Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Medien Flirt mit dem Tod – Der „Tatort“ aus Dresden
Nachrichten Medien Flirt mit dem Tod – Der „Tatort“ aus Dresden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:01 18.05.2018
Am Ende aller Verbrecherjagden: Kommissarin Henni Sieland (Alwara Höfels, l.) will keine Polizistin mehr sein. Kollegin Gorniak (Karin Hanczewski) kann’s nicht fassen. Quelle: MDR/HA Kommunikation
Dresden

Natürlich ist der Titel „Wer jetzt allein ist“ eine Anspielung auf Rainer Maria Rilkes melancholisches Gedicht „Herbsttag“: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“; und deshalb ist dieser sehenswerte „Tatort“ aus Dresden selbstredend auch ein Film über urbane Einsamkeit in einer Zeit, da die Welt angeblich zum Dorf geworden ist, aber der Großstädter seine Nachbarn nicht mehr kennt.

Doch der Film handelt auch von Liebe, Loyalität und Wagemut. Und von der Frage, wie es weitergehen soll. Die stellt sich vor allem für die schwangere Kommissarin Sieland. Der sechste Fall ist auch ihr letzter – Alwara Höfels verlässt das Team, weil sie keinen „künstlerischen Konsens“ mehr sah, wie es heißt. Mit Cornelia Gröschel hat der MDR allerdings eine zwar weniger prominente, aber nicht minder reizvolle Nachfolgerin gefunden.

Ein wirklich fesselnder Abschiedsfall für Alwara Höfels

Als hätten alle Beteiligten Höfels den Abgang richtig schwer machen wollen, ist der Abschiedsfall ähnlich fesselnd wie zuletzt „Déjà-vu“ (ausgestrahlt im Januar). Dort jagte das Duo einen Kindermörder, diesmal einen Frauenmörder, und ähnlich wie vor knapp einem Jahr in „Level X“ spielt das Internet, das Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) damals am liebsten abgeschaltet hätte, eine maßgebliche Rolle.

Zunächst jedoch beginnt der Film ganz klassisch mit einem Mord: Eine junge Frau verlässt in Panik einen Club, erreicht ihr Auto, wähnt sich in Sicherheit und wird dann doch brutal mit einem Kabelbinder stranguliert. Ihre Freundin muss telefonisch alles mit anhören. Die Spur führt ins Netz: Doro hatte eine Vorliebe für erfahrene Männer und war als „Birdy“ bei einem Datingportal registriert.

Dort war sie zuletzt offenbar unterwegs, um ihre Verehrer abzuzocken. Freundin Laura (Kyra Sophia Kahre) versichert allerdings, Doro habe ihr Profil längst gelöscht. Also hat sich jemand anders ihre Wirkung auf reife Männer zunutze gemacht. Die Verehrer haben davon natürlich keine Ahnung und sich unter der Bezeichnung „Vogeljäger“ zusammengeschlossen, um die Betrügerin zur Strecke zu bringen.

Der riskante Plan der Kommissarinnen

Gleich zehn von ihnen waren auf einer Ü-30-Party, die auch Doro unmittelbar vor ihrem Tod besucht hat, und zwei haben kein Alibi. Weil es ansonsten keinerlei Indizien gibt, entwickeln Sieland und ihre Kollegin Gorniak (Karin Hanczewski) einen riskanten Plan: Sie melden sich bei dem Portal an. Die Männer schlucken den Köder, aber als Gefühle ins Spiel kommen, wird die Liebelei für eine der beiden Polizistinnen zum Flirt mit dem Tod.

Autor Erol Yesilkaya hat in den letzten Jahren einige bemerkenswerte Arbeiten für den „Tatort“ geliefert, allen voran zuletzt die Film-im-Film-Geschichte „Meta“ aus Berlin. Regisseurin ist Theresa von Eltz, die vor einigen Jahren mit ihrem Regiedebüt „4 Könige“, einem herausragend gut gespielten Anti-Weihnachtsfilm über vier Jugendliche in der Psychiatrie, nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht hat. Mit „Wer jetzt allein ist“ beweist die Regisseurin, dass sie auch Krimi kann.

Das Gesamtbild des Krimis wird durch den unechten Epilog getrübt

Dass Buch und Regie eine der beiden Heldinnen dabei in zwei erotische Szenen verwickeln und schließlich auch noch Sex und Gewalt kombinieren, ist für einen Sonntagskrimi nicht nur ungewohnt, sondern auch gewagt, erhöht aber natürlich die Verletzlichkeit und sorgt somit für ein packendes Thriller-Finale. Für Entspannung sorgen einige witzige Auftritte Brambachs, der als Chef des Duos ungewohnt sympathisch sein darf.

„Wer jetzt allein ist“ besticht auch durch eine Musik (Christian Meyer), die schon allein wegen des durchgehenden spieluhrähnlichen Leitmotivs besonders klingt. Das einzige Element, das das ausgezeichnete Gesamtbild um eine Winzigkeit trübt, ist der unecht anmutende Epilog, der wie nachträglich angeklebt wirkt, damit Sieland Abschied nehmen kann.

Von Tilmann P. Gangloff

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Yanny oder Laurel? Darüber streitet sich gerade das Netz. Jetzt mischen hochrangige Mitarbeiter des Weißen Hauses in der Diskussion mit. Auch US-Präsident Donald Trump und sein Vize Mike Pence äußern sich.

18.05.2018
Medien Interview mit Dieter Hanitzsch - „SZ“ wirft Karikaturisten raus

Streit um als antisemitisch kritisierte Zeichnung: Die „Süddeutsche Zeitung“ beendet die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Karikaturist Dieter Hanitzsch. Im Gespräch schildert der Zeichner seine Sicht der Dinge.

17.05.2018
Medien Interview mit Rolf Seelmann-Eggebert - „Harry hat bei der Queen einen Stein im Brett“

Er ist zwar nicht live in London, aber er wird das große Fest am Sonnabend (18. Mai) genau beobachten. Der Royals-Kenner Rolf Seelmann-Eggebert über die Hochzeit des Jahres.

17.05.2018