Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Panorama Der perfekte Abiball
Nachrichten Panorama Der perfekte Abiball
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:31 10.06.2018
Perfektes Outfit, perfekte Inszenierung: Abibälle werden schon lange nicht mehr in Turnhallen gefeiert, sondern professionell, aufwendig und teuer organisiert. Muss das wirklich sein? Quelle: Unsplash/Hunter Newton
Anzeige
Hannover

Es roch immer etwas nach speckigen Matten und Gummi, beim Tanzen quietschte die Schuhsohle auf dem Turnhallenboden und am frühen Morgen hingen die Girlanden schief – wenn sie überhaupt noch hingen. Eine gelungene Abiparty ließ sich unter anderem am Promillewert der Gäste ablesen. Stolz und betrunken kehrten Generationen von Schülern der Schule den Rücken.

Das hat sich bis heute nicht geändert. Alles andere schon. In den nächsten Wochen werden wieder Tausende Jugendliche den erfolgreichen Abschluss ihrer Schulzeit feiern. Ihre Abibälle allerdings haben mit den biederen Turnhallenfeten aus dem letzten Jahrtausend kaum noch etwas gemeinsam.

Heute inszenieren Abiturienten hochelegante Events, am liebsten mit professioneller Hilfe. Ein ganzes Gewerbe beschäftigt sich nur mit der Abiballsaison. Auch Jacqueline Hegenbart verdient damit ihren Lebensunterhalt. Die 24-Jährige gehört zur Abiball-Leitung von Berlin Event. Die Firmensparte “abiplaner“ wird in den nächsten Wochen rund 100 Partys in Berlin und Brandenburg ausrichten – Hochsaison für die 16 Festangestellten und etwa 1000 freien Mitarbeiter der Veranstaltungsagentur.

Roter Teppich, Feuerwerk, Liveband

Dabei geht es auch darum, die Feier der Nachbarschule möglichst zu toppen. “Es ist schon so, dass die Partys immer größer und auffälliger werden“, sagt Hegenbart. Wie andere Agenturen in Deutschland verkaufen die Berliner auf Wunsch die Tickets zum Ball, kümmern sich ums Catering, die Gema-Gebühren, gestalten die Einladungskarten oder planen die Abschlussfahrt. Der rote Teppich, ein üppiges Büffet und der Fotoautomat sind Standard. Feuerwerk, Luftballonregen oder eine Liveband – alles kein Problem, wird organisiert.

Wichtig, sagt Hegenbart, sei den Schülern das Ambiente. Die Locations lassen für die noch weit entfernten anderen Höhepunkte des Lebens wenig Spielraum nach oben: Da werden schon mal die Große Orangerie von Schloss Charlottenburg in Berlin, das Kölner Stadion, die Festhalle Leipzig oder das Congress-Centrum in Hannover gebucht. Was natürlich nicht ganz billig ist, ein Ticket kann da um die 80 Euro kosten. Hinzu kommt der passende Anzug, das elegante Kleid für diesen einen Abend.

Auch hier bleibt immer weniger dem Zufall überlassen. In den einschlägigen Läden der Innenstädte liegen Listen aus, welches Mädchen welches Kleid gekauft hat. Kein Modell soll am Ballabend mehr als einmal auftauchen. Wer will schon aussehen wie Julia Klöckner und Franziska Giffey bei ihrer Vereidigung als Ministerinnen?

Sehnsucht nach Ritualen

Nicht wenige Eltern geben für die Feierlichkeiten samt Motto-Woche, in der sich die Jugendlichen aufwendig verkleiden und durch die Schule stromern, 500 Euro aus – dazu kommt die Abschlussfahrt, die schon lange eher nach Bulgarien als nach Braunlage geht. Die Frage muss erlaubt sein: Geht’s auch eine Nummer kleiner? Weniger pompös?

Im Prinzip natürlich schon. Nur ist es nicht das, was die meisten wollen. Denn es geht um mehr als eine tolle Party. Die jungen Leute setzten mit ihrer Abschlussfeier einen Meilenstein, das dürfe dann auch etwas kosten, meint der Jugendforscher Klaus Hurrelmann – und sieht den Abiball als Ausdruck eines tiefergehenden Trends.

Hurrelmann beobachtet bei den meist 17 bis 19 Jahre alten Abiturienten ein leidenschaftliches “Zurückholen von Ritualen“ – in einer Zeit, in der das Leben eher ungeregelt sei. Der Soziologe und Mitautor der Shell-Jugendstudie spricht von einem “Ausdruck von Stolz, dass man das geschafft hat“. Die Eltern spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie seien es, die die Kinder gedrängt und gecoacht hätten, die allgemeine Hochschulreife erfolgreich zu bewältigen. “Jetzt sind die Abiturienten stolz, dass sie die Vorgabe ihrer Eltern erfüllt haben.“ Und das wird öffentlich zelebriert.

Anker in der Biografie

An diesem einen Abend ist alles erlaubt – nur nicht an morgen zu denken. Denn nach dem Abitur zerstreuen sich die Schulfreunde in alle Richtungen, es geht ins Ausland, in eine neue Stadt, in ein neues Leben. Ohne die Konstante des Schulalltags. Jeder für sich. Die Abifeiern dienen dazu, “eine Art Anker in der Biografie zu schaffen, damit nicht alles vorbeirauscht“, sagt der Frankfurter Trend- und Zukunftsforscher Andreas Steinle.

Die jungen Erwachsenen wollten in der großen Zeitgleichheit von Studieren, Reisen, Auslandsaufenthalten und den damit verbundenen Freiheiten eine “Beständigkeit über den Moment hinaus gewinnen“. Etwas, was in Erinnerung bleibt. Wisst ihr noch – wir damals auf unserer Party?

Es geht ums Wir. Steinle ist überzeugt: “Das ganz große Thema dieser Generation ist die Geborgenheit in der Gemeinschaft.“ Der Grund sei vor allem die “hochgradige Individualisierung“ der Gesellschaft. Abitur als Gemeinschaftsprojekt, so sehen es auch viele Schüler. Nach dem Motto “Der Weg ist das Ziel“ soll schon die Vorbereitung auf den Ball Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen.

Die Eltern sind nicht ganz unschuldig

“Es gibt viele Leute, für die ist der Abiball ziemlich wichtig“, bestätigt auch der hessische Landesschulsprecher und Abiturient Fabian Pflaume. Sein Jahrgang etwa lässt sich den Ball im gediegenen Wiesbadener Kurhaus rund 25 000 Euro kosten. Einen großen Teil des Geldes haben die Schüler auf Veranstaltungen selbst erwirtschaftet. Manche finden auch einen örtlichen Sponsor.

Doch auch Pflaume wird nachdenklich angesichts der hohen Kosten. Denn nicht alle Eltern haben das Geld, ein solches Event zu stemmen. Und so kann das Gemeinschaftsprojekt auch ausgrenzen. Einige Schulen versuchen, das Pro­blem mit Freikarten in den Griff zu kriegen. Es ist einen Versuch wert.

Dass die Abifeierlichkeiten derart groß geraten, daran sind auch Eltern nicht ganz unschuldig. Sie schwärmen auf der einen Seite von früheren tollen, einfachen Partys – kaltes Bier, heiße Musik und für den Magen ein feuriger Chilitopf. Aber schon die Taufe des ersten Kindes haben sie zum Mega-Event geraten lassen. Danach werden straff organisierte Kindergeburtstage gefeiert. Ganz zu schweigen von üppigen Einschulungs-, Konfirmations- und Volljährigkeitsfesten. Klein und einfach – das liegt auch bei Erwachsenen schon lange nicht mehr im Trend. Der soziale Druck, einen Gang hoch- statt runterzuschalten, ist spürbar.

Vorbilder aus den USA und Großbritannien

Kein Wunder, dass Schüler die Frage, ob der Abiball vielleicht etwas überkandidelt sei, nicht verstehen. Groß, aufgedreht – da hat man wohl noch nie nach Amerika oder Großbritannien geschaut? Auslandsaufenthalte oder TV-Serien führen den Jugendlichen vor Augen, wie man richtig groß feiert.

In den USA ist die Krönung der Highschool-Graduation der sogenannte Prom. Der ritualisierte Abschlussball ist ein überaus wichtiges Ereignis im Leben junger Amerikaner, das mit viel Tradition und Trara begangen wird. Auch der Universitätsabschluss endet dort mit einem rauschenden Fest. Das ist hierzulande nicht üblich. Noch nicht.

Und so bleibt der Abiball das erste und für lange Zeit einzige Fest, das Jugendliche begehen, weil sie etwas aus eigener Kraft geschafft haben. Und weil sie jetzt zumindest formell Erwachsene sind und ebenso erwachsen feiern möchten.

Lasst sie jetzt richtig feiern

Auf einen abgeklärten Beobachter mag das Spektakel rund ums Abitur befremdlich wirken. Zumal allein durch die steigende Zahl der Gymnasiasten die Hochschulreife ihren Status der Exklusivität eingebüßt hat. Und doch: Man kann es ihnen auch einfach gönnen. Dieses überwältigende Gefühl der Befreiung, diesen Schlusspunkt der Bevormundung und gleichzeitigen Startpunkt ins Ungewisse. Lasst sie jetzt richtig feiern – wer weiß, was noch kommt!

Im Zweifel ist das rauschende Abifest eine Zeiterscheinung, die auch wieder verschwinden wird. Es ist gar nicht so lange her, dass Abifeiern als uncool galten. Da gehörte es zum guten Ton, sich nach den Prüfungen das Abschlusszeugnis mit der Deutschen Bundespost nach Hause schicken zu lassen. Was allerdings auch nur eine Form der Übertreibung war.

Von Heike Manssen

Sie war das allererste Bond-Girl: die Schauspielerin Eunice Gayson. Jetzt starb die Britin im Alter von 90 Jahren.

09.06.2018

Ali Bashar, der junge Iraker, der die 14-jährige Susanna aus Mainz nach eigenen Angaben im Alkohol- und Tablettenrausch vergewaltigt und erwürgt haben soll, ist wieder in Deutschland.

09.06.2018

Wenn der Ballermann plötzlich für einen Tag mitten im Ruhrgebiet liegt, dann findet „Oberhausen Olé“ statt – das längste Schlagerkonzert Deutschlands.

09.06.2018
Anzeige