrationskrise. Ich selbst hatte das Glück, dass ich gute deutschstämmige Freunde fand, als ich mit zwei Jahren in dieses Land kam. Meine aktuelle Aktion ist auch ein Dank an sie.

Was erhoffen Sie sich als langfristige Wirkung Ihrer Aktion?

Ich fordere Politiker auf, in Deutschland eine konstruktive Streitkultur zu etablieren. #MeTwo zeigt: Es gibt so viele Menschen, die schon sehr lange in diesem Land leben, ohne wirklich dazuzugehören. Sie geraten unter Generalverdacht, wenn ein Einzelner etwas Schlimmes tut. Ganze Menschengruppen werden etwa nach Terroranschlägen mit Argwohn betrachtet. Davon wissen Menschen, die damit nicht jeden Tag zu kämpfen haben, oft gar nichts. Aus den Reaktionen auf all die #MeTwo-Tweets lässt sich schon jetzt ablesen, dass sich das ändert. Ich hoffe, dass das Label „Made in Germany“ einmal nicht nur über die Qualität von Produkten Auskunft gibt, sondern auch zum Synonym für „gut integriert“ wird.

Sie sind Trainer für interkulturelle Toleranz. Was hätten Sie den Beteiligten der Özil-Affäre geraten?

Der Fall Özil hat deutlich gemacht: Wer Öl ins Feuer gießt, der wird sich verbrennen. Hier wäre es für den DFB ratsamer gewesen, schon viel früher konstruktive Kritik zu äußern, statt später nachzutreten. Und Özils Beratern hätte ich mehr Feingefühl für die Mechanismen des Internets gewünscht: Dass sein Selfie im Vorfeld der türkischen Wahlen politisch ausgelegt werden würde, war abzusehen. Ich halte die Kritik an Özil im Übrigen für sehr berechtigt, aber ich kann ihn teilweise verstehen: Auch ich selbst habe den Eindruck, dass ich nur dann als Deutscher anerkannt werde, solange ich keine Fehler mache.

Von Nina May/RND

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