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Medien Trotz und Rotz und Rock 'n' Roll
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14:00 30.06.2016
Hoffnung für den britischen Rock 'n' Roll: Songwriter Jake Bugg näselt wie Dylan, guckt wie ein junger Keith Richards und findet die Charts langweilig. Quelle: Universal

Jacob Edwin Kennedy lässt der Hype kalt. "Die Charts sind die Charts", meint der junge Mann mit dem stets ausweichenden Blick. Und dass er dort nichts finden könne, was "exciting" wäre. Eine typisch britische Haltung des Vonobenherabs auf alles Überbewertete. Und falls das eigene neue Album nicht so hoch fliegen sollte wie erhofft, erteilt er sich mit dieser Vorabaussage auch gleich selbst die Absolution. Die Hitparaden sind eben so, spannende Musik ist anderswo.

Jacob darf das sagen. Als Jake Bugg wurde er 2011 in Glastonbury, beim Musikfest des Wahren, Guten und Schönen gefeiert. Und schon bald von seiner Plattenfirma zum Retter der Rockmusik ausgerufen. Solche Proklamationen gibt's freilich alle naselang. Man kann sich die Namen kaum noch merken, und man muss den Marktschreiern der Pop-Propaganda dieses eigennützige Lobhudeln auch nicht immer abkaufen. Tom wer? James wie?

Wenige sind wirklich dazu berufen, zur "Zukunft des Rock 'n' Roll" zu wachsen, wie etwa Bruce Springsteen, der 1974 mit diesem Attribut von einem Kritiker des "Rolling Stone" geheiligt wurde. Der Boss aus New Jersey brauchte damals allerdings auch noch eine Handvoll Jahre, bis das Massenpublikum es genauso sah wie jener Jon Landau. Und so ergeht es derzeit auch Bugg, dessen zweites Album schon vom legendären Rick Rubin (Beastie Boys, Johnny Cash) produziert worden war und der gerade "On My One" (Virgin) in die Waagschale geworfen hat. Sein drittes Werk.

Zwischen Dylan und Keith Richards

Bugg wurde in England vom Start weg medial zum neuen Dylan (die Stimme) hochgejubelt, zum neuen Britpopkönig (vielleicht der Frisur wegen), zum neuen Britbluesgott (eine seiner musikalischen Farben) und zu allerhand mehr. Auf dem selbst betitelten Debüt von 2013 war sein Jackenkragen rebellisch hochgeschlagen, die sinnlichen Lippen wie dafür gemacht, Zigaretten cool daran baumeln zu lassen (Bugg ist Raucher), dazu ein Blick unter dem fransigen Pilzkopfschnitt hervor, als habe man ihn bei Anrüchigem ertappt.

Bugg erinnerte an den Keith Richards von 1964, ein sexy Tunichtgut – Trotz und Rotz und Rock 'n' Roll. Man mochte die Platte schon, bevor man auch nur einen Ton gehört hatte. Und als man sie dann hörte – Hut ab! Roher Sound mit Nähe zum Brit‑Rock 'n' Roll der frühen Mittsechzigerjahre. "Trouble Town" erinnerte gar an Elvis Presleys uralten Sun-Records-Schrabbler "That's All Right Mama". Witz fand sich hier, Romantik, Energie.

Die Stimme war markant, ließ außer an Dylan noch an Donovan denken, an Glyn Jones von den Arctic Monkeys und ganz stark an Gene Pitney, den King of Schmacht der Sechzigerjahre. Das alles schien nicht nur Retro, es war geradezu die Essenz des Rock 'n' Roll.

Die Zukunft des Rock 'n' Roll? Jake Bugg, hier bei einem Konzert in London, bringt zumindest schon einmal den richtigen Look und die richtigen musikalischen Vorbilder mit. Quelle: Virgin / EMI

Auf Deutsch heißt der im Nottingham-Zungenschlag gefärbte neue Albumtitel "selbst gemacht (on my own)", was bei Songwritern ja eigentlich die Regel sein sollte. Alle Lieder habe er diesmal allein geschrieben, betont Bugg. Vielleicht hat den Rocker mit der näselnden Stimme gewurmt, was sein anfänglicher Protegé Noel Gallagher verkündete – dass es ihm nämlich das Herz gebrochen habe, als er erfuhr, dass Bugg viele der Songs der beiden Vorgängeralben mit Iain Archer von der Band Snow Patrol komponiert hatte.

Wenn Bugg Songwriter sei, "was bin dann ich, was sind Paul Weller, Paul McCartney, Neil Young und Bob Dylan?", empörte sich der einstige Oasis-Gitarrist. Wer Hilfe beim Songschreiben brauche, der suche sich gefälligst "eine fucking Band", so schloss Noel und benannte Kompositionsgehilfen wie Archer als einen der Gründe für das Sterben des Rock 'n' Roll.

Es dauerte fast ein Jahr, bis Bugg, der aus der Bugg-&-Archer-Autorengemeinschaft ja nie einen Hehl gemacht hatte, zurückschlug. "Ist doch bloß Noel", sagte er dem "New Musical Express" im März. Und bezeichnete Gallaghers jüngste Platte "Chasing Yesterday" als "ganz schönen Mist".

"Ich mach nur mein Ding"

Ist Bugg ein aufsteigender "Superstar" im alten Sinn des längst von der Castingmaschinerie zermahlenen Wortes? Sein Aufstieg zumindest kam zur Unzeit, gerade als sich die Charts eigentlich elektronischen, tanzbaren Dingsbums-featuring-Bumsdings-Projekten zugewendet hatten. Bugg ist seither in der Bringschuld. Er weiß, dass Erfolg noch größeren Erfolg zeitigen muss und die Geduld von Plattenfirmen endlich ist.

Als eine "ziemlich brutale Industrie" bezeichnete er die Musikbranche jüngst in einem Interview. "Wenn sich deine Platte schlecht verkauft", das ist dem 22-Jährigen klar, "könnte deine Chance weg sein, noch eine zu machen." Die zweite, die Rubin-Platte "Shangri-La", lief schlechter als die erste.

Die dritte Veröffentlichung nun nennt man in der Branche gern das "Make-or-break"-Album: Top oder Flop, Triumph oder tschüss. Die Fachleute der britischen Magazine "Q" und "New Musical Express" immerhin bejubeln Buggs Sounderweiterungen auf "On My One" als "Neu-Selbsterfindung" des Mannes aus Nottingham. Aber der scheint keine weitere mediale Giga-Aufregung zu wollen. "Ich mach nur mein Ding", betonte er bei der BBC – selbstsicher wie ein Lindenberg in Jung. Und setzte das Wort "Entwicklung" dagegen.

Fans wollen ihn ganz für sich: Bei einem Festivalauftritt wünscht sich eine junge Frau Buggs Liebeslied "Fire". Quelle: Imago

Wie ein zwölfjähriger Teenager und Metallica-Fan zu den Beatles, zu Hendrix, CCR, Cream, den Everly Brothers, Buddy Holly und all den Bluesleuten seit Robert Johnson kam? Es war die Zeichentrickserie "Simpsons", in der Don McLeans klingendes Van-Gogh-Porträt "Vincent" von 1971 gespielt wurde. Von dort aus fand der Knabe Jacob zu Donovan, dann zu George Harrison und all den anderen bunten Wurzeln seines Vintagesounds.

Ein Freund riet Jake Bugg zum Karrierestart über die Castingshow "Britain's Got Talent", aber der rieb sich lieber bei Clubgigs die Finger an den Saiten wund. Bis die Leute mit dem Riecher fürs Authentische auf ihn aufmerksam wurden.

"Jeder kann ein Nummer-eins-Album machen"

"Jeder kann heute ein Nummer-eins-Album erreichen", sagte Bugg jetzt in London. "Dazu muss man doch bloß noch 20 000 Kopien oder so verkaufen." Gebe man heute gegenüber einer anderen Band ein wenig an und sage "Hey, ich hatte gerade ein Nummer-eins-Album", gäben die zur Antwort "Genau wie wir, und John hatte eines in der Woche davor". Nein, Zahlen messen gar nichts in Buggs Welt.

Was er tun würde, sollte sein neues Album im Sinne eines "Break it" im Desaster enden, verrät er im Titelsong der Platte: Herumziehen, Konzerte geben, sich herrlich von Gott verlassen fühlen und die Einsamkeit des Troubadours beklagen: "I'm so lonesome." Jacob Edwin Kennedy ist "on his one", ganz bei sich. Und ein bisschen cool dazu.

Von Matthias Halbig

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