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Panorama Chefarzt sperrte Kinder ein, um sie zu brechen
Nachrichten Panorama Chefarzt sperrte Kinder ein, um sie zu brechen
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16:07 08.06.2018
Kinder, die einmal in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg waren, wollen nicht wieder dorthin zurück. Quelle: dpa
Rotenburg

Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen wurden guten Gewissens von ihren Eltern in die Obhut der Psychiatrie des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg übergeben. Leisteten die Schützlinge Widerstand gegen Untersuchung oder Behandlung, so wurden sie vielfach in einen sogenannten Time-Out-Raum gesperrt, wie der Weser-Kurier berichtet. Nun werden die Zustände innerhalb der Abteilung genauer unter die Lupe genommen, der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie wurde freigestellt. Die Kritik verschärft sich laut Informationen des Weser-Kuriers weiter – Ärzte und Therapeuten brechen ihr Schweigen.

Diverse Mediziner haben sich in Form einer Stellungnahme an das Blatt gewendet. Demnach sollen die Kinder über Stunden oder Tage in dem Raum verbracht haben, der lediglich mit einer Matratze ausgestattet war. Der Chefarzt nutzte dies als Sanktionsmaßnahme um die Patienten zu brechen. Wegen seiner fragwürdigen Behandlungsmethoden wurde er bereits vom Dienst freigestellt, bis das laufende Verfahren abgeschlossen ist. Die Klinik äußerte sich gegenüber dem Weser-Kurier bislang nicht zu den Vorwürfen.

„Wer einmal dort war, will nie wieder hin“

Die Erzählungen der Ärzte und Therapeuten zeigen, dass akuter Handlungsbedarf besteht. So erzählt etwa Psychotherapeutin Marlene Heuer-Pattschullm, die Patienten an die Klinik überwies, dem Weser-Kurier von unhaltbaren Zuständen: „Dort herrscht ein Klima der Angst“. Der Time-Out-Raum sei nicht für den eigentlichen Zweck der „Auszeit zur Beruhigung“ genutzt worden, sondern als „drakonische Erziehungsmaßnahme.“ Die Patienten sahen sich mehr als Gefangene an.

Der Rotenburger Kinder- und Jugendarzt Christoph Dembowski kann seine Patienten schon nicht mehr guten Gewissens in die Klinik schicken, zu viele negative Geschichten von fragwürdigen Methoden innerhalb der Abteilung habe er bereits gehört. „Wer einmal dort war, will nie wieder hin.“

„Mauer des Schweigens“

Ein Mitarbeiter der Klinik meldet sich im Weser-Kurier nur anonym zu Wort. Der Psychologe erhebt vor allem schwere Vorwürfe gegen den Chefarzt. Er habe Eltern mit der Entziehung des Sorgerechts gedroht und die Mitarbeiter eingeschüchtert. „Niemand hat sich getraut etwas gegen ihn zu sagen, es war eine Mauer des Schweigens.“ Auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Patienten wurde nicht eingegangen: „Alle bekamen die gleiche einheitliche Behandlung. Wer die Vorgaben nicht erfüllte, wurde mit dem Time-Out-Raum bestraft.“

Time-Out-Raum nur ein Beispiel

Es sind noch zahlreiche weitere Stellungnahmen beim Weser-Kurier eingegangen, der Inhalt ist immer ähnlich: Kinder, die aus der Klinik entlassen werden, tun meist alles, um nicht mehr dorthin zurück zu müssen. Der Zustand der Jugendlichen sei oftmals schlechter als bei der Einweisung, sie sind gebrochen und eingeschüchtert. Der Time-Out-Raum sei dabei nur ein Beispiel von vielen, aber wohl das schwerwiegendste.

Kooperationspartner setzt Zusammenarbeit aus

Neben der Freistellung des Chefarztes hat der Skandal bereits weitere Veränderungen zur Folge: Das Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) hat die Kooperation mit den Rotenburger Kollegen ausgesetzt, bis die Umstände vollends geklärt sind, wie der Weser-Kurier berichtet. Die Rotenburger Klinik bleibe aber nach wie vor Lehrkrankenhaus des UKE. Lediglich die Abteilung für Jugend- und Kinderpsychiatrie ist davon ausgenommen. Die Klinikleitung arbeite derzeit an einer umfassenden Aufklärung der Vorwürfe.

Betroffene können sich mit Beschwerden und Berichten an eine externe Anlaufstelle wenden (Telefon 040/41189-3861). Patienten, Angehörige und Mitarbeitende können sich auch seelsorgerlich unterstützen lassen (Telefon 0172/4084293).

Von RND/lf

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