Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Medien Wie „Spiegel TV“ sich neu erfinden will
Nachrichten Medien Wie „Spiegel TV“ sich neu erfinden will
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:01 27.06.2018
Maria Gresz (51) ist seit dem Start 1988 Moderatorin des Magazins „Spiegel TV“ – und zudem Redaktionsleiterin und Mitglied der Chefredaktion. Quelle: dpa
Anzeige
Hamburg

Es ist das älteste politische Magazin in einem privaten deutschen Vollprogramm – und das letzte. „Spiegel TV“ steht vor einer Reform. Die Pläne dazu erläutern Chefredakteur Steffen Haug und Redaktionsleiterin und Moderatorin Maria Gresz im Gespräch.

Seit 30 Jahren lief „Spiegel TV“ am Sonntagabend bei RTL. Und ausgerechnet zum Jubiläum kam im Sommer 2017 die Nachricht, dass der Sender und die Niedersächsische Landesmedienanstalt Ihnen den Stecker ziehen. Das ist nicht nett, oder?

Steffen Haug: Wir wussten immer, dass wir am Sonntagabend ein echter „Störer“ im RTL-Programm sind. Dass RTL sich Gedanken macht, daran etwas zu ändern, wissen wir schon seit vielen Jahren.

Maria Gresz: Aber wir waren schon auch ein bisschen geschockt. Natürlich, nach 30 Jahren. Das war über so lange Zeit Gewohnheit: dass der Zuschauer nach dem „Tatort“ mal gucken kann, was „Anne Will“ oder „Spiegel TV“ machen.

Die Landesmedienanstalt hat dann für die sogenannten Drittsendefenster vier neue Sendezeiten im RTL-Programm ausgeschrieben, eine davon sehr prominent am frühen Samstagabend. Sie haben sich mit Erfolg um den späten Montagabend beworben. Warum?

Haug: Für den frühen Sendeplatz am Sonnabend war immer klar: Da sucht RTL etwas Leichteres und Frauenaffineres. Da erschien uns der Montagsplatz am attraktivsten.

Das bedeutet aber auch: zehn Minuten kürzer, weniger Zuschauer.

Haug: Von den absoluten Zuschauerzahlen werden wir möglicherweise ein paar weniger haben. Ich glaube aber, dass sich Relevanz und Reichweite nicht nur über die linearen Zuschauerzahlen definiert, sondern auch über die anderen digitalen Ausspielungswege.

Das ist Spiegel TV

Die von Stefan Aust gegründete Firma mit derzeit 127 Mitarbeitern und Sitz in Hamburg hat mehrere Standbeine: „Spiegel TV“ bei RTL und „Spiegel TV Reportage“ bei Sat.1 mit Drittsendelizenz, die beiden Pay-TV-Sender „Spiegel Geschichte“ (Sky) und „Spiegel TV Wissen“ (in mehreren Kabelnetzen und künftig auch bei Sky), dazu Ko- und Auftragsproduktionen („Terra X“ im ZDF, „Arte Re:“) und das digitale Videoportal Spiegel.TV.

Was wird denn anders sein am neuen „Spiegel TV“?

Haug: Wir wollen uns stärker auf das konzentrieren, was wir am besten können: harte, investigative Geschichten und relevante Sozialreportagen. Beides war immer schon Teil von „Spiegel TV“, das wollen wir stärken.

Und da geht es nicht darum, den Zuschauern zu zeigen: Guckt mal, es gibt Leute, denen es noch schlechter geht als euch?

Gresz: Nein. Ich denke, dass man den Unterschied bei uns gut erkennen kann. Es ist natürlich ein schmaler Grat zwischen der Absicht, einfach nur das Leid und die Not der Menschen ins Rampenlicht zu zerren, und dem journalistischen Anspruch, zu zeigen, was die Wirklichkeit ist – ungeschönt und manchmal schmerzhaft, aber eben echt. Ich glaube, dass sich gutes Handwerk und Authentizität am Ende auszahlen.

Das wird also nicht „Extra XXL“?

Haug: Das ist nicht unser Ansatz. Wir stellen uns das idealerweise so vor: Jede Woche gibt es ein großes Titelthema, also eine große eigene Investigation. Als zweites Stück ist eine Sozialreportage geplant. Und das dritte Element sind wie bisher Filme zu aktuellen Vorgängen, etwa zum Skandal um das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Das ist ein Unterschied zur bisherigen Sendung: Wir verzichten auf den leichten Rausschmeißer am Ende.

Was ändert sich noch? Das Studio? Oder gar, Gott bewahre, die Moderatorin?

Haug: Es gibt eine neue Verpackung: einen neuen Vorspann und ein aufgefrischtes Studio.

Gresz: Es ist eine klarere Form. Wir wollen weg von diesem raumschiffartigen, großen Studio. Alles ist näher dran: die Geschichten, das Studio und ich selbst auch. Im Grunde geht es um noch mehr „Spiegel TV“.

Sie sind seit der ersten Stunde dabei. Einen Gutteil seiner Unverwechselbarkeit verdankt „Spiegel TV“ Ihrem hanseatisch-unbeugsamen Stil. Und es wäre wahrscheinlich ein Fehler, jetzt plötzlich mit dem Lächeln zu beginnen, oder?

Gresz: Es gab mal eine Zeit, so etwa zehn Jahre nach dem Beginn, da kam Stefan Aust als Spiegel-TV-Chef plötzlich auf die Idee: „Maria, du musst jetzt mal lächeln. Die von RTL sagen, du bist immer so unfreundlich.“ Und dann habe ich das probiert, und es war völlig daneben. Es passte gar nicht zu dem Inhalt, den ich transportiere.

Als Sie 1988 anfingen, wurden derlei Magazine noch von graumelierten Herren mit dicken Brillengläsern moderiert. Sie waren 21 Jahre alt. Wann war der Moment, als Sie das Gefühl bekamen: Okay, jetzt nehmen sie mich ernst?

Gresz: Das hat schon eine Weile gedauert. Ich wurde viele Jahre gefragt: „Schreibst du deine Texte wirklich selber? Wer schreibt dir denn deine Moderationen?“ Das war immer die Standardfrage. Aber es war ja auch ungewöhnlich, dass man mit gerade einmal 21 Jahren so eine Sendung moderierte, weil es als Vergleich halt nur diese graumelierten „Panorama“-Chefs gab.

Der Ton von „Spiegel TV“ ist bei politischen Themen oft recht erzieherisch und appellativ. Das erhöht die Unverwechselbarkeit, kann aber auch übergriffig klingen. Ist das noch zeitgemäß?

Gresz: Da haben wir in den vergangenen Jahren schon Lernprozesse durchlebt. Es ist längst nicht mehr jeder Beitrag so getextet, als hätten wir die Weisheit mit Löffeln gefressen. Man lernt aus Fehlern. Und es gab tatsächlich eine Zeit, als der Begriff „Wutbürger“ bei uns in vielen Beiträgen auftauchte. Damit hat man den Leuten schon auch Unrecht getan, weil man sie sehr schnell in eine gewisse Ecke geschoben hat. Wir haben gemerkt: Hier müssen wir vorsichtiger und differenzierter rangehen. Man muss den Leuten erstmal zuhören, bevor man seine Keule im Kopf schwingen lässt.

Wie kam es zu dieser Erkenntnis?

Gresz: Die Leute haben sich beschwert. Die haben sich missverstanden gefühlt. Man kann nicht einfach losziehen und behaupten: Die haben alle den Schuss nicht gehört. Die journalistische Frage lautet: Warum sind sie so? Wir haben insgesamt unseren Duktus überprüft und zurückgenommen.

Insgesamt klingt der journalistische Trend zum Schrillen und Plakativen, das mehr verspricht, als es hält, ein wenig ab. Recherche und Aufrichtigkeit kommen wieder.

Haug: Ich habe auch das Gefühl, dass das Pure und Rohe wieder mehr gefragt ist. Wir haben das Gefühl, dass uns der mediale Zeitgeist eher wieder in die Hände spielt.

Anders als „Spiegel TV“ durfte „stern tv“ seinen Sendeplatz am Mittwoch behalten. So sieht echte Liebe aus. „Spiegel TV“ sieht man dagegen offenbar eher als Laus im Pelz. Wie ist denn das Verhältnis zu RTL?

Haug: Das Verhältnis ist sehr gut. Wir haben mit RTL im vergangenen Jahr zur Bundestagswahl auch die beiden Townhall-Sendungen mit Martin Schulz und Angela Merkel gemacht. Da haben wir über Monate eng zusammengearbeitet. Ich habe auch das Gefühl, dass RTL-Chefredakteur Michael Wulf unsere Sendung und ihre investigative Kraft sehr schätzt.

Gresz: Im normalen Magazin-Alltag arbeiten wir aber völlig autark. Wir liefern RTL ein fertiges Produkt ab. Wir sind mit den Kollegen zwar im Austausch, aber es geht nicht um inhaltliche Absprachen.

Spiegel TV hat derzeit 127 Vollzeitstellen. Wird es mit der Verkürzung der Sendezeit von „Spiegel TV“ einen Stellenabbau geben?

Haug: Das Auftragsgeschäft ist volatil. Mal hat man mehr Aufträge, mal weniger. Natürlich müssen wir dann reagieren. Der Sendeplatzwechsel ist aber kein Anlass dafür.

Das Genre Dokumentation boomt. Auch Netflix oder Amazon investieren ja Unsummen in Dokus. Kann man da überhaupt mithalten?

Gresz: Netflix pickt sich auf der ganzen Welt die besten Dokus heraus.

Haug: Und sie wollen dann oft sehr weitgehende Rechte haben für Einzelbeiträge oder Miniserien, um sie global vermarkten zu können. Unsere große Stärke sind Inhalte, deren Rechte wir nicht komplett abgeben. Filme, die wir selbst digital verwerten oder weiter vermarkten, ob im Einzelverkauf oder im Abo. Und das widerspricht eben manchmal den Netflixen dieser Welt, die alle Rechte für sich fordern. Da muss sich die Branche fragen: Rechnet sich das dann noch für uns?

Könnte nicht ein großes „Spiegel TV“-Leuchtturmprojekt dabei helfen, die Marke auch auf dem globalen Produzentenmarkt zu verankern?

Haug: Das ist eine Idee, über die wir tatsächlich nachdenken. Es gibt eine Reihe von interessanten Projekten. Coole Sachen machen ist klasse, aber es muss sich rechnen. Wir machen für Arte jetzt gemeinsam mit dem japanischen und dem kanadischen Fernsehen eine Zwölf-Stunden-Doku über den Äquator – eine große internationale Koproduktion, die im Herbst läuft. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Einmal rundherum um die Erde. Das wird großartig.

Von Imre Grimm

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Im Schach und Go haben künstliche Intelligenzen den Menschen schon besiegt. Nun ist das Online-Spiel Dota 2 dran. Das KI-Team OpenAI Five will gegen die besten Teams gewinnen.

29.06.2018

Ein anonymer Nutzer gibt einem Arzt nur einen Stern. Geschäftsschädigend sei das, findet der und verlangt, dass Google die Bewertung löscht. Nun hat ein Gericht entschieden.

27.06.2018

Riesige Drohnen sollten das Internet in die entlegensten Winkel der Welt bringen. Doch jetzt hat Facebook sein Projekt „Aquila“ beendet. Die Welt mit dem Internet verbinden will Facebook aber weiterhin.

27.06.2018
Anzeige