Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Panorama Europa nimmt Abschied vom Bargeld
Nachrichten Panorama Europa nimmt Abschied vom Bargeld
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:13 21.08.2015
Von Thorsten Fuchs
Ein Bund Karotten auf Kreditkarte: Auch bei den Händlern auf den Stockholmer Wochenmärkten, wie hier bei Ömer Aktey, kann man längst bargeldlos zahlen. Quelle: Thorsten Fuchs

Das heißt also, selbst für noch so viele Scheine und Münzen bekommt man hier nichts? Nicht mal so eine kleine Handyhülle? In den Blick der jungen Frau, Isa heißt sie, mischt sich Mitleid. „Sehen Sie“, sagt sie und zeigt zum Tresen, „wir haben ja nicht mal mehr eine Kasse.“ Selbst wenn sie es wollte: Sie wüssten gar nicht, wohin mit dem Geld.

Willkommen in der schönen neuen Welt des Bezahlens: in Schweden – in dem Land, das schon mal vormacht, wie es künftig wohl überall zugeht. Geld ist hier schon von gestern. Jedenfalls Bargeld. Nirgendwo sonst zahlen die Menschen so viel mit Karte und Mobiltelefon wie hier. Eine Reise von Deutschland nach Schweden, das ist eine Fahrt von einem Extrem ins andere, von der Vergangenheit in die Zukunft des Geldverkehrs. Als der Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger in Deutschland vor einigen Wochen zart darauf hinwies, dass Bargeld ein Anachronismus sei und abgeschafft gehöre, wurde er so beschimpft, dass er es nun vorzieht, zu diesem Thema zu schweigen. In Schweden kann man natürlich auch noch mit Münzen und Scheinen bezahlen – jedenfalls wenn man genervte Blicke an der Supermarktkasse ertragen kann und es sich auch sonst lieber schwer macht.

„Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar“, singt Marius Müller-Westernhagen. Wenn Schweden Schule macht, so viel steht fest, sollte er sich lieber schon mal einen anderen Gott suchen.

Die Telefonunternehmen Telia und Telenor haben schon vor rund zwei Jahren das Bargeld aus ihren Geschäften verbannt. Eine Fahrt mit dem Bus in Stockholm? Mit Bargeld keine Chance. Ein Besuch im neuen ABBA-Museum, bei der Gruppe, die mit dem Lied „Money, Money, Money“ berühmt wurde? Ohne Karte unmöglich. „Bargeldloses Museum“ steht an den Schildern am Eingang. „Touristen sind häufig irritiert“, sagt die Frau an der Kasse. Sie und ihre Kollegen bleiben dann freundlich, aber hart. Wer Scheine zeigt, bleibt draußen.

Selbst dort, wo das Geld doch eigentlich zu Hause ist, sucht man es in Schweden inzwischen meist vergeblich. Als vor einigen Monaten ein Mann mit einer Waffe in der Hand die Filiale der SEB-Bank im wohlhabenden Stadtteil Östermalm betrat, hatte er etwas Entscheidendes nicht mitbekommen. „Sorry, aber: Wir haben kein Bargeld“, erklärten ihm die Angestellten. Aus mehr als der Hälfte aller Filialen in Schweden sind Scheine und Münzen inzwischen verbannt. Aber „doch, wir haben noch Bargeld“, beeilt sich der junge Angestellte in der Swedbank-Filiale am Östermalmstorg, zu versichern. „Also: Nicht hier, aber in je einer Filiale im Norden, in der Mitte und im Süden der Stadt, da gibt es das noch.“ Klingt nach einem gnädigen Akt der Grundversorgung für die Ewiggestrigen.

Beim Weg in die bargeldlose Gesellschaft geht Schweden also weltweit mit großen Schritten voran. Aber so manchem geht es dennoch nicht schnell genug. Jedenfalls bekommt Bengt Nilervall jede Woche mehr Anrufe. Nilervall sitzt in seinem Büro in der schwedischen Handelskammer, über den Geschäftsstraßen der Hauptstadt. Händler aus dem ganzen Land wollten vor allem eines von ihm wissen, erzählt Nilervall: „Dürfen wir Bargeld überhaupt einfach zurückweisen?“ Nilervall erklärt dann, was er immer erklärt: dass sie nur ein Schild an ihre Tür hängen müssen: Hier kein Bargeld. Das reicht.

Nilervall kann sehr lange die Vorzüge der neuen Zeiten preisen. „Es ist so praktisch“, schwärmt er. Für den Kunden, der keine Münzen mehr mit sich tragen muss. Für den Handel, der sich das teure Zählen und Herumfahren des Gelds sparen kann – und dessen Angestellte sich sicherer fühlen, weil sich Überfälle kaum noch lohnen. Und schließlich für den Staat, der in einer bargeldlosen Welt Zahlungen besser überwachen kann.

Schweden hat in den vergangenen Jahren einiges dafür getan, um es kleinen und großen Steuerhinterziehern schwer zu machen. Selbst fürs kleinste Schälchen Erdbeeren müssen Schwedens Händler seit 2010 eine elektronische Quittung ausstellen, jedes Geschäft wird registriert. Wer seine Putzhilfe oder einen Handwerker offiziell bucht, erhält einen Zuschuss vom Staat. „Alles zusammen ist ein Schlag gegen die Schattenwirtschaft“, sagt Nilervall. Bargeld, prophezeit er, werde bald schon etwas Anrüchiges sein. Etwas, das nur Alte und Kinder benutzen – und Leute, die etwas zu verbergen haben.

Wenn man Bengt Nilervall eine Weile zuhört, bekommt man jedenfalls das Gefühl, dass Münzen und Scheine eine Last sind, von der man sich möglichst rasch trennen sollte. Und genau das tun die Schweden dann eben auch. Vor allem die Jüngeren. Der 22-jährige Marko Danilovic, Student der Sozialwissenschaften, holt sein Portemonnaie heraus. Es ist, bis auf ein paar Karten, leer. Wann er das letzte Mal etwas in bar bezahlt hat? „Vor drei Monaten“, sagt er. „Im Café.“ Wenn er Freunden Geld geben will, nutzt er Swish – eine App, mit der man Beträge einfach an die Mobilnummer überweisen kann. „Du gehst mit Freunden ins Café, einer übernimmt die gesamte Rechnung, und die anderen swishen ihm dann ihren Anteil“, schwärmt er. Das Verb „swishen“ ist in Schweden inzwischen so verbreitet wie „googeln“. Von der Welt das Bargelds hat sich Marko längst verabschiedet.

Wer was verkaufen will, muss sich auf Menschen wie Marko einstellen. Egal, was oder wie viel er verkauft. Die Markthändler haben zwischen Erdbeeren und Kartoffeln selbstverständlich ihre Kartenleser liegen. Manche Kirchen sammeln die Kollekte elektronisch ein. In der Stockholmer Hedwig-Eleonora-Kirche etwa steht am Ausgang ein Kartenleser für die milde Gabe. „Sonntags gehen wir auch noch mit dem Klingelbeutel herum“, sagt Küster Lars Parmefors. Aber das wird auch irgendwann vorbei sein.

Sogar die Verkäufer des Obdachlosenmagazins „Situation Stockholm“ akzeptieren Kreditkarten. Stefan Wikberg, ein hagerer 62-Jähriger, steht in der Unterführung am Bahnhof, seinem zugigen Stammplatz seit 15 Jahren. Seine Habe hat er in einem Rucksack dabei. Seit Kurzem steckt auch ein Kartenleser darin. Ein Mobilfunkunternehmen hat die Geräte für ihn und seine Kollegen gespendet. Seitdem verkaufe er mehr Zeitungen, versichert er. Einmal in der Woche kann er sich das Geld in der Zentrale der Zeitung abholen. „Karte ist mir genauso lieb wie Cash.“

Allerdings: Die großen Gewinner der neuen bargeldlosen Welt sind nicht Stefan und seine Kollegen. Die großen Gewinner sind die Banken. Drei Prozent kassieren sie im Schnitt bei jeder Transaktion. Doch was gut ist für die Bank, ist nicht unbedingt gut für Ronnie Johannson. Die 88-Jährige geht mit ihrer Einkaufskarre an jener Bankfiliale vorbei, die der Räuber vergeblich überfiel. Früher hat Ronnie Johannson hier ihr Geld abgehoben. Jetzt muss sie dazu immer in den nächsten Stadtteil. Mit dem Bus, mit der UBahn, irgendwie. „Es ist beschwerlich“, sagt sie. Im Internet war die frühere Sekretärin noch nie. Onlinebanking, PIN-Codes, alles das ist ihr fremd. „Mir geht das alles zu schnell“, sagt sie.

Es sind Menschen wie Ronnie Johansson, an die Björn Eriksson denkt, wenn er vor der bargeldlosen Gesellschaft warnt. Der 69-jährige frühere Polizeichef von Schweden zeigt ebenfalls sein Portemonnaie, wenn er zeigen will, worum es ihm geht. Der Inhalt: fünf Bank- und Kreditkarten. „Benutze ich alle“, sagt Eriksson. Daneben steckt ein 500-Kronen-Schein. „Und den will ich auch weiterhin benutzen.“

Für Eriksson ist der Abschied vom Bargeld vor allem eine Idee der Banken, um in schweren Zeiten viel Geld zu verdienen. „Es ist schwer, mit Cash Geld zu machen.“ Das Nachsehen hätten Rentner oder auch Flüchtlinge – Menschen, die mit der Technik Probleme haben oder keinen Zugang zu Kreditkarten. Sie würden an den Rand gedrängt. Und was ist, wenn die Technik ausfällt? Dass eine Welt ohne Bargeld sicherer ist, auch daran glaubt der ehemalige Interpol-Präsident nicht. „Was ist mit der Kreditkartenkriminalität?“, fragt er. „Warum halten die Banken deren Umfang geheim?“ Auch die totale Überwachung durch den Staat und Kreditkartenunternehmen behagt Eriksson nicht. „Das ist für mich eine Gesellschaft, die ich nicht will.“

Björn Eriksson ist der prominenteste Kritiker der bargeldlosen Gesellschaft. Er ist aber auch Schirmherr des Verbands der privaten Sicherheitsindustrie. Das sind die Unternehmen, die die Geldtransporte bewachen. Es gibt sehr viele Interessen rund ums Geld. Und wie nah ist der komplette Abschied vom Bargeld nun wirklich? Nachfrage bei denen, die es wissen müssen – in der schwedischen Reichsbank. Hinter den dicken dunkelgrauen Mauern und doppeltem Panzerglas führt einen Björn Segendorf erst mal an Abbildungen der neuen Kronen- Scheine vorbei, die gerade gedruckt werden – und von Herbst an die alten, leicht zu fälschenden ersetzen sollen. Neue Scheine drucken, während ihr Ende längst beschlossen scheint? Wie passt das zusammen?

„Wir drucken neue Scheine, weil wir glauben, dass sie auch benutzt werden“, sagt der Experte für Zahlungsverkehr. Jedenfalls noch eine ganze Weile. Bislang, betont er, hätten die Schweden noch keine Probleme, bar zu bezahlen. Die allermeisten Geschäfte akzeptieren Bargeld weiterhin – weil sie die Kunden nicht verlieren wollen, die am Bargeld hängen. 20 Jahre gibt er dem Bargeld deshalb noch. 20 Jahre, in denen die Bedeutung aber Jahr für Jahr sinkt. Bis Münze und Schein ganz verschwinden. Gut möglich, dass es schneller geht. Dann, wenn auf einmal 95 Prozent aller Kunden mit Karte zahlen. Und wenn der Handel beschließt, dass es sich für den kleinen Rest auch nicht mehr lohnt, die Kassen zu öffnen. Fürs Erste aber scheint es noch ein paar Gelegenheiten zu geben, in denen das Bargeld schwer zu ersetzen ist. Es wird Abend, der Straßenmagazin- Verkäufer Stefan Wikberg packt seine Sachen zusammen, als ein Passant ihm im Vorbeigehen eine Münze zusteckt. Wortlos, nur mit einem Blick, sie kennen sich. Wikberg schaut kurz auf die Münze in seiner Hand. Dann lässt er sie in seiner Tasche verschwinden.