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Panorama Fall Würth: Milliardärsgattin und Mutter erstaunt über geringe Lösegeld-Forderung
Nachrichten Panorama Fall Würth: Milliardärsgattin und Mutter erstaunt über geringe Lösegeld-Forderung
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22:18 15.10.2018
Carmen Würth (l), Mutter des Entführungsopfers Markus Würth, steht zusammen mit ihrer Anwältin Manuela Lützenkirchen vor einem Verhandlungssaal am Landgericht Gießen. Der Prozess um die Entführung des Milliardärssohnes wurde fortgesetzt. Quelle: dpa
Gießen

Es muss ein schwerer Gang sein für Carmen Würth. Die 81 Jahre alte, aber viel jünger wirkende Frau des Milliardärs Reinhold Würth ist am Montag am Landgericht Gießen als Zeugin geladen. Es ist der dritte Verhandlungstag in dem aufsehenerregenden Strafprozess. Aufgearbeitet wird einer der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre in Deutschland. Ihr geistig behinderter Sohn wurde im Juni 2015 im mittelhessischen Schlitz entführt. Die Lösegeld-Übergabe scheiterte zwar, aber ihr Sohn - damals 50 Jahre alt - übersteht den Horror unbeschadet. Der mutmaßliche Kidnapper gab sein Vorhaben auf und verriet den Aufenthaltsort des hilflosen Mannes.

Im Gerichtssaal muss Carmen Würth nun nur wenige Meter entfernt vom Angeklagten Platz nehmen. Es ist ein 48-jähriger Serbe, der im März in Offenbach festgenommen wurde. Die Frau mit dem tiefschwarzen Haar und dem dunklen Teint besteht die Nervenprobe mit Bravour. Rund eine Stunde lang steht sie dem Gericht Rede und Antwort - souverän und sachlich. Dabei nennt sie einige interessante Details und Einschätzungen.

Als Markus Würth aus einer integrativen Wohngruppe für behinderte und nicht-behinderte Menschen entführt wird, ist Carmen Würth mit ihrem Mann, dem Industriellen und „Schraubenkönig“ Reinhold Würth, auf Geschäftsreise in Griechenland. Dort erreicht sie die Schreckensnachricht der Entführung. Sie reisen sofort zurück nach Deutschland und führen Telefonate mit einem Mann, der sich als „Dr. Hassan“ ausgibt. Er beschaffte sich die Handynummer von Frau Würth, in dem er am Wohnsitz der Würths in Baden-Württemberg angab, Markus Würth stecke in gesundheitlichen Schwierigkeiten.

Drei Millionen erscheinen Würth-Gattin niedrig

Der Mann forderte am Telefon drei Millionen Euro Lösegeld. Die offenbar für Würth-Verhältnisse niedrige Summe habe sie „verwundert“: „Ich dachte, jetzt kommt eine riesige Forderung“, sagte sie in Gießen. Im Wissen, dass ihr Mann ein Milliarden-Vermögen angehäuft hat, erschienen ihr drei Millionen Euro offenbar gering. Die Würths waren gewillt zu zahlen - schnellstmöglich. Doch die Lösegeld-Übergabe zog sich hin und scheiterte. Der Täter gab seinen Plan auf und verriet die Koordinaten zu dem Ort, wo er sein Opfer in einem Wald bei Würzburg an einen Baum gefesselt zurückließ.

Die Ermittler vermuteten, dass Markus Würth auch wegen seines stark eingeschränkten Sprachvermögens als Opfer ausgewählt wurde. Denn mit diesem Handicap scheint es schwer bis unmöglich, Angaben zur Entführung zu machen. Doch möglicherweise haben der Täter und eventuelle Komplizen Markus Würth unterschätzt.

Nach Aussage von Carmen Würth kann der behinderte Mann durchaus Menschen identifizieren, zu denen er schon mal Kontakt hatte. Er könne mit Handzeichen deutlich machen, was ihn mit Personen verbinde. Er habe „durch seine Behinderung andere Stärken“, erklärte die Mutter. Er habe „ein unheimlich gutes Gedächtnis“. Noch deutlich präsent war ihm nach der Tat, wie er gefesselt wurde. Dies machte er daheim mit Gesten vor, wie eine Haushälterin der Würths aussagte.

Markus Würth lebte bis Entführung in Wohngruppe

Als Zeuge wurde auch der Hausvater der Wohngemeinschaft vernommen, in der Würth in Schlitz lebte. Er berichtete: Würth sei ein Mensch mit „guter Beobachtungsgabe und sehr gutem Erinnerungsvermögen“. Er sei Fremden gegenüber aufgeschlossen. Und er habe sich durchaus körperlich wehren können, wenn es zu Konflikten kam. Bei einem Streit rund einen Monat vor seiner Entführung zog er sich allerdings einen Nasenbeinbruch und Blutergüsse im Gesicht zu.

Markus Würth lebte bis zu der Entführung 31 Jahre in der Wohngruppe. Dort bekamen die Angestellten einen Eindruck von seinen Fähigkeiten. Eine Polizistin berichtete als Zeugin von ihren Erkenntnissen aus Befragungen. Würth habe zwar körperlich Kraft gehabt und habe sich wehren können, sei aber auch „sehr feinfühlig“ gewesen. Er könne zwei, drei Worte am Stück sprechen und sich mit Lauten und Gesten verständlich machen. Sein geistiges Niveau befinde sich allerdings auf dem Level „eines Vier- bis Fünfjährigen“.

An einem normalen Wochentag arbeitete Würth in einer Keramikwerkstatt auf dem Gelände der ländlich gelegenen Einrichtung im Vogelsbergkreis, nachmittags war er als Gärtner tätig. Doch am Tattag erschien er aus der Keramikwerkstatt nicht zum anschließenden Mittagessen. Zu diesem Zeitpunkt muss jemand Markus Würth verschleppt haben. Der Prozess wird am 24. Oktober fortgesetzt.

Von RND/dpa