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18:17 06.04.2018
„Mit dieser Familie stimmt was nicht“: Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) haben so ein seltsames Gefühl. Quelle: ARD
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Frankfurt

In der letzten „Tatort“-Folge am Ostermontag stand ein kleiner Junge im Zentrum nicht gerade aufregender Mordermittlungen mit Heike Makatsch. Und nun geschieht im aktuellen Fall aus Frankfurt schon wieder etwas ganz Ähnliches: Der Junge heißt diesmal Felix, ist zwölf Jahre alt und ein echter Satansbraten – ein kleiner Sadist, der alten wie jungen Mitmenschen nicht nur fürchterlich auf die Nerven geht, sondern sie auch scheinbar genussvoll quält.

Gespielt wird dieser Felix von dem wahrlich toll agierenden Jungstar Juri Winkler (Jahrgang 2003), dem „Oskar“ in den populären „Rico & Oskar“-Kinderfilmen, der hier seinen erwachsenen Kollegen die Schau stiehlt und tatsächlich der einzige Lichtblick in diesem völlig überdrehten Film ist. Einem Film, der statt „Unter Kriegern“ eigentlich „Unter Psychopathen“ heißen müsste. Und an dem sich zudem die schlimmen Folgen des sogenannten Overactings, also des übertriebenen Einsatzes von Gestik und Mimik, exemplarisch studieren lässt.

Die Schattenseiten des Leistungssports

Dabei geht es wie schon in der letzten Frankfurter „Tatort“-Folge, die viele Zuschauer bös verschreckt hat, mit voller Absicht zu wie in einem Horrorfilm. Und die bierernst erzählte Geschichte erinnert sogar ein wenig an den Genreklassiker „Das Omen“, hat aber überhaupt nicht dessen Qualität. Fast jeder in diesem Film – man kann es wirklich nicht anders sagen – hat eine totale Macke. Alle Figuren scheinen von Drehbuchautor Volker Einrauch und Regisseurin Hermine Huntgeburth („Die weiße Massai“, „Effi Briest“) direkt aus einem Panoptikum der Psychopathen geholt worden zu sein. Die einzig Normalen in diesem Krimi sind die etwas fahrig agierenden Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch), die es mit einem grausamen Kindsmord zu tun bekommen – inklusive schrecklich unterdrückter Frauen, fragwürdiger Therapiemethoden und der Schattenseiten des Leistungssports. Und natürlich mit dem kleinen Sadisten Felix.

Gleich zu Anfang zeigt dieser Quälgeist, wozu er fähig ist: Er drangsaliert erst seine Mitschüler, erpresst dann seinen Lehrer für eine bessere Note und schaut auf dem Heimweg von der Schule neugierig zu, wie eine alte Frau stürzt, um dann eiskalt ihre Hilferufe zu ignorieren. Das alles wird von Juri Winkler so erschreckend glaubhaft gespielt, dass man den Knaben am liebsten am Kragen packen und schütteln möchte.

Die Familie ist beim Zuschauen kaum zu ertragen

Ähnlich gestört wie die Figur des Felix sind dessen Eltern: Sein Vater (Golo Euler) ist ein karrieresüchtiger Sportfunktionär, der nicht nur seine Mitarbeiter, sondern zusammen mit seinem Sohn auch seine eigene Frau (Lina Beckmann) böse schikaniert. Sie wird von den beiden wie eine Haushälterin aus zum Glück längst vergangenen Zeiten behandelt, wird gedemütigt und gequält. Und sie selbst ist ganz offensichtlich so heftig psychisch gestört, dass sich daran gleich eine ganze Schar von Therapeuten die Zähne ausbeißen würde. Die Nummer zwei zu sein, das hat Felix bereits voll verinnerlicht, heißt nur, der erste unter den Verlierern zu sein. Wer schwächer ist, verdient nur Verachtung. „Mit der Familie stimmt etwas nicht“, konstatiert Brix völlig zu Recht.

Allein diese Familie ist beim Zuschauen kaum zu ertragen. Zudem agieren die beiden erwachsenen Schauspieler auch noch so betont überkandidelt, dass der Wunsch entsteht, dieses überdrehte familiäre Drama mit der Fernbedienung zu beenden. Und dann geschieht auch noch ein Mord, der richtig schlimm ist. In dem Leistungszentrum, das von Felix’ Vater geleitet wird, wird die Leiche eines Jungen gefunden. Er wurde in einen ausrangierten Heizkessel gesperrt und ist dort jammervoll verdurstet.

Ist der Hausmeister ein Psychopath?

Verdächtig ist der Hausmeister (der ehemalige Dortmunder „Tatort“-Kommissar Stefan Konarske) des Zentrums, der sich äußerst verdächtig verhält – auch er offenbar ein Psychopath und ein ehemaliger gewalttätiger Hooligan, der von Amts wegen zu einer Gruppentherapie verdonnert worden ist.

Da dem Zuschauer aber wirklich rein gar nichts erspart bleibt, ist sogar der Therapeut (Marek Harloff) dieser Gruppe ein merkwürdig irrer Zeitgenosse. Und dann ist unter den Verdächtigen natürlich auch noch Felix, der den toten Jungen schlimm gemobbt hat und dem man sowieso alles zutraut.

„Tatort: Unter Kriegern“ | ARD Mit Margarita Broich und Wolfram Koch, Sonntag, 20.15 Uhr

Von Ernst Corinth

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