Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Medien Roger Waters hat die Absicht, eine Mauer zu errichten
Nachrichten Medien Roger Waters hat die Absicht, eine Mauer zu errichten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:37 21.08.2015
Von Uwe Janssen
Roger Waters: "Mein Lehrer sagte: Aus dir wird nie was, du kannst dich erschießen."

Ein regnerischer Februarfreitag in London. Vor der amerikanischen Botschaft setzt sich eine Gruppe Demons­tranten für die Freilassung des aus Saudi-Arabien stammenden Briten Shaker Aamer ein, der seit 13 Jahren im US-Gefangenenlager Guantanamo festgehalten wird, obwohl er nie angeklagt oder verurteilt wurde. Unter den Demonstranten: der frühere Pink-Floyd-Musiker Roger Waters. Einer der größten Musiker der Rockgeschichte friert für seine politische Überzeugung. Dass er streitbar ist, hat er nicht nur bei Pink Floyd bewiesen. Als bekennender Israelkritiker zieht er sich seit Jahren den Zorn vieler Juden zu.

Wer ist dieser Roger Waters? Politi­scher Kopf? Provokateur? Musikvisionär mit Hang zum Größenwahn? Am 29. September 2015 wird er wieder künstlerisch in Erscheinung treten. Eine Art Konzertfilm soll es diesmal sein, „Roger Waters The Wall“ soll er heißen, viel mehr wird noch nicht verraten, und er läuft zeit­gleich weltweit in den Kinos. Nur an diesem einen Tag. Der Vorverkauf hat gerade begonnen. Ein bisschen Größenwahn, so scheint es, geht immer noch.

Auf Shaker Aamer sei er aufmerksam geworden, als dessen Anwalt ihm einen Brief weitergeleitet habe, den der Inhaftierte mit einigen Zeilen aus dem Pink- Floyd-Song „Hey You“ eingeleitet habe. Seitdem habe er den Fall intensiv ver­folgt, sagt Waters. Aamers Schicksal berühre ihn auch deshalb sehr, weil sein Vater und sein Großvater in den Weltkriegen gefallen seien, beide hätten für Werte gekämpft, an die britische Bürger glauben.

Und schon ist Waters wieder bei sich. Bei seiner Geschichte. Und somit bei seinem künstlerischen Lebenswerk, das mehr als das halbe reale Leben des 71-Jährigen durchzieht und teilweise spiegelt: „The Wall“. Als das Doppelalbum über die wachsende Isolation eines Rockmusikers namens Pink 1979 erschien, war es eine musikalische Sensation und wurde zu einem der meistverkauften Alben der Rockgeschichte.

Es folgten theatralische Bombast- Live-Shows in riesigen Hallen. Alan Parker verfilmte das Konzeptalbum – mit Bob Geldof in der Hauptrolle des Mannes, der schon in jungen Jahren – ohne den gefallenen Vater mit überbehüteter Mutter und einem grausamen Lehrer – eine Mauer um sich baut, um sich vor emotionalen Einflüssen zu schützen. In die erfundene Geschichte mischte Wa­ters autobiografische Züge, die Kindheit ohne Vater zum Beispiel. Wie er kürzlich verriet, gab es auch einen Lehrer, der ihn verachtet und ihm, dem damals 13-Jährigen sogar geraten habe, sich umzubringen: „Mein Lehrer sagte: Aus dir wird nie was, du bist zu nichts zu gebrauchen, du kannst dich erschießen.“

In jenen Jahren, sagt Waters, habe sich die Mauer, die er aufgebaut habe, zu einer Lebenseinstellung entwickelt. „Mein Selbstbild bestand darin, dass ich lieber schwarz gekleidet in einer Ecke stehe, als in dem Klassenraum zu sein. Ich stand dann in der Ecke mit einer Zigarette im Mund und hatte den ,Lasst mich alle in Ruhe’-Ausdruck.”

Erfolg hatte Waters dann doch, gigantischen Erfolg sogar. Doch so gut es kommerziell bei Pink Floyd lief, so schlimm stand es um die menschlichen Beziehungen in­nerhalb der Band. Waters und Gitarrist Gilmour konnten einfach nicht mehr miteinander arbeiten. Waters stieg aus, und die Mauer bekam er nicht mehr aus dem Kopf – bis heute. Der neue Film, „Roger Waters The Wall“, basiert auf den ge­filmten Konzerten seiner letzten Solotournee und zieht weitere Parallelen zum Leben des Rockstars. Das Grab seines Großvaters in Frankreich hat er besucht und die Gedenkstätte für seinen gefallenen Vater. Er sei ein „Kind des Zweiten Weltkriegs“, deshalb habe das für ihn eine große Bedeutung gehabt.

Aber: Braucht das außer ihm noch je­mand? Es scheint Waters völlig egal zu sein, für ihn ist das Mauermotiv längst eine auf alle Lebenslagen anwendbare Metapher geworden. Für Abschottung, für Trennung, für willkürliche Teilung oder um im Pink-Floyd-Kanon zu blei­ben, für „Us and Them“. Neue Teilungen gibt es genug: Nord und Süd, Islam und Christen, Russland und der Westen.

Schon in den Achtzigern erstritt sich Waters die alleinigen Aufführungsrechte für die Konzeptshow. Während Kontra­hent David Gilmour mit Schlagzeuger Nick Mason und Keyboarder Richard Wright die Marke Pink Floyd experi­mentierfrei, aber kommerziell sehr er­folgreich weiterführte, musste Waters mit seinen sperrigeren musikalischen Ideen kleinere Brötchen backen. „Radio K.A.O.S.“ oder „Amused to Death“ fanden Freunde, aber nicht viele. Die Mau­er musste her.

Als die innerdeutsche Grenze offen war, eilte Waters 1990 nach Berlin und stellte bei einem Gratiskonzert vor mehreren Hunderttausend Menschen am Potsdamer Platz seine Mauer kurzerhand in den Dienst der politischen Freiheit. Waters, der zeitweilig mit dem Na­menszusatz „The Genius behind Pink Floyd“ firmierte, plante eine Musicalfassung am Broadway (die allerdings bis heute nicht realisiert ist), 2010/11 ging er dann wieder mit dem Konzeptwerk auf Welttournee. Beim Konzert in London tauchte, pünktlich zum Solo zu „Comfortably Numb“, viel umjubelt der alte Rivale David Gilmour hoch oben am Bühnenhimmel auf. Da war dann, für einen Moment jedenfalls, zumindest die zwischenmenschliche Mauer gefallen.