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22:51 04.09.2018
Junge Menschen mit perfekten Frisuren bei der Balz: Kandidat Daniel und „Bachelorette“ Nadine loten öffentlich ihr Liebespotenzial aus. Davon geht das Abendland nicht unter, aber wie viel Geigenschwelgerei ist zu viel? Quelle: RTL
Köln

Der griechische Philosoph Aristoteles hat drei Voraussetzungen für Berühmtheit definiert: Begabung, Fleiß und Übung. Das ist knapp 2400 Jahre her. Inzwischen machen in Sachen Ruhm nicht mehr die alten Griechen die Regeln, sondern RTL. Und diese Regeln gehen so: Du willst ins Fernsehen? Als „Bachelorette“ zum Beispiel? Dann musst du ein leidlich attraktiver Partybrummer sein. Du musst tun, was die Fernsehleute sagen, denn „wenn ich nicht sage, wo der Hase hinhoppelt, dann passiert auch nichts“ (TV-Hase Heidi Klum). Und drittens: Du musst unterschreiben, dass du für eventuell während des Drehs erworbene Geschlechtskrankheiten selbst verantwortlich bist. Knattern für die Kameras? Sehr gerne. Aber wenn es hinterher juckt, bist du selber schuld.

Nadine Klein (32) hat sich diesen Regeln bereitwillig unterworfen. Acht Wochen lang war die Medienkauffrau-Schrägstrich-Verkäuferin aus Bayern die „Bachelorette“ bei RTL. Sie hat vertragsgemäß geheult, gebalzt, gebarmt, gehadert, geschmust und gekichert. Im Finale am Mittwoch muss sie sich entscheiden: Wählt sie den feschen Alexander (29), Personal Trainer aus Gammelby, mit dem es auf Korfu in der Ferienresidenz von Kaiserin Sissi jüngst zu erotisierenden Maßnahmen kam? Oder nimmt sie doch Daniel (27) aus Bad Salgau, immerhin amtierender „Mister Schwaben“, bei dem es seit jenem „Dream Date“ in einer Turtel-Lodge am Strand samt Tauchgang zu einem Schiffswrack ganz dolle kribbelt? Trainer oder Mister?

Hauptsache Hobbys und Haare

Was Frau Klein von einem Mann erwartet, hatte sie schon vor dem Showstart kundgetan: „Hobbys sollte er haben.“ Und was noch? „Und Haare wären schön.“ Hobbys und Haare. Die Basis für eine stabile Beziehung.

Mit dem Finale endet die fünfte Runde eines Fernsehelends, das am 18. Juli begonnen hat. Die Minimalanforderungen an die Kandidatin sind im Vertragswerk, aus dem Boulevardmedien zitierten, genau geregelt: Neben dem Sexualkrankheiten-Paragrafen verpflichtete sich Nadine Klein angeblich dazu, bisher nicht an pornografischen Video- oder Foto-Shootings mitgewirkt zu haben und nicht vorbestraft zu sein. Auch ihren Beziehungsstatus darf sie bis zum Ende der Ausstrahlung nicht verraten. Sollte sie sich also schon am Morgen nach Drehende im Shuttle auf dem Weg zum Flughafen nach etwa 147 Minuten Beziehung vom siegreichen Rosenkavalier getrennt haben, bleibt das zunächst ein Geheimnis. Mindestens einer der sie umbuhlenden Herren hingegen kehrte nach dem Aus in die Arme einer früheren Lebensabschnittsgefährtinn zurück: der hannoversche Kandidat Stefan Gritzka.

Nebelwolken aus Testosteron

Zuvor hatte Gritzka mit 19 Nebenbuhlern die blütenreine, kreuzbrave, bayerische Mamsell umtänzelt, die wirkt wie just den Fünfzigerjahren entstiegen. Viele der Herren sahen durch die Nebelwolken aus Testosteron, die sie umgaben („Ich bin ein Ferrari!“), in der Ferne schon eine Weltkarriere winken. Was ist bloß mit den Typen los? Da behauptet alle Welt, es gebe ein Comeback der „Beef“ lesenden, Dart spielenden, coolen, entspannten, fischenden echten Männermänner. Und dann stehen da 20 seltsame Ich-AGs mit Y-Chromosom, die bei der Vergabe von Charme, Attraktivität und Klugheit einseitig bedacht wurden. „Der wo dich bekommt, hat echt Glück“, findet Brian. Ja, Brian. Und der, wo dich hört, merkt schnell: Pech gehabt in der Lotterie des Lebens.

Eine ganze Industrie von Abschreib-Klatschportalen im Netz nährt sich gierig von den Brosamen, die RTL dem Medienpöbel hinwirft. Die Quatschseite „Promiflash.de“ etwa lässt einen Körpersprache-Experten das Balzverhalten dechiffrieren. Und das „OK“-Magazin meldet „exklusiv“, dass der unterlegene Filip ganz böse Sachen über die Nadine sagt („Ich war nie verliebt“)! Voll gemein!

Es ist fast altmodisch, sich über Doofheit zu erregen

Gewiss, es ist ein Lästerformat. Und es ist fast altmodisch, sich über Doofheit zu erregen. Man darf jene, die bei diesem Fernsehunfall mit diebischer Freude Zeuge sind, nicht verurteilen. Die meisten Zuschauer werden nach fünf „Bachelorette“-Staffeln, acht „Bachelor“-Staffeln, 13 Staffeln von „Germany’s Next Topmodel“ und elf Staffeln von „Das Supertalent“ begriffen haben, dass hier nicht Zufall, Begabung, Glück und Liebe Regie führen, sondern TV-Dramaturgie, gewiefte Produzenten und Geltungsdrang.

Es ist ja kaum zu glauben: Die erste Ausgabe der „Bachelorette“, aus der 2004 die spätere Oliver-Pocher-Freundin Monica Ivancan als C-Promi hervorging, wollte RTL noch als Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit verstanden wissen. Und nun stehen die Möchtegernbeschäler da in Schnöselgrüppchen zusammen und taxieren Frau Kleins körperliche Merkmale, als habe es die #MeToo-Debatte nie gegeben.

Das Realityfernsehen und seine Wurmfortsätze

Das Realityfernsehen und seine Wurmfortsätze leben von der Bereitschaft histrionischer Persönlichkeiten, sich öffentlich zum Affen zu machen. Fast rührend kümmerte sich Frau Klein als mit Abstand klügste Mitarbeiterin der Sendung um die verwirrten Männchen, die in ihrer Hilflosigkeit als Kennenlerngeschenk auch schon mal einen Fanschal des 1. FC Köln überreichten.

Fast mitleidig klang sie zwischendurch, wenn sich wieder ein eingeölter Minimacho im Gespinst seines Egos verheddert hatte. Wie sie denn seinen „Style“ finde, fragte Andi aus Bielefeld begierig. „Das ist halt dein Ding“, sprach sie langmütig durch die optimierten Lippen. Es klang nicht spöttisch. Es klang nachsichtig. Wie eine Mutter, der ein Dreijähriger ein neues Kritzelkunstwerk unter die Nase hält. Mama, guck mal! Es ist so traurig, wenn da außer Haarpflege und Sprüchen nur Leere ist. Sprache verrät so viel. Er und Kumpel Domenico seien „ein eingeschweißtes Team“, behauptet Kandidat Julian.

Kein Zweifel: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn Frau Klein am Mittwochabend im – längst vorproduzierten – Finale einfach mal sagen würde: „Nee. Ihr seid alle doof. Ich nehme keinen von euch, suche mir in Berlin einen netten Mann und eröffne eine Bäckerei voller süßer, kleiner Cupcakes!“ Aristoteles wäre stolz auf sie.

Histrioniker: Die Gier nach dem Gesehenwerden

Experten sind sich einig darin, dass ein nicht unerheblicher Teil des wiederkehrenden Personals von Realityshows an der histrionischen Persönlichkeitsstörung leidet. Sie ist gekennzeichnet durch egozentrisches, dramatisch-theatralisches und manipulatives Verhalten mit extremem Streben nach Aufmerksamkeit. Im Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen (ICD) ist die Rede von „übermäßiger Beschäftigung damit, äußerlich attraktiv zu erscheinen“.

Von Imre Grimm

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