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Nachrichten Medien So holten sich Joko und Klaas die Goldene Kamera
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03:33 08.03.2017
Das deutsche Ryan-Gosling-Double Ludwig Lehner: Der Mann aus Bayern holte für Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf (kleines Bild) die „Goldene Kamera“ ab  Quelle: dpa
Hannover

Hätten die Veranstalter der „Goldenen Kamera“ Verdacht schöpfen müssen? Sie seien sich sicher gewesen, dass der Schwindel auffliegen würde, erzählten Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt am Dienstagabend in ihrer Sendung „Circus Halligalli“. Aber als der falsche Ryan Gosling dann doch die Bühne des ZDF betreten und sich die „Goldene Kamera“ schnappen konnte, hätten sie sich gefragt: „Wie zum Teufel konnte das passieren?“

Es ist wahrscheinlich der größte Streich des Fernsehjahres 2017. Und wie er gelingen konnte, erklärten die beiden TV-Moderatoren am Dienstagabend ausführlich in ihrer Sendung. Eine Stunde lang berichteten sie von den Vorbereitungen und von der Preisverleihung, zeigten Szenen von den Proben, aus der Garderobe und von der Bühne. Demnach war es erschreckend einfach, einen Koch aus München anstelle des Hollywood-Stars Ryan Gosling zur „Goldenen Kamera“ zu schicken. Man mag es kaum glauben.

Viele Wünsche wurden erfüllt

Denn die Veranstalter hätten stutzig werden müssen. Sie selbst hatten sich erfolglos um den Schauspieler bemüht, wie ein Sprecher bereits am Montag eingeräumt hatte. Aber dann schrieb ihnen eine bisher vollkommen unbekannte PR-Agentur wenige Wochen vor der Preisverleihung und bot ihnen in einer Mail einen Auftritt von Ryan Gosling in der Sendung an. Einfach so.

Aber sie wurden nicht stutzig, im Gegenteil: Die Veranstalter der „Goldenen Kamera“ seien sofort auf das Angebot eingegangen, erzählten Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Es seien sogar alle ihre Forderungen erfüllt worden – nur damit Ryan Gosling zur Preisverleihung kommt. Er kam trotzdem nicht. 

Stattdessen betrat am Samstagabend ein Mann die Bühne, der dem Schauspieler lediglich ähnlich sieht. Es war Ludwig Lehner, ein Koch aus München, der von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf für diesen Abend engagiert worden war, um für sie die „Goldene Kamera“ zu gewinnen. Aber der Reihe nach: So lief #Goslinggate ab – die Chronologie.

 

Links:US-Schauspieler Ryan Gosling.Rechts: Ludwig Lehner, das deutsche Ryan-Gosling-Double. Quelle: NBC/ap

Die Chronologie von #Goslinggate

Irgendwann im Januar, etwa sechs Wochen vor der Preisverleihung

Im Juni beenden die beiden Moderatoren ihre Sendung „Circus Halligalli“. Deshalb hätten sie sich gefragt, was sie im letzten halben Jahr noch erreichen könnten, berichteten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf am Dienstagabend in ihrer Sendung. Ihre Antwort: Die Goldene Kamera gewinnen. Allerdings hätten sie gewusst, dass der Preis nur an Menschen verliehen werde, die etwas geleistet hätten oder die etwas könnten – oder an Hollywood-Stars. „Es war also ganz einfach“, sagte Joko Winterscheidt. „Wir brauchten Ryan Gosling.“ Denn der Schauspieler sei jung, erfolgreich und vor allem – er ist ein Hollywood-Star.

9. Februar 2017, dreieinhalb Wochen vor der Preisverleihung

Sie und ihr Team hätten daraufhin eine PR-Agentur erfunden, die angeblich prominente Menschen vertrete. Der Name der Firma: Conrad, Hertz & Gravemann. Ein Name, den man sich leicht merken könne, meinte Joko Winterscheidt in der Sendung und verwies auf die Initialen der PR-Agentur: CHG. Genau wie die Initialen von „Circus Halligalli“.

Diese PR-Agentur habe am 9. Februar die Veranstalter der „Goldenen Kamera“ kontaktiert und ihnen per Mail einen Auftritt von Ryan Gosling angeboten, berichteten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Diese Mail sei von der angeblichen Chefin der Firma, Katharina Dolus, unterschrieben worden – „dolus ist lateinisch für Betrug“, erklärte Klaas Heufer-Umlauf. Und wie reagierten die Veranstalter der Preisverleihung auf die Mail? „Exakt 90 Sekunden später hat sich die Goldene Kamera gemeldet“, berichteten die TV-Moderatoren.

In der Sendung am Montag zeigten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf die Szene: Während die angebliche Chefin der PR-Agentur mit den Verantwortlichen der „Goldenen Kamera“ telefoniert, krümmen sich die beiden Moderatoren vor Lachen. „Die haben angebissen“, sagt die Mitarbeiterin nach dem Telefonat – Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf jubeln.

Im Februar, die Preisverleihung rückt näher

Es habe zunächst aber ein Problem gegeben, erzählten sie am Dienstagabend. Die Veranstalter der Goldenen Kamera hätten zunächst gesagt, sie könnten Ryan Gosling keinen Preis verleihen. Zwar habe der Schauspieler seit Ende 2016 ganz oben auf der Liste der Redaktion gestanden, erläuterte ein Sprecher des Veranstalters. Da es ihnen aber bis dahin nicht gelungen war, Gosling für die Veranstaltung zu gewinnen, hätten sie inzwischen entschieden, die Goldene Kamera für den besten Schauspieler an Colin Farrell zu vergeben.

Deshalb habe sich der Chef der erfundenen PR-Agentur eingeschaltet, berichteten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Er habe die Veranstalter der angerufen und ihnen gesagt, der Hollywood-Star werde nicht nach Deutschland kommen, wenn er keinen Preis erhalte. Am Dienstagabend war auch davon eine Szene zu sehen. Wörtlich sagte der falsche Agenturchef: „Wenn Ryan Gosling keine Goldene Kamera bekommt, dann bekommt die Goldene Kamera keinen Ryan Gosling.“

Der Anruf war offensichtlich erfolgreich: Wie der ein Sprecher des Veranstalters bereits am Montag bestätigt hatte, entschied sich die Redaktion kurzfristig, den Film „La La Land“ auszuzeichnen und den Preis stellvertretend für das gesamte Filmteam an Ryan Gosling zu übergeben. „Das ist kein ungewöhnliches Verfahren“,meinte der Sprecher. Allerdings hatte es in den Vorjahren die Kategorie „Bester internationaler Film“ nicht gegeben – diese Kategorie war neu.

Ein Bild von den Proben vorher: Klaas Heufer-Umlauf (l.), Ludwig Lehner (2.v.r.) und Joko Winterscheidt (r.). Quelle: ProSieben

Wenige Tage vor der Preisverleihung

Es schien also zu funktionieren. „Wir hatten nur ein essenzielles Detail vergessen“, berichtete Joko Winterscheidt am Dienstagabend. „Wir hatten keinen Ryan Gosling.“ Aber er erinnerte sich an eine Sendung vor ein paar Jahren – damals hatten sie Doubles von Hollywood-Stars eingeladen, unter anderem Ludwig Lehner, ein Ryan-Gosling-Double.

Allerdings würde der Mann aus München sofort enttarnt, wenn Fans oder Journalisten genau hinsähen – sie würden erkennen, dass es nicht der Hollywood-Star ist. „Wir mussten also sicher gehen, dass niemand mit ihm redet“, erklärte Klaas Heufer-Umlauf. Deshalb setzten sie gegenüber dem ZDF und der Funke Mediengruppe – den Organisatoren – einige Forderungen durch: Sie sollten vorher nicht mit Ryan Gosling werben; er sollte eine eigene Garderobe bekommen; und er sollte erst kurz vor seinem Auftritt eintreffen.

Wenige Tage vor der Preisverleihung probten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf mit Ludwig Lehner den Auftritt. Sie hätten alle möglichen Szenarien durchgespielt, erzählten die Moderatoren. Sie hätten sich auch darauf vorbereitet, dass der Schwindel auf der Bühne auffliegen würde. Dann sollte Ludwig Lehner weglaufen – aber erst, nachdem er sich die Goldene Kamera geschnappt hatte.

4. März, Tag der Preisverleihung

In der Nähe des Veranstaltungsortes hatten sie eine Hotelsuite gemietet. Ludwig Lehner reiste am Nachmittag mit dem Flugzeug aus München an. Das gesamte Team ging ins Hotel und bereitete sich dort auf den Abend vor. Das Gosling-Double zog sich um.

Gegen 21 Uhr brach Ludwig Lehner mit einem Teil des Teams auf – Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf und die anderen Mitarbeiter von „Circus Halligalli“ blieben im Hotel und verfolgten den weiteren Abend dort am Fernseher – ein Mitarbeiter begleitete den falschen Gosling mit einer Kamera. „Wir haben den Veranstaltern gesagt, dass er von einem Doku-Team sei und etwas über Gosling drehe“, sagte Klaas Heufer-Umlauf am Dienstagabend. „Das hat keiner hinterfragt.“

Als der falsche Gosling mit seiner Entourage an der Halle ankam, zog er sich eine Winterjacke über und die Kapuze weit ins Gesicht – damit ihn niemand sehen konnte. Im Aufzug hätten trotzdem Mitarbeiter des Veranstalters direkt neben ihm gestanden – „es ist irgendwie gut gegangen“, sagte Joko Winterscheidt. Bis zum Auftritt blieb Lehner in seiner Garderobe. Eine halbe Stunde vor seinem Auftritt rief er dann Klaas Heufer-Umlauf an, der nervös im Hotel saß und wartete. „Ich hole das Ding, Klaas“, sagte Ludwig Lehner.

Dann begann die „gefährliche Phase“, wie sich Joko Winterscheidt erinnerte: Das Gosling-Double musste hinter die Bühne und auf seinen Auftritt warten. Jetzt hätte er angesprochen und erkannt werden können – aber sie hatten Glück: Alle waren zu sehr mit der Sendung beschäftigt, um einen falschen Gosling zu erkennen.

Im Hotel waren trotzdem alle aufgeregt. „Ruf an und sag das ab“, rief Joko Winterscheidt. Im Fernseher sagte Steven Gätjen gerade, dass die Goldene Kamera für den „besten Film international“ in diesem Jahr an „La La Land“ gehe und die Auszeichnung an Ryan Golsing überreicht werde. Dann betrat der falsche Ryan Gosling die Bühne.

Er nahm von Steven Gätjen die Goldene Kamera und sagte: Er widme diesen Preis Joko und Klaas. Dann ging er auch schon wieder – der falsche Ryan Gosling, der Koch aus München. Im Hotel sprangen Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf auf und jubeln. Ludwig Lehner und seine Entourage verließen sofort die Halle, siegen in ihr Auto und fuhren weg. Mit der Goldenen Kamera.

Der falsche Ryan Gosling kommt auf die Bühne. Quelle: dpa

7. März, drei Tage nach der Preisverleihung

„Es wird viel geschrieben, dass das peinlich war. Für mich war’s Weltklasse, für mich war’s saugeil, ich hatte so viel Spaß“, sagte Ludwig Lehner später der „Süddeutschen Zeitung“. „Wir haben einen neuen Weg gefunden, Preise zu gewinnen“, jubelte Klaas Heufer-Umlauf am Dienstagabend. Er bedankte sich bei den Veranstaltern der „Goldenen Kamera“, dass sie die Angelegenheit sportlich genommen hätten.

Tatsächlich schrieben diese noch am selben Abend auf Twitter: „Die Ermittlungen haben ergeben: Chapeau, @halligalli! Der Prank war erfolgreich.“ Und auf Facebook setzten sie hinterher: „Ihr kleinen Schlingel. Die Fernsehwelt wird euch bald vermissen.“

Einen hämischen Kommentar konnten sich Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf aber nicht verkneifen: „Wir bedanken uns bei der Goldenen Kamera für ihr grenzenloses Vertrauen“, schrieben sie in den Abspann ihrer Sendung.

Von RND/wer

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